Warum die Pille Depressionen fördern kann

Die Antibabypille kann auf die Stimmung schlagen – so steht es in den Beipackzetteln. Aber dabei bleibt es nicht immer: Manchmal fördert sie Depressionen. Wie groß ist das Risiko?
von Daniela Frank, 23.11.2016

Riskante Phase: In den ersten Monaten sind Nebenwirkungen der Pille am häufigsten

Banana Stock/RYF

"Ich musste wegen jeder Kleinigkeit gleich losheulen", sagt Lena Z. aus München. "Eine rote Ampel reichte da schon." Weil sie gerade wieder mit der Pille angefangen hatte, lag diese als Ursache ihrer Niedergeschlagenheit nahe. Sie wechselte das Präparat – und fühlte sich besser. Dass die Pille die Stimmung beeinflussen kann, ist schon länger bekannt.

Stimmungsschwankungen sind in den Beipackzetteln meist als häufige Nebenwirkung angegeben, die bei 1 bis 10 von 100 Frauen auftreten. Daneben ist vermindertes sexuelles Lustempfinden eine mögliche Nebenwirkung: Libidoverlust kommt bei vielen Präparaten gelegentlich, also bei 1 bis 10 von 1000 Frauen vor.

Wann ist die Pille Ursache für schlechte Stimmung?

Doch anders als Lena Z. denken viele Pillennutzerinnen nicht sofort an das Verhütungsmittel als mögliche Ursache, wenn sie unter Stimmungsschwankungen oder Libidoverlust leiden. "Darüber wird bei der Verordnung oft noch zu wenig aufgeklärt", sagt Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Professor am SOCIUM in Bremen und Apotheker. "Auch später werden körperliche Probleme ernster genommen, psychische dagegen wenig besprochen."

Hinzu kommt, dass die meisten Mädchen während der Pubertät anfangen zu verhüten. Stimmungsschwankungen werden dann häufig als normal für diese Lebensphase abgetan. "Man muss aber zwischen Problemen unterscheiden, die aufgrund der Pubertät auftreten können, und präparatebezogenen Wirkungen", sagt Glaeske. Im Einzelfall ist das schwierig. Aber Studien zeigen auf, wie groß der Einfluss der Pille ist.

Hormonelle Verhütung erhöht Depressionsrisiko

Im September 2016 ergab eine dänische Studie, dass unter dem Einfluss hormoneller Verhütungsmittel sogar Depressionen häufiger auftreten. Forscher der Universität Kopenhagen werteten die Daten von mehr als einer Million dänischer Mädchen und Frauen zwischen 15 und 34 Jahren über eine mittlere Zeitdauer von sechs Jahren aus. Mehr als die die Hälfte der Frauen (fast 56 Prozent) hatten in dieser Zeit hormonelle Verhütungsmittel benutzt.

Die Forscher stellten fest, dass Frauen unter hormoneller Verhütung deutlich häufiger erstmals Antidepressiva verschrieben bekamen als die Nichtanwenderinnen: Bei der Einnahme von Kombi-Präparaten um 23 Prozent und von Gestagen-Pillen um 34 Prozent häufiger, bei der Verhütung mit Norelgestromin-Pflastern sogar doppelt so oft. Außerdem benötigten Frauen, die hormonell verhüteten, öfter eine stationäre Behandlung aufgrund von Depressionen.

Auffällig war dabei: Das Phänomen trat vor allem in der ersten Zeit der Anwendung auf. Nach sechs Monaten wurden die Frauen am häufigsten erstmals wegen einer Depression behandelt, das Risiko war gegenüber Nicht-Anwenderinnen um 40 Prozent erhöht – bei Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren, die eine Kombipille einnahmen, sogar um 80 Prozent. Danach ging die Häufigkeit langsam wieder zurück.

