Mobbing: Gibt es das schon im Kindergarten?

Hänseln, ärgern, piesacken – unter Kleinkindern geht es nicht immer nur harmonisch zu. Was Eltern tun können, wenn ständig Konflikte auftreten
von Daniela Frank, aktualisiert am 02.09.2011

Nicht immer nur süß: Kleinkinder können schon richtig gemein sein

Thinkstock/Hemera

"Geh weg, ich wollte gerade schaukeln!" – "Nein, jetzt bin ich dran!", tönt es auf dem Spielplatz. Kinder streiten häufig. In vielen Fällen auch lautstark und tränenreich. "Streit ist notwendig", sagt Dr. Armin Krenz, Wissenschaftsdozent am Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel. "Kinder lernen so, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse mit denen anderer in Beziehung zu setzen." Außerdem könnten sie dabei die Erfahrung machen, dass Konflikte lösbar sind.

Doch wie sollen sich Eltern verhalten, wenn sie mit kleinen Streithähnen konfrontiert sind? "Wenn Kinder einen Konflikt alleine klären können, sollte man sich immer raushalten", so Krenz. Können sie es nicht, helfen Erwachsene am besten mit Konfliktbegleitung. Dazu erklären Sie beiden Kindern die Position des jeweils anderen, zum Beispiel: "Lukas, die Marie freut sich gerade, dass sie so hoch schaukeln kann und will noch nicht aufhören." Oder: "Marie, der Lukas möchte unbedingt auch mal schaukeln. Wie können wir das Problem lösen?" Mithilfe von Impulsen bringen Sie die Kinder dazu, selbst eine Lösung zu finden. Doch natürlich gibt es auch Konflikte, bei denen es nicht nur um Meinungsverschiedenheiten geht, sondern ein Kind gezielt ein anderes ärgert.

Vertrauen aufbauen

Kommt das Kind unter Tränen vom Kindergarten nach Hause, machen sich viele Eltern Sorgen: Muss ich sofort eingreifen? Reagieren Sie am besten besonnen. Weint das Kind, fragen Sie es zunächst, was es bedrückt. "Eltern sollten immer einen guten Kontakt zum Kind pflegen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen", sagt Dr. Andreas Schick, Diplompsychologe und Mitentwickler des Gewaltpräventionsprogramms "FAUSTLOS" für Kindergärten und Schulen. Sie bleiben mit Ihrem Kind im Gespräch, indem Sie zum Beispiel täglich fragen: "Wie war es denn heute im Kindergarten? Was habt ihr gemacht?" So bekommen Sie Einblick in die Rolle Ihres Kindes in der Gruppe. Zudem merkt das Kind, dass Sie an ihm interessiert sind und öffnet sich eher, wenn es etwas bedrückt. Dann können Sie die genaueren Umstände erfragen und beurteilen, wie schwerwiegend das Problem ist.


Immer der Buhmann

Ist das Kind über längere Zeit hinweg in der Opferrolle – wird also häufig beleidigt, gepiesackt, gehänselt oder sogar geschubst oder geschlagen – kann es entweder still und traurig oder aggressiv werden. Außerdem leiden betroffene Kinder oft unter Kopf- oder Bauchschmerzen, schlafen schlecht, sind Bettnässer oder gehen nicht mehr gerne in den Kindergarten. "Mobbing beziehungsweise Bullying kommt auch schon im Kindergarten vor", sagt der Familienpsychologe Schick. "Es tritt jedoch in der Regel erst bei Vorschulkindern auf." Zwischen Drei- oder Vierjährigen gäbe es zwar auch Streit, sie vertrügen sich aber meist rasch wieder. Dr. Armin Krenz denkt anders darüber: "Ich spreche bei Kindern generell nicht von Mobbing. Der Begriff wird mittlerweile inflationär gebraucht und trifft meiner Ansicht nach hier nicht zu." Obwohl die Meinungen der beiden Experten im Bezug auf den Begriff "Mobbing" auseinandergehen, sind sie sich beim Lösungsansatz einig: Bezugspersonen sollten sich dem Kind zuwenden und Dinge ansprechen, die es besonders gut kann. Das stärkt sein Selbstbewusstsein.

Thema kindgerecht ansprechen

Um die Situation in der Kindergartengruppe zu verbessern, wenden Sie sich in jedem Fall zunächst an das Kindergarten-Personal. "Wichtig ist, erst die Sicht der Erzieher und Erzieherinnen einzuholen und Fakten zu sammeln", rät Schick. Wenn Eltern direkt anklagen, kann das leicht ein Schuss nach hinten sein. Denn die oben genannten Symptome können auch andere Ursachen haben, beispielsweise Probleme in der Familie. Bestätigen die Erzieher oder Erzieherinnen den Verdacht, können diese das Thema auf kindgerechte Weise in der Gruppe ansprechen und eine direkte Konfrontation vermeiden. "Die Erzieherinnen überlegen sich zum Beispiel ein Projekt oder eine Gesprächsrunde zum Thema Hänseln", so Schick. "Fragen wie ,Wer von euch kennt das?' oder ,Was kann man dagegen machen?' bringen die Kinder zum Nachdenken, ohne dass eines als Opfer hingestellt wird."

Und was passiert mit den Tätern? "Du stinkst", ruft zum Beispiel ein Kind durch den vollen Raum, um ein anderes bloßzustellen. Das Kind kurzerhand gehörig auszuschimpfen ist kontraproduktiv. "Solchen Kindern geht es selbst nicht so gut", erklärt Krenz. Sie handeln immer nach dem Prinzip ,geteiltes Leid ist halbes Leid' und quälen deshalb andere. Krenz rät, wie auch bei den Opfern, auf das Kind einzugehen und seine Stärken herauszustellen. Wenn es Komplimente dafür bekommt, etwas besonders gut zu können, wird es sich darauf konzentrieren. Es fühlt sich wohl und erzählt ganz von selbst von seinen Problemen. "Das Wichtigste ist, die Stärken von Kindern zu stärken, damit sich die Schwächen schwächen", erklärt Krenz.



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