So bekommen Kinder eine gute Haltung

Schultern zurück, Brust raus? Unsere Experten erklären, wie der Rücken gesund bleibt. Plus: Übungen für einen starken Rücken

von Julia Jung, aktualisiert am 12.06.2015

Schlurf, schlurf … mit hängenden Schultern trottet das Kind dahin, und man möchte ihm gerne zurufen: "Hey, geh doch gerade!" Ein krummer Rücken sieht schließlich nicht sehr schön aus, und tut das nicht irgendwann weh? "Nein, wenn keine Krankheit dahintersteckt", sagt Professor Robert Rödl, Chefarzt der Abteilung für Kinderorthopädie, Deformitäten­rekonstruktion und Fußchirurgie am Universitätsklinikum ­Münster. Die meisten Kinder haben, so der Mediziner, eigentlich kein Problem mit ihrem Rücken. "Es sind die ­Eltern, die der Anblick stört."


Hans-Dieter Kempf ist Sportwissenschaftler und im Vorstand beim Forum Gesunder Rücken – besser Leben e.V. aus Karlsruhe

W&B/Privat

Bewegung hilft

Die Sorge, dass ein Kind, das sich heute an den Esstisch fläzt, als Erwachsener Rückenprobleme hat, konnte bisher nicht begründet werden, so Rödl. Und Krankheiten der Wirbelsäule, wie Skoliose oder die Wachstumsstörung Morbus Scheuer­mann, sind oftmals deutlich als solche zu erkennen und zudem selten. Viel häufiger dagegen: hängende Köpfe, krumme Rücken oder Schultern, die nach vorne fallen. "Ich möchte nicht von Haltungsschwäche sprechen, denn es gibt nicht die eine richtige Körperhaltung", so Rödl, der Vorsitzende der Vereinigung der Kinderorthopädie. Tatsächlich existiert ­keine Definition, was eine gute oder schlechte Haltung ist. Außerdem hängt die Körperhaltung auch immer vom Tageslauf, der Stimmung und dem Gesundheitszustand ab.

Um ein Bild vom Zustand junger Rücken zu bekommen, untersuchten Wissenschaftler der Universität und der Universitätsklinik des Saarlandes 461 Kinder und Jugendliche zwischen neun und 17 Jahren mit unterschiedlichen Methoden. Ergebnis der medizinischen, orthopädischen und physiologischen Tests: 55 Prozent der Studienteilnehmer konnten keine stabile, aktive Haltung einnehmen. Die Ursache waren meist verkürzte und damit schwache Muskeln. Und deshalb rät Rödl Eltern, die zu ihm in die Sprechstunde kommen, auch in der Regel zum besten aller Mittel gegen krumme Rücken: Bewegung.


Prof. Dr. Robert Rödl ist Vorsitzender der Vereinigung der Kinderorthopädie aus Münster

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Auch die Psyche spielt eine Rolle

Denn Bewegungsmangel ist ­einer der Hauptgründe dafür, dass Kinder sich wortwörtlich hängen lassen: "Nur ein ausreichend kräftiger und beweglicher Körper kann sich auch aufrichten", sagt Hans-Dieter Kempf, Sportwissenschaftler­ und Organisator vieler ­Rückenschul-Kurse für Kinder und Erwachsene. ­Dabei geht es nicht speziell um den Rücken­ oder die Schultern, sondern um alle­ Muskelgruppen, bis hin zu den Füßen. "Der Körper richtet sich auto­matisch auf, wenn er in Bewegung kommt", so Kempf. Er plädiert, ebenso wie Orthopäde Rödl, für mehr Bewegung im Alltag und vor allem für mehr Spaß an der ­Bewegung.

Denn das eine bedingt das an­dere: Wer sich öfter bewegt, fühlt sich in seinem Körper wohler. Wer sich wohlfühlt, der hat Spaß an der Bewegung. "Dann beginnt ein Kind auch, sich innerlich aufzurichten", erklärt Kempf. Damit spricht der Sportwissenschaftler eine weitere große Ursache für hängende Schultern und schlurfende Füße an: die Psyche. Ein gesundes Selbstbewusstsein zeigt sich auch in der Haltung. "Wieder kommt hier die Bewegung ins Spiel", erklärt Kempf. "Es hilft Kindern, wenn sie sich so viel wie möglich ausprobieren dürfen, auch mal ein Risiko eingehen können und Chancen haben, Angst zu überwinden." Dabei sollten Eltern sie positiv unterstützen.

Nicht nur im Sitzen Lernen

Lang gewachsene Kinder leiden manchmal darunter, ihre Altersgenossen zu überragen – und machen sich, bewusst oder unbewusst, kleiner. Wieder eine Sache des Selbstbewusstseins. "Die Kinder müssen wissen, dass Großsein kein Defizit ist", sagt Kempf. "Außerdem­ würde es diesen Kindern guttun, wenn sie zum Lernen Tische­ und Stühle hätten, die sich in der Höhe verstellen lassen." Für alle Schüler gilt: Lernen sollte in allen Positionen möglich sein. Denn Kinder lesen auch mal gerne im Liegen oder erledigen ­eine Aufgabe im Stehen. "Auch das fordert die Muskeln und sorgt für eine gesunde Haltung", so Kempf.

Trotzdem sollten Eltern ihre­ Kinder immer aufmerksam beob­achten. "Und auch mal nur in ­Unterwäsche, um zu sehen, ob die Schultern und die Beckenknochen auf einer Ebene­ liegen", betont Kempf. Viele Unregelmäßigkeiten verschwinden mit dem Wachstum, manche aber auch nicht. Deshalb, so Kinderorthopäde­ Rödl: "Lieber einmal zu viel zum Arzt gehen und jede Unsicherheit ernst nehmen."

Fünf Übungen für einen starken Rücken



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