So schön wie Mama, das wollen kleine Mädchen oft sein. Deshalb wird der teure Lippenstift großzügig im Gesicht verteilt
Babys mit hochgegeltem Haarflaum, kleine Mädchen mit pink lackierten Nägeln und Jungen mit bunten Abziehtattoos: Schon irgendwie niedlich. Aber sind solche Stylingprodukte tatsächlich etwas für die Allerkleinsten? „Es kommt immer darauf an, ob ein Kind selbstbestimmt danach verlangt oder es in Wirklichkeit die Eltern sind, die ihren Nachwuchs zu Ohrringen, Strähnchen und Kinder-Maniküre überreden“, sagt Dr. Klaus Rodens, niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Langenau bei Ulm und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.
Sich mit Freundinnen zu verkleiden und den Schminkkoffer der Mama mal auszuprobieren sei normal. Aber schon im Kindergartenalter dauerhaft wie eine kleine Lady herumzulaufen, hält Rodens für gefährlich: „Wenn Kinder gar nicht mehr richtig Kinder sein dürfen und nur einem erwachsenen Ideal nacheifern, können sie ihre eigene Persönlichkeit nicht entfalten.“ Außerdem sei es bedenklich, wenn Oberflächlichkeiten wie das Aussehen schon bei den Kleinen eine so große Rolle spielen. „Da werden früh falsche Werte vermittelt“, findet der Arzt. Aber auch aus medizinischer Sicht sind nicht alle Beauty-Maßnahmen für die zarte, empfindliche Kinderhaut geeignet. Worauf Eltern achten sollten, lesen Sie hier:
Schminke
Prinzessin sein, Cowboy spielen – beim Karneval gehört das Schminken einfach dazu. Am besten im Geschäft nach Kinderschminke und Lippenstift für empfindliche Haut Ausschau halten. Die enthält schonendere Inhaltsstoffe und ist auf sensible Kinderhaut abgestimmt. „Die Haut verträgt Schminke in der Regel gut“, sagt Dr. Ursula Steinert, Hautärztin aus Biberach. Bei Wunden und Herpesbläschen und wenn die Haut sowieso schon gereizt und entzündet ist, sollten Eltern aber lieber auf Katzengesichter und Co. verzichten. „Wer Farbe in eine offene Stelle reibt, nimmt im schlimmsten Fall einen Tätowierungseffekt in Kauf“, sagt Steinert. „Die Farbe kann dann für Jahre in der Haut verbleiben.“ Grundsätzlich gilt: Immer gut abschminken. Das geht am besten mit Watte und Reinigungsmilch.
Nagellack
Bunt lackierte Fuß- und Fingernägel kommen bei kleinen Mädchen fast immer gut an. „Bei Kindern unter einem Jahr würde ich davon abraten“, sagt Hautärztin Steinert. Haut und Nägel sind bei den Kleinen noch sehr weich und empfindlich und neigen zu Reizungen und Rötungen, wenn sie mit den chemischen Inhaltsstoffen der Lacke in Berührung kommen. Besser geeignet als herkömmliche Lacke sind spezielle Kindernagellacke mit hautfreundlicheren Bestandteilen.
Tattoos
Echte Tattoos haben auf Kinderhaut nichts zu suchen: Viel zu groß ist das Risiko einer dauerhaften Hautschädigung. Aber was ist mit Abziehbildern aus Süßigkeitsverpackungen oder Zeitschriften? „Aus hautärztlicher Sicht grundsätzlich kein Problem“, sagt Steinert. „Allerdings sollte man Kindern klarmachen, dass sich ein Abziehbild im Gegensatz zu einem echten Tattoo zum Glück nach ein paar Tagen wieder entfernen lässt.“ Bedenklicher sind Henna-Tattoos, die als Urlaubssouvenir einen Platz auf der Kinderhaut finden. „Davor kann ich nur warnen“, so Rodens. Die darin enthaltenden Farbstoffe verursachen oft Kontaktallergien. Sie können mit so starken Entzündungen einhergehen, dass manchmal ein Leben lang Narben bleiben.
Ohrringe
In manchen Ländern bekommen schon Neugeborene Ohrlöcher gestochen. Aber auch hierzulande sind Glitzerstecker und Anhängerchen bei Kleinkindern längst gang und gäbe. „Es gibt durchaus eine Tendenz nach oben“, sagt Steinert. Die niedergelassene Hautärztin hält Ohrringe bei kleinen Kindern aus gesundheitlicher Sicht grundsätzlich nicht für bedenklich, denn die kleine Ohrverletzung heilt in der Regel ohne Probleme ab. Wichtige Voraussetzung aber: Die Löcher werden sachgerecht unter sterilen, hygienischen Bedingungen gestochen. Sonst drohen Infektionen, etwa Hepatitis. Bei der Wahl der Ohrringe sollten Eltern auf nickelfreies Material achten. Denn Modeschmuck, der Nickel enthält, verursacht bei längerem Tragen häufig eine lebenslange Kontaktallergie, die mit Juckreiz und Entzündungen einhergeht. Außerdem wichtig: Die richtige Pflege. Anhänger und Stecker sollten regelmäßig geputzt werden. Abends gehört der Schmuck nicht ins Ohr, sondern auf den Nachttisch, die Kinder könnten sich sonst im Schlaf verletzen.
Parfüm
Die meisten Parfüms enthalten Alkohol und bestimmte Pflanzenextrakte, die Babys Haut reizen können oder allergische Reaktionen auslösen. „Im ersten Lebensjahr würde ich dringend davon abraten“, sagt Ursula Steinert. Ohnehin seien Parfüms bei den Kleinen absolut nicht notwendig. „Im Gegensatz zu uns Erwachsenen brauchen Kinder keinen Körpergeruch zu übertünchen, sie riechen nicht nach Schweiß“, erklärt Klaus Rodens. Ist der Wunsch nach gutem Duft allzu groß, lieber auf die Kleidung als auf die Haut sprühen!
Haargel
Coole Igelfrisuren, witzige Iros – das geht nur mir einer ordentlichen Portion Haargel. „Grundsätzlich spricht medizinisch auch nichts dagegen“, sagt Dermatologin Steinert. Für zarte Kinderhaut sind Gele ohne Duftstoffe und Alkohol dennoch am besten geeignet. Außerdem sollten sie leicht auskämmbar sein. So groß die Freude am Anfang über die Trend-Frisur auch ist, wenn es später beim Auskämmen ziept, wünscht sich manche Mutter den glatten, ungestylten Babyflaum zurück.
Julia Schulters / Baby und Familie;
05.01.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Getty Images/Stone
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