Als meine Tochter geboren wurde, wusste ich eins: Ich wollte es gelassen angehen. Ich wollte mich nicht verrückt machen lassen, wenn es mit dem Stillen nicht klappt oder das Kind weint, wollte mich nicht in den Wettbewerbsring „Mein Kind kann aber schon?…“ begeben. Ich war mir sicher: Meinem Baby würde es gut gehen, wenn sie vor allem eins von mir und meinem Mann bekommt: viel Liebe und Nähe.
Aber dann hielt ich dieses kleine zarte Wesen im Arm, das herzzerreißend weinte – und ich hatte keine Ahnung, warum. Und schon waren sie da, die ersten Zweifel, ob wir als Eltern wirklich alles richtig machten. Wir wünschten, das Kleine hätte eine Gebrauchsanweisung mit auf die Welt gebracht. Es quälte sich mit Bauchweh. Doch nichts half, nicht Papas stundenlanges Schaukeln im Fliegergriff, nicht die Bauchmassage, nicht die Tropfen gegen Blähungen. Mein Mann fragte jeden Kollegen mit Kind, der ihm über den Weg lief, was er denn gegen die Krämpfe seiner Sprösslinge unternommen hätte.
Schnell kam der Rat: Die Mutter muss ihre Ernährung ändern. Auf keinen Fall darf sie blähende Lebensmittel essen – keinen Kohl, keine Zwiebeln, keine Hülsenfrüchte. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass dies etwas nutzt, aber die Weisung wurde mit Vehemenz vorgetragen. Und meine Zweifel vertieften sich. Vielleicht war ja doch was dran an der Theorie? Vielleicht aß ich zu leichtsinnig alles, was mir schmeckte? Vielleicht war ich schuld am Bauchweh meiner Kleinen. Und bald ertappte ich mich dabei, wie ich um die Linsensuppe einen Bogen machte und lieber keine Zwiebel in den Salat schnippelte. Geholfen hat es nichts.
Nach drei Monaten hörte das Bauchweh so schlagartig auf. Episoden dieser Art könnte ich stundenlang aufzählen. Da meinte die Freundin mit tadelndem Unterton: „Ich habe mein Kind nur alle vier Stunden gestillt“ – wo meins alle zwei Stunden Nachschub verlangte. Da sagt die Bekannte aus der Krabbelgruppe: „Das Kind müsste doch langsam durchschlafen!“ Meine Tochter meldet sich aber auch mit sieben Monaten noch zwei, drei Mal in der Nacht. Die Nachbarin mit den drei halb-erwachsenen Kindern warnt eindringlich: „Lass das Kind doch mal schreien. Du verwöhnst es ja.“ All das ist natürlich immer nur gut gemeint, klingt aber verdammt nach „Du machst es falsch“. Und gemeinerweise bleibt immer eine kleine Verunsicherung zurück. Schießlich ist man selbst blutige Mama-Anfängerin, während die Kinder der anderen oft schon aus dem Gröbsten raus sind.
Vor der Geburt hatte ich mein Leben im Griff, kannte meinen inneren Kompass. Doch seit meine Tochter auf der Welt ist, bin ich dünnhäutig geworden. Ich will das Beste für mein Kind – und bloß nichts falsch machen. Ich möchte meinem Bauchgefühl, meiner mütterlichen Intuition vertrauen, aber gerade das war in den ersten Wochen und Monaten nicht einfach. Es brauchte Zeit, in die neue Rolle zu finden, mein Baby kennenzulernen – zu erspüren, was ihm guttut.
Am meisten habe ich mich in diesem Prozess oft über mich selbst geärgert – und weniger über die anderen. Ich machte mir jedes Mal Gedanken, ob ich die Kleine tatsächlich zu sehr verwöhnte, obwohl jeder Erziehungsprofi einem sagt, dass das im ersten Jahr gar nicht geht. Ich quälte mich mit Vorwürfen, meine Tochter zu überfüttern – obwohl sie bei jeder Vorsorgeuntersuchung das Idealgewicht auf die Waage brachte. Im Grunde schizophren. Kinder sind nun mal verschieden – und was bei dem einen funktioniert, muss noch lange nicht für das andere gelten. Nur das muss man als ängstliche Neumutter erst mal kapieren.
Zum Glück hatte ich meine Hebamme. Sie half mir, mich immer wieder an meinen Vorsatz zu erinnern: auf die Bedürfnisse meines Kindes zu schauen und alles andere nicht so wichtig zu nehmen. Sie bestätigte mich, wenn ich unsicher wurde, sagte mir, wie wunderbar sich mein Kind entwickelte, wie prima es gedieh. Sie lobte und bestätigte mich.
Ganz allmählich wuchs so mein bester Ratgeber heran: meine innere Stimme, mein tiefes Wissen darum, was mein Baby wirklich braucht. Und ich lernte, mit mir selbst geduldiger zu sein und mir zu verzeihen. Wenn ich heute in eine Situation komme, in der mich die Kommentare anderer Mütter und Väter verunsichern, schaue ich auf meine Tochter. Wenn sie mich anstrahlt und ich sehe, wie gut es ihr geht, weiß ich, dass ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen kann. Das gelingt mir nicht immer. Aber immer öfter.
Carolin Schmid / Baby und Familie;
19.04.2011
Bildnachweis: Strandperle Medien Services e.K./Tetra Images
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