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Dialekt: Vorteil oder Nachteil für Kinder?

Sollten Eltern ihren Dialekt an den Nachwuchs weiter geben? Lange Zeit war das verpönt. Heute glauben Wissenschaftler, dass Dialekte die Sprachbegabung sogar fördern


Dialekt bei Kindern findet man irgendwie "süß". Aber tut er ihnen auch gut?

Goethe sprach tiefstes Hessisch. Schiller ein breites Schwäbisch. Ihre Werke, in bestem Deutsch, sind bis heute Pflichtlektüre in der Schule. Funktioniert dieses sprachliche Nebeneinander von Hochdeutsch und Dialekt auch, wenn man nicht zu den dichterischen Ausnahmefällen dieses Landes zählt? Haben Dialekt sprechende Kinder eher Vorteile oder eher Nachteile in der Schule – und im ganzen späteren Leben?

Das Vorurteil, dass die Kleinen im Kindergarten und in der Schule durch Dialekt Nachteile haben könnten, stammt aus den 1960er Jahren. Damals war man in Deutschland, vor allem in den Großstädten, der Meinung, dass Kinder möglichst ausschließlich auf Hochdeutsch erzogen werden sollten. Dialekte wurden mit einem niedrigen sozialen Status verbunden. Inzwischen sind sich Wissenschaftler jedoch einig: Ob Bayerisch, Sächsisch oder Platt – Kinder, die zusätzlich zum Hochdeutsch einen Dialekt sprechen, sind im Vorteil.


Dialekt als Zweitsprache

„Wenn ein Kind gleichzeitig mit Dialekt und Standardsprache aufwächst, gilt das für die Hirnforschung als eine Variante von Mehrsprachigkeit,“ sagt Professor Anthony Rowley, Sprachforscher und Mundart-Experte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „In der Wissenschaft weiß man heute, dass Mehrsprachigkeit immer von Vorteil für die geistige Entwicklung von Kindern ist.“ Kinder, die Hochdeutsch und einen Dialekt lernen, werden sich später wahrscheinlich leichter tun, Fremdsprachen zu erlernen.

Mädchen und Jungen bis zum vierten Lebensjahr fällt es meist sehr leicht, sich in unterschiedlichen Sprachsystemen zurecht zu finden. Egal, ob die Kinder mit Fränkisch oder Französisch als „Zweitsprache“ aufwachsen: Sie lernen von klein auf, mit verschiedenen Sprachgefügen und Aussprachen, einem umfangreicheren Wortschatz und unterschiedlichen grammatikalischen Strukturen umzugehen.

Auf mehreren Sprachebenen zuhause

„Kinder, die zusätzlich Dialekt sprechen, bemerken bereits sehr früh den Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache,“ sagt Rowley. Das ist gerade deswegen so bedeutend, weil selbst im exakten Hochdeutsch nicht alles so geschrieben wird, wie man es spricht, zum Beispiel „Vogel“ und nicht „Fogel“ oder „heute“ und nicht „hoite“.

Schüler, die ausschließlich mit Hochdeutsch aufwachsen, haben teilweise größere Schwierigkeiten, die mündliche Sprache in die schriftliche Form zu bringen. Eine Studie der Universität Oldenburg bestätigt das: Über mehrere Jahre hinweg untersuchten Wissenschaftler die Aufsätze von Dritt- bis Sechstklässlern. Das Ergebnis: Mundart sprechende Kinder machten 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler.

Dialekt und Hochdeutsch: Beides ist wichtig

Doch der Mensch sollte zwischen Dialekt und Hochsprache wechseln können, je nachdem, was der Situation angemessen ist. Wer nicht „umschalten“ kann, gilt womöglich als „Dorfdepp“, provinziell und peinlich. Was ist also, wenn ein Kind ausschließlich mit Dialekt aufwächst und kein Hochdeutsch lernt? Professor Rowley hält das für unwahrscheinlich: Spätestens ab dem Kindergartenalter entwickelt sich die Sprache des Kindes auch außerhalb des Elternhauses: In Kita oder Kindergarten, im Restaurant, beim Arzt, bei Verwandten oder Freunden. „Man kann davon ausgehen, dass eigentlich alle Dialekt sprechenden Kinder mit beiden Sprachen aufwachsen,“ sagt der Sprachforscher. Zumindest passive Standardsprachkenntnisse sind bei jedem deutschen Kind vorauszusetzen. Allein schon durch Fernsehen, Radio oder Hörspiele – Kinder kommen ständig mit dem Hochdeutschen in Kontakt.

Beide Sprachebenen fördern

Das soll Eltern aber nicht von einer aktiven Förderung der Hochsprache freisprechen. Natürlich sollten sie dafür sorgen, dass ihr Kind sich auch im Hochdeutschen gut zurecht findet. Gezielt kann man das durch tägliches Vorlesen oder Singen unterstützen. Außerdem können Eltern auch vorleben, wann Dialekt – zum Beispiel mit Freunden – und wann Hochdeutsch – zum Beispiel beim Arzt – angemessen ist. Der problemlose Wechsel zwischen den unterschiedlichen Sprachvariaten gelingt Dialekt-Kindern dann meist sehr gut.

Problematisch kann es werden, wenn eigentlich Dialekt sprechende Eltern ständig versuchen, die Mundart ihren Kindern gegenüber zu vermeiden. „Diese Eltern sprechen dann meistens ein sehr hölzernes Beamtendeutsch, von dem sie glauben, es sei Hochdeutsch,“ sagt Rowley. Die Sprache klingt oft gestelzt und gekünstelt. Wenn die Kleinen das übernehmen, könnte es ihre Sprachfertigkeit eher einschränken als fördern.

Lebendiges Deutsch

Der Dialekt ist auch immer Ausdruck der eigenen Identität und bietet den Kindern die Möglichkeit, ihren Gefühlen und Gedanken auf unterschiedliche Art Ausdruck zu verleihen. Ein zusätzlicher, authentischer regionaler Wortschatz ist gut für das Sprachverständnis und vermittelt den Kindern ein besseres Sprachgefühl. Deswegen wenden sich Sprachdidaktiker wie Dr. Rupert Hochholzer von der Universität Regensburg oder Mundart-Verbände in Deutschland gezielt an Kindergärten, um bei den Erzieherinnen für die Akzeptanz und Wertschätzung der Dialekte zu werben.

Manche Wissenschaftler sagen sogar: Dialekte fördern die Kreativität und das abstrakte Denken. „Dialekte haben eine Menge bildhafter Redensarten, die die gesprochene Sprache erst lebendig machen,“ sagt Rowley. So ist in Bayern eine todsichere Sache eine „gmahde Wiesn“ ( = gemähte Wiese). Und in Köln beschwert man sich über ein unaufgeräumtes Zimmer, indem man sagt: „Do finge sibbe Katze kei Müüsje drin widder!“ (= Da finden sieben Katzen keine Mäuschen drin wieder.) Fazit: Das Hochdeutsche kann durch Mundartkenntnisse gewinnen – wenn man beides kann.




Bildnachweis: W&B/Forster & Martin

Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de; aktualisiert am 16.04.2014, erstellt am 22.03.2012
Bildnachweis: W&B/Forster & Martin

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