Familie: Welche Rolle spielen Großeltern heute?

Das Verhältnis von Enkeln und Großeltern ist heute ganz anders als früher. Was Familien verbindet oder trennt und wie man mit Konflikten umgeht, erklären Experten
von Peggy Elfmann und Julia Jung, aktualisiert am 30.03.2016

Eine Familie, viele Persönlichkeiten: Schön, wenn dennoch alle miteinander verbunden sind

W&B/Forster und Martin

Ein Bonbon nach dem anderen wandert aus ihren faltigen Händen in die Kindermünder. Auf dem Sofa das Strickzeug und auf den Lippen ein "Das hätte es früher nicht gegeben"... Die typische Oma? Mitnichten. "Wir sollten die romantischen Illusionen über Großelternschaft vergessen, das ist heute keine Realität mehr", sagt der Familiensoziologe Prof. Dr. François Höpflinger von der Universität Zürich, Schweiz.

Die "neuen" Alten

Dabei ist die Realität heute keineswegs schlechter als das überholte Omi- und Opi-Image: "Die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern ist heute viel enger als noch in der Generation davor", so Höpflinger. Davon profitieren nicht nur die Kinder, sondern die ganze Familie.

Die Allianz der Generationen beruht in den meisten Fällen auf einer einfachen Tatsache: Großeltern und Enkel sehen sich häufiger. Großmütter und -väter sind die drittwichtigste Betreuungsinstanz für Kinder im Krippen- und Kindergarten-Alter, berichtet das Deutsche Jugendinstitut (DJI). In Zeiten, in denen Kita-Plätze rar sind und beide Elternteile arbeiten, werden Oma und Opa wieder wichtiger. Jedes dritte Kind hierzulande, das noch wenigstens einen Großelternteil hat, wird von den Großeltern mindestens einmal in der Woche betreut. Immer deutlicher zeigt sich aber auch: Großeltern heute passen nicht in eine Schublade. "Sie haben ein sehr unterschiedliches Rollenverständnis und leben das auch so", sagt der Entwicklungs- und Erziehungs­psychologe Prof. Dr. Ulrich Schmidt-Denter von der Universität Köln.

Oma-Sein ist Typ-Sache. Schmidt-Denter spricht von vier verschiedenen Stilen im Groß­eltern-Enkel-Verhältnis:

Ruhe erwünscht

Also braucht es einen wilden Spiel-und-Spaß-Opa, und das war’s? "Nein. Völlig überdrehte Groß­eltern würden einem Kind nicht guttun", sagt ­­Familiensoziologe Höpflinger. Im Gegenteil: Die Ruhe, die alte Menschen meist ausstrahlen, bietet den Kleinen einen wichtigen Gegensatz zu lauten Kindergartentagen oder vollen Nachmittags-Stundenplänen.

Prof. Dr. François Höpflinger ist Familiensoziologe an der Universität Zürich, Schweiz

W&B/Privat

Eine Oma, die mit dem Nachwuchs aber auch mal Autorennen mit der Spielekonsole spielt, widerlegt automatisch lästige Klischees vom Alter. Dennoch bekommt der Nachwuchs Gespür und Verständnis für Gebrechlichkeit, selbst wenn ihm die Lebensjahre seiner Großeltern meist egal sind.

"Großeltern lernen von ihren Enkeln mehr als umgekehrt", hat Höpflinger herausgefunden. Während die Kleinen überall Neues entdecken, gibt es das so für die Alten nicht mehr.

Durch den Umgang mit den Kindern werden die Großeltern jedoch toleranter, zum Beispiel für technische Dinge. Sie sehen die Welt nicht nur durch die Augen der Enkel, sie versuchen auch, sich in sie hineinzuversetzen.

