Muttertag ist für mich einer der bedenklichsten Tage des Jahres. Warum? Weil ich meiner Tochter sehr ungern etwas vormache. Aber am Muttertag geht es nicht anders. Schon Wochen vorher übe ich vor dem Spiegel die passenden Gesichtsausdrücke für die Geschenkübergabe. Völlig überrascht. Zu Tränen gerührt. Von Freude übermannt. In Wirklichkeit denke ich mir: „Oh Gott, wohin mit diesem Ungetüm!“
Ich komme mir schlecht vor dabei. Aber mein Kind hat ohne Zweifel mein nicht vorhandenes Basteltalent geerbt. Leider (oder Gott sei Dank) erkenne ich erst jetzt, was meine Mutter damals durchleiden musste. Meine Muttertagsgeschenke waren ebenfalls von einer schier nicht zu überbietenden Hässlichkeit. Als ich sechs Jahre alt war, übergab ich meiner Mama eine wundervolle Tonvase. Zumindest fand ich sie wundervoll. In Wirklichkeit war sie nichts anderes als ein monströser Batzen Lehm mit einer kleinen Öffnung. Erst seit ich selbst am Muttertag mit solch monumentalen Kleinoden bedacht werde, kann ich die gequält freudvollen Blicke meiner Mutter richtig interpretieren.
Um ehrlich zu sein: Das Problem sind ja nicht die Geschenke an sich. Eher die Gedanken an die Konsequenzen. Denn diese unsäglichen Muttertagsgebilde müssen ja repräsentativ im Wohnraum platziert werden. Ich erinnere mich mit einem leichten Schaudern an das Präsent vom letzten Jahr. Laut der Erzieherin vom Kindergarten sollte es ein Spiegel in Form einer Sonne sein. Bei den anderen Kindern konnte man das auch durchaus erkennen: hübsch angemalte Tonteller mit aufgeklebten Spiegelflächen, verziert mit bunten Steinchen. Was meine Tochter im Bastelwahn allerdings kreierte war ein überdimensionales, gigantisches, undefinierbares Etwas. Und von wegen bunte Steinchen. Meine Tochter verzierte die komplette Spiegelfläche mit ausgeschnittenen Lebensmittelbildern aus Supermarkt-Prospekten. Sah man also in das Spiegelungetüm, erblickte man auf Nasenhöhe die Hüftsteaks vom Rind und auf Augenhöhe den fettarmen Joghurt.
Trotzdem hab ich mich natürlich sehr „gefreut“ darüber. Dank wochenlanger Übung. Der Stolz im Blick meiner Tochter ist die ganze Schauspielerei auch irgendwie wert. Das Problem war eher: Wohin mit diesem Quasi-Spiegel? „Aufhängen!“, forderte meine Tochter. Und da ich vorher so begeistert tat, fiel es schwer zu rechtfertigen, warum das gute Stück am besten im Keller aufgehoben sei. Also: Mitten ins Wohnzimmer.
Inzwischen habe ich mich an dieses riesige Ding mit den aufgeklebten Fischstäbchenpackungen fast gewöhnt. Nun habe ich aber mitbekommen, was im Kindergarten dieses Jahr für Muttertag geplant ist: Ein Herz aus Pappmaché. Ich kann nur erahnen, was mich diesmal erwartet.

Sandra Schmid ist Mutter der fünfjährigen Leni und freie Autorin
Vielleicht mache ich es so wie meine Mutter. Die war nämlich irgendwann komplett schmerzfrei, was meine Muttertagsgeschenke anging. Sie hing jede noch so hässliche Collage auf und stellte jedes Vasen-Scheusal tapfer auf den Wohnzimmertisch. Sie wartete geduldig bis ich ins Blumen-schenk-Alter gekommen war und machte dann einfach Tabula rasa. Aufgrund einer „dringend notwendigen Umgestaltung“ des Wohnzimmers wurden alle meine Muttertagsgeschenke entfernt und in die hinterste Ecke des Speichers verbannt. Auch das Vasen-Scheusal – trotz Blumen-schenk-Alter.
Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de;
11.05.2012
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