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Kolumne: Mama, ich will ein Haustier!

... und zwar am liebsten eine Ratte. Mit diesem Herzenswunsch ihrer Tochter musste sich Autorin Sandra Schmid erst anfreunden. Dabei hat Mama Schmid den Haustier-Vorschlag selbst gemacht


Katzen sind beliebte Haustiere – manche Kinder wünschen sich aber auch Ratten

Als ich sechs Jahre alt war, setzten mir meine Eltern ein kleines Knäuel Leben in die Hand. Eine Katze. Meine Katze. Glückseligkeit auf vier Pfoten. Sie war ein großartiges Tier, wir lebten auf dem Land, die Mieze machte kaum Arbeit, sie genoss gesegnete 23 Jahre Katzenleben und starb einen friedlichen Tod. Der romantische Werdegang einer Haustiergeschichte.


Dieser Idealfall hat mich dazu animiert meiner Tochter vor einigen Monaten vorzuschlagen, uns auch ein Haustier in die Wohnung nehmen. Freude strahlendes Gesicht, große Umarmungsszenen, quieksendes „Jaaaaa!“. Ich hatte direkt ins Schwarze getroffen. Was war ich doch für eine weise und gute Mutter. Immer die glorifizierte Historie von meiner Katze im Hinterkopf. Hätte ich zu dem Zeitpunkt gewusst, was ich ein paar Wochen später erkennen musste, ich hätte mit dem eigenen Schultergeklopfe mit Sicherheit noch gewartet.

Die Haustier-Geister, die ich rief

Denn: Wir leben eben nicht auf dem Land, sondern in einer kleinen Wohnung mitten in München. Also nichts mit Tür auf, Tier raus, Tür zu. Die Diskussion, welches Haustier man auf 60 Quadratmetern halten könne, kostete mich die nächsten Tage den letzten Nerv. Ein Hund? Eine Katze? Eine Eule? Ein kleines Kälbchen? Ein Pony? So ging das den lieben langen Tag. Ich musste meiner Tochter klar machen, dass die Anschaffung ein Wohnungstieres leider an gewisse Bedingungen geknüpft ist: nicht größer als eine Schuhschachtel und nicht lauter als unser Kühlschrank. Zwei süße Nager, das wäre gut. Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster, so was in der Richtung. Ok, meinte meine Tochter mit Denkerstirn, was kleines Felliges also. Irgendwie ahnte ich schon, dass da noch was kommt.


Frau Sandra Schmid, Autorin

Autorin Sandra Schmid

Und tatsächlich – ich weiß nicht, wie sie auf diese Idee kam – verkündete sie mir zwei Tage später: „Mama, ich weiß jetzt, was ich will: Ratten!“ Mir fiel erst mal die Kinnlade bis auf den Parkettboden. Wie bitte? Hatte ich richtig verstanden? Ratten? „Ja, die sind so süß! Und Namen habe ich auch schon: Piepsi und Pupsi.“ Langsam nahmen meine Knie die Konsistenz von Marshmellows an. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein? Meine sechsjährige Tochter macht auf Punk und will ihre Ratten Piepsi und Pupsi nennen? Was kam als nächstes? Die Sicherheitsnadel durchs Ohr? Ganz ehrlich: In diesem Moment verfluchte ich diese ganze romantische Geschichte mit meiner Katze und die schlauen Pädagogen, die immer betonen, wie toll Haustiere für Kinder seien, ihr Selbstbewusstsein stärken und das Verantwortungsgefühl fördern würden. Nicht für den Preis von Piepsi und Pupsi!!

Müssen es wirklich Ratten sein?

Ich ließ mir meinen Schock nicht anmerken und antwortete so gelassen wie möglich: „Na, wir schauen mal...“ Abends setzte ich mich dann vor den Computer und recherchierte über Ratten als Haustiere. Was wusste ich schon über sie? Meine einzigen Assoziationen waren Kanalisation, Krankheiten, Katzenfutter! Ich fing an zu lesen und etwa drei Stunden später blickte ich das erste Mal wieder hoch. Nicht dass ich plötzlich zum absoluten Ratten-Fan mutiert bin, aber ich musste zugeben, dass ich die kleinen Nager wirklich unterschätzt hatte. Klug sind die nämlich. Empathisch und sozial. Zahm können sie auch werden, hieß es. Und interessant: Nach der Katze sind Ratten mit Abstand die reinlichsten Haustiere. Und irgendwie: Mit ihren dunklen Kulleraugen, die waren schon auch süß.

Vor ein paar Wochen sind nun die zwei Farbrattenladies Piepsi und Pupsi bei uns eingezogen. Glückseligkeit auf vier Pfoten. Meine Tochter kümmert sich rührend um die Nager und gibt damit jedem schlauen Pädagogen Recht. Und manchmal, wenn die beiden Ratten-Damen neben mir auf der Couch sitzen und sich das Schnäuzchen putzen, hab ich fast das Gefühl, mich für meine eigenen Vorurteile entschuldigen zu müssen.




Bildnachweis: W&B/Privat, LiquidLibrary/ DynamicGraphics

Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de; 15.06.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, LiquidLibrary/ DynamicGraphics

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