Prof. Dr. Ulrich Schmidt-Denter ist Entwicklungs- und Erziehungs­psychologe an der Universität Köln

W&B/Privat

"Andererseits geben ­Großeltern den Enkeln häufig einen neuen Blick auf die Familie", so Schmidt-Denter. Wenn Oma erzählt, wie lange die Familie damals auf ein eigenes Auto sparen musste. Oder warum ein Kinderleben in der ehemaligen DDR ganz anders war, als es der Enkel heute erlebt, dann ist das mehr als eine Geschichts-Lehrstunde. Enkel oder Enkelin erfahren, dass in jeder ­Generation andere Voraussetzungen zum Großwerden herrschen und dass diese einen für das Leben prägen.

Traditionen verbinden

Kinder lieben Rituale und Familien­bräuche. Mama hat dieses Jahr keine Lust auf die komplizierte Oster­torte nach Uromas Rezept? Nichts da, Opa und Enkelin bestehen darauf und packen in der Küche mit an. "In dieser Sache werden Enkel und Großeltern zu Verbündeten", erklärt Höpflinger. Jung und Alt sorgen dafür, dass Familientraditionen gepflegt werden.

Prof. Dr. Günter Reich ist Psychotherapeut in Göttingen und Mitbegründer der „Mehrgenerationen-Familientherapie“

W&B/Privat

Weiterer Pluspunkt der Großeltern: Sie sind gelassener in Erziehungsfragen. "Sie kennen zwar die Alltagsprobleme der Familie, können aber entspannter damit umgehen, weil sie Ähnliches schon einmal durchgemacht haben", so der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Günter Reich von der Universität Göttingen. Er hat an der Universität Göttingen die "Mehrgenerationen-Familientherapie" mitbegründet und bespricht bestimmte Konflikte innerhalb der Familie gerne im großen Kreis. "Großeltern können in verschiedenen Rollen wichtig für die Familie sein. Sie begegnen Problemen mit mehr Lebenserfahrung. Und sie bieten Kindern einen stabilen Halt, wenn es zwischen den Eltern kriselt."

Fluchtpunkt für Enkel

Gleichzeitig können sie aber auch Auslöser eines Konfliktes sein. "Manchmal liegt die Ursache für einen Streit zwischen Eltern und Kindern in der gestörten Beziehung zwischen Eltern und Groß­eltern", sagt Reich. Schritt für Schritt analysiert er dann mit der Familie tiefer liegende und verdrängte Prob­leme. "Ein typischer Fall: Ein meist junger Elterteil hat sich noch nicht vollständig von den eigenen Eltern gelöst. Dann fragt vielleicht die Frau eher die Mutter um Rat als den eigenen Partner", so Reich. Also müssen die Eltern erst lernen, was es bedeutet, erwachsen zu sein. Gleichzeitig müssen die Groß­eltern loslassen.

Und können dann eine ihrer wichtigsten Funktionen erfüllen: Großeltern bilden für Enkel häufig eine Art Fluchtpunkt, wie Psychologe Reich sagt. Es tut gut, wenn Regeln und Stundenpläne mal locker gesehen werden und kleine Kindersorgen nicht im Haushaltsstress untergehen. "Natürlich darf man nicht jede Anweisung umgehen. Aber es hilft, wenn Groß­eltern etwas ruhiger, gelassener und großzügiger sind als die Eltern", erklärt Reich.

Oma gesucht!

Sie springen ein, wenn in ­einer Familie Großeltern fehlen: Immer mehr Ältere, die selbst keine oder nur weit entfernt lebende Enkel ­haben, kümmern sich um ­fremde Kinder. Die Vermittlung übernehmen meist Wohlfahrtsverbände, Familienzentren oder kirchliche Verbände.

Die etwa 100 ­Organisationen, die in Deutschland solche ­Patenschaften vermitteln, haben einen großen Eltern-­Zulauf, die Wahl-Großeltern sind gefragter denn je. ­Dabei sind Eckpunkte wie Bezahlung oder Sicherheit von Organisation zu Organisation sehr unterschiedlich geregelt.

Kinder, die von Leih-Groß­eltern betreut werden, ­bauen zu ihnen ein vergleichbares Verhältnis wie zu "normalen" Großeltern auf. Und auch die Senioren fühlen sich den Familien häufig sehr nah, oft entstehen Freundschaften.



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