Wie viel Lärm vertragen Kinder?

Kinderohren gelten als empfindlich. Welche Geräusche für das Gehör der Kleinen gefährlich sind und wie man Lärm vermeidet
von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 18.05.2017

Dauerbeschallung: Kann schädlich für Kinder sein

Plainpicture/David Harrigan

Wo Kinder sind, da ist auch Lärm. Türme aus Bauklötzen stürzen ein, es wird getrommelt, getrötet, gelacht und geschrien. Gut so, denn: "Das sind natürliche und gesunde Ausdrucksformen kindlichen Spiels", erklärt die Psychologieprofessorin Maria Klatte von der Technischen Universität Kaiserslautern, die sich mit Lärmforschung beschäftigt.

­Eine gewisse Dosis Krach gehört also zum Kinderalltag wie aufge­schürfte Knie und Trotz­anfälle. Doch tagtäglich wirkt auch ein Klangteppich aus Verkehrsgeräu­schen, Baulärm, Telefonklingeln, TV- und Radio­ge­dudel und vielem mehr auf un­­sere Ohren ein – mal leiser, mal lauter.


Welche Geräusche zu laut sind

Problematisch wird diese Ge­räusch­kulisse, wenn sie Körper oder Psyche beeinträchtigt. "Ab einer Lautstärke von 85 ­Dezibel gelten Schallpegel bei längerer Einwirkung als potenziell hörschädigend", erklärt Klatte. Solche Werte lassen sich zum Beispiel neben der Autobahn oder in Diskotheken messen. Die Schmerzschwelle liegt bei 120 bis 130 De­zibel,­ was man auf Rockkonzerten in Lautsprechernähe erlebt.­

Bei Messwerten ab 135 Dezibel muss man schon bei einmaliger Einwirkung mit ernsten Folgen­ rechnen. "Das Abdrücken ­einer Spielzeugpistole direkt am Ohr kann ein Knalltrauma­ hervorrufen", sagt die Wissen­schaftlerin. "Wenn die Haar­zellen im Innenohr nicht genügend Ruhephasen erhalten oder einmalig überreizt werden, kann es zu einem anhaltenden Taubheitsgefühl, zu ­Piepen, Rauschen oder Pfeifen im Ohr und in der ­Folge auch zu Schwerhörigkeit kommen", so Maria ­Klatte.

Lärm kann beeinträchtigen

Dauerbeschallten­ Kindern ­machen körperliche und psychische Beeinträchtigungen zu schaffen. Die Bandbreite reicht von Verzögerungen beim ­Sprechen- und Lesen­lernen über geringere Lernmotivation bis hin zu ­erhöhtem Blutdruck und Schlafstörungen. In der Lärmforschungsstudie NORAH wurden mehr als 1200 Kin­der im Rhein-Main-Gebiet untersucht. Ein Ergebnis: Kinder mit Wohnort in Flughafennähe zeigen etwas schlechtere Leseleis­tungen als andere Kinder.

Emotionen können das Lärmempfinden beeinflussen

Doch wo hört normaler Krach auf, und wo fängt schädlicher Lärm an?  "Akkustische Belästigung wird sehr subjektiv und oft unabhängig von der tatsächlichen Laut­stärke empfunden", sagt die Psycho­login. "Der Klang einer E-Gitarre oder ein aufheulendes Motorrad kann für den einen Genuss, für den nächs­ten Qual bedeuten, je nachdem, welche Emotionen damit verknüpft sind." Auch spielen bestimmte Charakte­ristika von Geräuschen ­eine ­Rolle. Hohe Frequenzen, starke Schwankungen wie bei einem Presslufthammer und eine bestimmte ­Schärfe – ­etwa wie bei einer Kreissäge – empfinden die meisten als unangenehm.

Lautes Stimmengewirr dagegen beurteilen manche zwar als lästig, es beeinträchtigt aber nicht das Lernvermögen. Natur­­geräusche wie das Plätschern eines Bachs, Blätter­rauschen oder Vogel­­gezwitscher wirken dagegen positiv auf Körper und Seele. Der Wald-und-Wiesen-Sound kann Stress ab­bauen, Schmerzen lindern und die geis­tige Leistung verbessern.

Hörleistung beim Arzt überprüfen

Ob Kinder sich durch Lärm gestresst fühlen, ist schwer einzuschätzen. Kinder im Vorschul- und Einschulungsalter sind sich der störenden Wirkung oft nicht bewusst. "Deutliche Warnzeichen könnten häufiges Ohren-Zuhalten, Rückzug oder Klagen über Kopfweh sein", erklärt Maria Klatte. Auch Schwierigkeiten beim Sprechenlernen, schlechtes Verstehen und Konzentrationsprobleme hängen manchmal mit anhaltend zu hohem Geräuschpegel zusammen.

Am besten lassen Sie in solchen Fällen die grundsätzliche Hörleis­tung Ihres Kindes vom Kinderarzt abklären. Und betreiben dann Ursachenforschung: Erlebt der Nachwuchs im Hort oder daheim zu viel Krawall? Gibt es genügend ruhige Phasen im Tagesverlauf, in denen das Kind – und das Gehör – sich erholen können? Welche Veränderungen könnten den Lärm­pegel eindämmen? Zu ­Hause haben Eltern mehr Möglichkeiten Einfluss zu nehmen als in der Krippe oder im Kindergarten.

"Im Idealfall klären sie schon bei der Auswahl ­einer Betreuungseinrichtung, ob die akustischen Bedingungen günstig sind", rät die Expertin. "Achten Sie vor allem auf den Nachhall. Denn wenn Räume stark hallen, haben Kinder große Probleme mit dem Verstehen. Oft kommt es dann zu einer Lärmspirale: Die Erzieherinnen sprechen lauter, die Kinder verstehen schlecht und werden unruhiger, das schaukelt sich hoch."


So wird’s leiser: Kleiner Aufwand, große Wirkung

  • Nutzen Sie simple Tricks beim ­Spielen, Aufbewahren und Aufräumen. Bausteine lassen sich prima in Weiden­körben statt in Plastikkisten verstauen, um Geklacker zu vermeiden. Oder kleiden Sie Holz- und Kunststoff­boxen mit weichem, dickem Stoff aus. Zum Spielen die Bauklötzchen lieber auf Teppich als auf dem Parkett ausschütten.
  • Achtung, Lesestunde! Wenn zu festen Zeiten die Lieblingsgeschichten vor­­getragen werden, senkt sich ganz schnell andächtige Stille über den Raum.
  • Weder die Kleinkinder-Tanzhits-CD noch Hörspiele oder das Radio müssen auf Endlosschleife laufen. Nur begrenzt hören – und dann aber mit ­­voller Aufmerksamkeit.
  • Mit Knackfröschen oder Triller­pfeifen kann man herrlich Krach machen! Ein paar Minuten lang (und in gebührendem Abstand von anderen Ohren) ist das okay. Danach die Nervensägenspielzeuge aber wieder einsammeln und sicher verwahren.
  • Wie klingt eigentlich der Wind in den Bäumen? Ein- und Ausatmen? Das Laufen auf Sand, Steinen oder Holz­boden? Kinder lassen sich spielerisch fürs Lauschen sensibilisieren – und auch darauf, dass ­dieser wertvolle Sinn geschützt werden muss.


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