Was tun, wenn Kinder Schmerzen haben?

Kopfweh, Mittelohrentzündung oder Bauchkrämpfe: Wie Eltern reagieren sollten, wenn Kinder über Schmerzen klagen. Plus: Ein Video, das den Schmerz erklärt

von Marian Schäfer, aktualisiert am 06.11.2015

Quelle: Deutsches Kinderschmerzzentrum

Beschreibt Professor Dr. Boris Zernikow den Umgang vieler Eltern mit Schmerzen, übertreibt er bewusst. Der Mediziner spricht dann von Vätern und Müttern, die sich vor einem Ausflug zum Spielplatz mit kühlenden Salben und Globuli versorgen. Fällt ihr Kind von der Holzrampe, springen sie sofort auf und greifen zum Notfallset – während sie etwa bei einer akuten Mittelohrentzündung am liebsten auf schmerzstillende Zäpfchen und Säfte verzichten würden. "Im Umgang mit Schmerzen hat sich etwas verschoben", sagt der Leiter des Deutschen Kinderschmerzzentrums in Datteln. "Viele Eltern behandeln lieber Alltags- als medizinische Schmerzen, bei denen es wirklich notwendig wäre." Was Eltern über Schmerzen und den Umgang damit wissen sollten:


Dr. Ina Katharina Lucas ist Apothekerin in Berlin

W&B/Privat

Warnfunktion für den Körper

Sie haben für den Körper vor allem eine schützende Warnfunktion. "Bauchschmerzen etwa können auf eine Blinddarmentzündung hinweisen, während Schmerzen im Alltag, etwa beim Klettern, wichtig sind, um zu lernen, Gefahren einzuschätzen", sagt Zernikow. Fasst ein Kind auf eine heiße Herdplatte, werden Schmerzrezeptoren in der Haut aktiv. Diese sogenannten Nozizeptoren sitzen in allen schmerzempfindlichen Geweben des Körpers und senden zunächst ein Signal an das Rückenmark. Dieses ist nicht nur für die erste Abwehrreaktion (Hand wegziehen!) und die Weiterleitung der Schmerzinformation an das Gehirn zuständig. Das Rückenmark veranlasst auch die Ausschüttung körpereigener schmerzhemmender Stoffe. Zernikow: "Diese sorgen dafür, dass uns der Schmerz nicht überrennt."

Jeder Mensch, egal ob Kind oder Erwachsener, empfindet Schmerzen anders. "Weil die körpereigene Schmerzhemmung unterschiedlich ausgeprägt sein kann, nehmen Menschen denselben Schmerzreiz häufig unterschiedlich stark wahr", erklärt Zernikow. Kinder erfahren Schmerzen genauso intensiv wie Erwachsene – und Säuglinge sogar noch stärker. "In den ersten Lebensmonaten ist die Schmerzhemmung in der Regel noch nicht voll ausgereift, während die Weiterleitung schon sehr gut funktioniert."


Prof. Dr. med. Boris Zernikow leitet das Deutsche Kinderschmerzzentrum in Datteln

W&B/Markus J. Feger

Aufmerksamkeit kann Schmerzen verstärken

Auch psychologische Faktoren beeinflussen Schmerzen: "Eine Rolle spielt etwa, wie viel Aufmerksamkeit sie bekommen und welche Gefühle mit ihnen verbunden sind", meint Zernikow. Viel Aufmerksamkeit und Angstgefühle etwa verstärken das Schmerzerleben, während wenig Aufmerksamkeit und ein zuversichtlicher Umgang es verringern. "Fällt ein Kind beim Laufenlernen hin und stürmen seine Eltern erschrocken zu ihm", gibt er ein Beispiel, "entwickelt es Angst vor dem nächsten Sturz und wird den eigentlich harmlosen Schmerz dann stärker wahrnehmen." Das Verhalten von Vätern und Müttern entscheidet also mit über das Schmerzempfinden der Kinder.

