Mal ehrlich, Herr Nieß: Haben Sie heute schon Sport getrieben?
Zugegeben, nein. Leider bin ich heute noch nicht dazu gekommen. Aber ich werde das sicher nachholen. Zwei, drei Stunden in der Woche nehme ich mir immer Zeit für Bewegung. Ich fahre zum Beispiel Rad oder laufe eine längere Strecke.
Und machen Sie Ihr Immunsystem damit fit?
Wahrscheinlich schon. Erste kleinere Studien haben gezeigt, dass moderates Ausdauertraining das Risiko, einen Infekt zu erleiden, senken kann.
Wie erklären Sie sich das?
Über welche Mechanismen die Immunfunktion verbessert wird, wissen wir noch nicht. Untersuchungen an Mäusen haben aber gezeigt, dass körperliches Training die Abwehrfähigkeit sogenannter natürlicher Killerzellen erhöht. Das sind spezielle weiße Blutkörperchen, die eine bedeutende Abwehrfunktion haben. Ob sich diese Effekte auch auf uns Menschen übertragen lassen, ist noch nicht vollständig geklärt.
Darüber hinaus wurde gezeigt, dass durch Sport bestimmte Antikörper in unserem Speichel ansteigen. Außerdem werden Schutzmechanismen aktiviert, die unserem Körper helfen, Stress besser wegzustecken.
Wie viel Sport müssen wir treiben, damit unser Immunsystem davon profitiert?
Gar nicht so viel. Zwei bis drei Stunden Sport in der Woche sind ein gutes Maß. Trotzdem hängt die Menge natürlich von jedem Einzelnen ab. Wie fit bin ich? Habe ich irgendwelche Begleiterkrankungen, die mich körperlich einschränken? Diese Fragen sollten geklärt sein. Wer unsicher ist, lässt sich am besten von einem Sportmediziner beraten.
Kann eine Überdosis Sport denn schaden?
Unter Umständen ja. Wer seinen Körper mit übertriebenem Training überfordert, ist manchmal anfälliger für Viren und Bakterien. So kann bei einem Marathonläufer in den Tagen nach dem Wettkampf das Risiko für einen Infekt der oberen Luftwege erhöht sein.
Welche Sportarten gelten als besonders gesund?
Am umfangreichsten bestätigt wurden die positiven Effekte für Ausdauersportarten wie Laufen, Walking, Radfahren und Schwimmen. Am wichtigsten ist aber, dass die Bewegung auch Spaß macht. Wer keine Freude an einer Sportart hat, hört vorschnell auf. Gerade bei Kindern darf dieser Spaßfaktor deshalb nicht fehlen. Spielsportarten wie Fußball, Tennis und Basketball kommen bei den Kleinen besonders gut an.
In welchen Situationen sollten Eltern und Kinder lieber auf Sport verzichten?
Wer einen akuten Infekt hat, sollte es ruhig angehen lassen. Insbesondere bei Fieber ist es nicht ratsam, Sport zu treiben. Das Immunsystem sollte in dieser Situation nicht noch einem zusätzlichen Stress durch Training ausgesetzt werden. Denn es ist damit beschäftigt, die Krankheit zu bewältigen. Wer Sport treibt, obwohl er einen fieberhaften Infekt hat, riskiert ernsthafte Komplikationen, etwa eine Herzmuskelentzündung.
Der Expertentipp:
„Wer partout keine Lust auf Sport hat, sollte sich im Alltag mehr bewegen und so etwas für sein Immunsystem tun. Zum Beispiel das Auto stehen lassen und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Ein strammer Spaziergang und zügiges Treppensteigen gehen sogar schon als Ausdauertraining durch.“
Julia Schulters und Anne Bärbel Köhle / Baby und Familie;
04.11.2010, aktualisiert am 19.09.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, Thinkstock/iStockphoto
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