Nebenwirkungen oft in der Anfangsphase am stärksten

"Das ist bei der Pille ein wichtiger Punkt, der nicht nur psychische Nebenwirkungen betrifft: Der Körper muss sich an die Hormone anfangs erst gewöhnen", sagt Glaeske. Die Pille bewirke eine größere Umstellung im Körper, die verschiedenste Symptome mit sich bringen kann – sowohl körperliche, also auch psychische. "Ein häufiger Fehler ist es dann, das Präparat sofort zu wechseln", sagt Glaeske. "Viele entscheiden sich dabei für eine Pille aus der dritten Generation, die ein erhöhtes Thromboserisiko mit sich bringt." Das halte er für bedenklich. Denn nach dem Wechsel gehen oft die Symptome zurück – nicht unbedingt aufgrund des neuen Präparats, sondern oft einfach deshalb, weil sich der Körper an die regelmäßige Dosis Hormone gewöhnt hat.

"Dieser Mechanismus trägt wahrscheinlich dazu bei, dass die neueren Präparate trotz des höheren Thromboserisikos immer noch als überlegen gelten", sagt Glaeske. "Dabei wäre es besser, zunächst beim ursprünglichen Präparat zu bleiben und abzuwarten, ob sich das hormonelle Gleichgewicht einpendelt." Frauen sollten nach den ersten Monaten Feedback geben, ob sie Veränderungen an ihrem Körper oder Nebenwirkungen spüren – zum Beispiel müde oder lustlos sind, Akne bekommen oder an Gewicht zugenommen haben. Diese kann der Arzt erklären und wird meist raten, mindestens sechs Monate abzuwarten. Es sei denn, es treten gravierende Probleme auf.

Präparate wirken auf jede Frau anders

Hinweise darauf, dass die Probleme sich auf bestimmte Präparate beschränken, gibt es bisher nicht. "Frauen schildern sehr unterschiedliche unerwünschte Wirkungen", sagt Glaeske. "Sowohl bei der Einnahme von Kombipräparaten, als auch bei der Minipille, die nur Gestagene enthält."

Etwas häufiger verschlechtere sich jedoch die Stimmung bei Frauen, wenn sie eine Pille mit androgener Wirkung einnehmen. "Das kann ab und an bei Pillen vorkommen, die Levonorgestrel enthalten", sagt Glaeske. "Denn sie fördern in seltenen Fällen Akne, was sich auf die Psyche auswirken kann." Dabei handelt es sich aber eher um einen Anfangseffekt. Grundsätzlich kann es vereinzelt vorkommen, dass die Pille auch später auf die Stimmung schlägt. "Zum Beispiel, wenn eine Situation im Leben auftritt, die ein psychisches Tief zur Folge hat", sagt Glaeske. "Auch dann kann die Pille dieses eventuell verstärken."

Wie hoch ist die Gefahr einer Depression?

Dass bei Veranlagung zur Depression – in der Familie oder weil schon Probleme aufgetreten sind – von hormoneller Verhütung abzuraten sei, findet Glaeske nicht. "Das Depressionsrisiko für die Einzelne ist insgesamt eher niedrig." In der dänischen Studie stieg die Verschreibung von Antidepressiva durch die Pille um 0,5 Prozent. "Wichtig ist aber, dass Ärzte und Patientinnen bei den beschriebenen Symptomen an die Pille als möglichen Auslöser denken", rät er.

Grundsätzlich empfehlen die meisten Experten: Pillen der sogenannten zweiten Generation sind die erste Wahl. Sie enthalten bewährte Gestagene, die aber zum Beispiel Akne verstärken können. Erst als Alternative bei Unverträglichkeiten sollten Ärzte Pillen der dritten Generation verschreiben. Sie enthalten neuere Gestagene, die zwar das Hautbild oft weniger verändern, aber das Thromboserisiko stärker erhöhen – was weit gefährlicher ist.

Fazit: Die Antibabypille kann unter anderem Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen oder Libidoverlust haben und auch Depressionen fördern. Falls möglich, sollten Patientinnen aber mindestens sechs Monate nach Beginn der Einnahme abwarten, ob die Symptome von selbst zurückgehen. Denn der Körper braucht oft Zeit, um sich an die tägliche Hormondosis zu gewöhnen. Halten die Beschwerden an, kann nach Rücksprache mit dem behandelnden Frauenarzt ein Wechsel auf ein anderes Präparat sinnvoll sein.


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