Schmerzen, die sich Kinder etwa bei Stürzen, Stößen auf dem Spiel- oder Bolzplatz oder eben beim Laufenlernen zuziehen, sollten nur so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie sie verdienen. "Wenn sich das Kind beim Fußball eine Wunde holt", sagt Boris Zernikow, "sollte sie sich nicht infizieren. Auch können Eltern kurz trösten, aber dann sollte es weitergehen." Er hält nichts davon, kleine Wehwehchen mit Globuli, Salben oder kühlenden Stiften zu behandeln. "Schlimmstenfalls lernen die Kinder eine zu hohe Selbstaufmerksamkeit. Dann scannen sie ständig ihren Körper und laufen Gefahr, psychosomatische Probleme zu bekommen."

Medizinische Schmerzen ernst nehmen

Anders bei medizinischen Schmerzen, die Krankheiten oder Operationen begleiten: "Zuwendung, Trost und Ablenkung sind hier wichtig, genauso aber die Therapie mit Schmerzmitteln." Zernikow kritisiert, dass viele Eltern, aber auch Ärzte aus Angst vor Nebenwirkungen selbst bei schmerzhaften Erkrankungen wie einer Mittelohrentzündung Medikamente nur zögerlich geben. "Werden starke Schmerzen nicht ausreichend behandelt, kann es zu einer Sensibilisierung kommen", sagt er. Dabei senkt das Gehirn die Schmerzschwelle ab. Die Kinder nehmen dann bereits Dinge als schmerzhaft wahr, die bei anderen noch keine Schmerzen auslösen. Auch chronische Schmerzen können eine Folge sein, also solche, die ohne einen Auslöser auftreten. "Das betrifft besonders schlecht behandelte Operationsschmerzen, ein Problem, das wegen der steigenden Zahl ambulanter Eingriffe größer wird", sagt Boris Zernikow. "Häufig tritt eine Chronifizierung aber auch bei Migräne auf." Sie werde oft unzureichend behandelt, wodurch die Attacken öfter auftreten und sich zum Beispiel chronische Spannungskopfschmerzen entwickeln können.

Kleinstkinder, die Schmerzen haben, müssen immer zum Arzt. Dauert ein Schmerz länger an oder begleiten ihn Krankheitszeichen wie etwa Fieber, sollten auch ältere Kinder einem Arzt vorgestellt werden. "Das gilt ebenfalls für alle Zweifelsfälle", betont Boris Zernikow. Grundsätzlich schließt er eine Selbstmedikation nicht aus – wenn die Ursache klar und der Zeitraum eng begrenzt ist. "Bei einem Kind etwa, das stark zahnt oder Halsschmerzen hat und nicht schlafen kann", sagt Experte Zernikow, "ist es gerechtfertigt, mal ein Schmerzmittel zu geben." Er plädiert zudem dafür, Schmerzen auch bei Impfungen nicht kleinzureden. "Kinder, die dabei negative Erfahrungen machen, vermeiden Impfungen später eher." Säuglinge deshalb beim Impfen am besten stillen und Kleinkinder anders ablenken. Auch sollten Eltern auf schmerzstillenden, örtlich betäubenden Pflastern bestehen.

Schmerzmittel für Kinder

"Bei Kindern sind Paracetamol und Ibuprofen die Mittel der Wahl", sagt Dr. Ina Katharina Lucas, Apothekerin aus Berlin. Beides wirke schmerzlindernd und fiebersenkend, Ibuprofen zudem antientzündlich.

Während Ibuprofen erst ab sechs Monaten zugelassen ist, kann Paracetamol schon bei Neugeborenen (ab drei Kilo und nur in Absprache mit einem Arzt!) gegeben werden. Beide Schmerzmittel sind in Zäpfchen- und in Saftform erhältlich. "Bei Säften ist eine genaue Dosierung wichtig, das heißt Alter und Körpergewicht zu beachten und die Mittel nur mit den beiliegenden Dosierhilfen zu geben."

Kinder dürfen beide Mittel maximal drei- bis viermal täglich in einem Abstand von sechs bis acht Stunden nehmen. "Ohne Absprache mit einem Arzt, sollten die Medikamente nie länger als drei Tage am Stück und nicht öfter als zehn Mal im Monat gegeben werden", so Lucas. Mittel mit der bei Erwachsenen beliebten Acetylsalicylsäure seien tabu: "ASS-Präparate sind erst ab zwölf Jahren zugelassen." Sie könnten zu Hirn- und Leberschäden führen.



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