Bauchweh! Magen-Darm-Probleme bei Kindern

Dreimonatskolik, Infekt, Blinddarmentzündung – es kann vieles dahinterstecken, wenn kleine Kinder unter Bauchschmerzen leiden. Wie Eltern am besten reagieren

von Dr. Susanne Kailitz, aktualisiert am 25.04.2016

Bauchweh? Ein Hinweis auf den Grund kann sein, wo der Schmerz genau sitzt

W&B/Forster und Martin

"Aua, Bauchweh!" Fast ­alle Eltern haben das schon einmal von ihrem Kind gehört. Bauchschmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Wehwehchen der Kleinen. Oft stellt sich dann allerdings die Frage: alles ganz harmlos, oder ist es ein ernsteres Problem?

Haben Schreibabys Bauchschmerzen?

Schon die Kleinsten sind geplagt: Die sogenannten Dreimonatskoliken können zu ­schier endlosen Schreiattacken führen, vor allem in den frühen Abendstunden. Die Dresdner Hebamme Jessica Mus­tin betreut viele Familien, in denen die Eltern völlig verzweifelt sind, weil das Baby sich nicht beruhigen lässt. Ihnen versucht sie zu erklären, dass Schreiphasen bei Säuglingen häufig vorkommen und mit der körperlichen Entwicklung zusammenhängen können. "Man darf nicht vergessen, dass der Fetus im Mutterleib zwar ausführlich seine Blase und die Nieren trainiert, der Darm aber noch nicht aktiv ist", so die Hebamme. "Das ändert sich erst mit der Geburt – dann scheidet der Darm zunächst das Kindspech und später Stuhlgang aus." Auch die Darmflora muss sich noch entwickeln. Häufig wird die Unruhe der Kleinen mit Koliken erklärt, wissenschaftlich ist allerdings nicht bewiesen, dass Babys tatsächlich daran leiden.


Die gute Nachricht für ­Eltern: Nach drei Monaten lässt die Schreierei in aller Regel deutlich nach. Bei akuten Attacken können dem Kleinen Entschäumer-Tropfen, Bauchmassagen (zum Beispiel mit Kümmelöl), Tee mit Kümmel-Anis-Fenchel sowie der Fliegergriff helfen. Übermäßige Luft kann dann besser aus dem Darm entweichen.


Jessica Mustin arbeitet als Hebamme in Dresden

W&B/Privat

Dass der Speiseplan der Mutter schuld ist, wenn Stillkinder an Koliken oder Verstopfungen leiden, dafür gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. "Ich beobachte aber immer wieder, dass scharf gewürztes Essen oder bestimmte Gemüsesorten bei den Kleinen zu Verdauungsproblemen führen", sagt Mustin. Nicht zu unterschätzen sei aber auch Stress durch zu viele Besucher oder Unternehmungen während des Wochenbetts: "Das Kind muss dann zu viele Eindrücke verarbeiten. Und dies tut es häufig über den Bauch."


Dr. med. Thorsten Fröhlich ist Kinderarzt in Forchheim

W&B/Privat

Den Schmerz lokalisieren

Deshalb lässt sich auch bei älteren Kindern nicht immer ­ohne Weiteres sagen, ob die Bauchschmerzen organische ­Gründe haben. Ein Anhaltspunkt für viele Ärzte ist, wo Kinder – sofern sie es schon können – ihre Schmerzen verorten.

Dr. med. Thorsten Fröhlich, Kinderarzt in Forchheim, erklärt: "Als Faustregel gilt: Je ­weiter die Schmerzen vom Nabel entfernt angesiedelt sind, ­desto höher ist die Gefahr, dass sie eine organische Ursache haben." Wachsam sollten Eltern immer dann sein, wenn die Kinder empfindlich auf Berührungen des Bauches reagieren, die Beine anwinkeln, sich krümmen oder vor Schmerzen weinen. "Wenn Eltern den Eindruck ­haben, es stimmt etwas nicht, sollten sie sich auf dieses Gefühl verlassen und in jedem Fall einen Arzt aufsuchen."


Ines Enge ist Psychologin bei der Beratungsstelle für Kinder, Jugend, Familie der Arbeiterwohlfahrt in Chemnitz

W&B/Privat

Infekt oder Blinddarmentzündung?

Steckt ein Magen-Darm-Infekt hinter den Bauchschmerzen, geht er oft mit Durchfall oder Erbrechen einher. Manchmal kommt auch grünlich ­gelber Schleim. Ein Kinderarzt sollte die Symptome abklären. Vor allem bei Babys gilt: Trinkt ein Säugling nicht oder kommt Fieber dazu, sollten Eltern sofort mit ihm zum Arzt. Von Nahrungspausen, wie sie früher bei Durchfall und Erbrechen üblich waren, rät Fröhlich ab: "Der Darm braucht Nährstoffe, deshalb sollte Kindern immer wieder leicht verdauliche Nahrung angeboten werden."

Wenn nichts im Magen bleiben will, besteht die Gefahr, dass die Kleinen dehydrieren. Das heißt, sie verlieren zu viel Flüssigkeit und körpereigene Salze. Hier helfen Glukose-Elektrolyt-­Präparate aus der Apotheke. Gefährlich und absolut keine Kandidaten für ­eine Eigenbehandlung sind Erkrankungen wie Blinddarmentzündungen. Sie gehen im schlimmsten Fall mit plötzlich auftretenden heftigen Bauchschmerzen ­einher. Die Bauchdecke ist hart, Darmtätigkeit und Darmentleerung sind manchmal verändert. Häufig tritt Fieber auf. Mediziner sprechen dabei von einem "akuten Bauch", der sofort behandelt werden muss. Auch Darmverschlüsse, die durch Fremdkörper oder Darmverschlingungen entstehen, führen zu starken Schmerzen. "Die Kinder müssen umgehend ins Krankenhaus gebracht werden", so Fröhlich.

Eine Blinddarmentzündung kann jedoch auch harmloser in Erscheinung treten, etwa mit wiederkehrenden Schmerzattacken, die im Oberbauch oder in der Gegend um den Nabel beginnen und sich erst später im rechten Unterbauch festsetzen. Ein möglicher Hinweis: Der Schmerz steigert sich beim Hüpfen auf dem rechten Bein. Der Arzt entscheidet, wann eine Operation notwendig ist.

Signale der Seele

Oft klagen Kinder regelmäßig über Bauschmerzen, obwohl der Kinderarzt keine organische Ursache finden kann. "Die Schmerzen haben dann häufig einen psychischen Auslöser", sagt die Chem­nitzer Psychologin Ines Enge. "Meist sind das Stress, Kummer und Angst." Wichtig sei dann, dass die Eltern die Symptomatik ernst nehmen: "Den Kindern tut ja wirklich etwas weh – da nützt es gar nichts, ihnen zu sagen, sie sollten sich nicht so haben oder es gäbe keinen Grund für ihren Schmerz."

Vielmehr sollten Mütter und Väter dann versuchen, gemeinsam mit dem Kleinen herauszufinden, was die Auslöser sind. Gibt es gerade Veränderungen in der Familie wie die Geburt eines Geschwisterkindes oder eine Trennung? Hat das Kind Angst vor einer bestimmten Situation? Dann kann man gemeinsam überlegen, was dagegen hilft – etwa bestimmte Entspannungstechniken oder besondere Rituale. Die Expertin: "Oft wirken schon viel Nähe und Wärme Wunder."



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Bildnachweis: W&B/Forster und Martin, W&B/Privat
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