Schadstoffe in Tees: Gefährlich?

In Kräutertees wurden Stoffe gefunden, die krebserregend sein und potenziell der Leber schaden können. Müssen sich Eltern Gedanken machen? Experten klären auf

von Julia Schulters, aktualisiert am 16.02.2017

Auch Tees können mit Schadstoffen belastet sein

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Ausgerechnet in Tees – vor allem in Schwarz-, Grün und Kräutertee – sollen krebserregende Stoffe stecken. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt deshalb, dass Kinder, Schwangere und Stillende diese Teesorten am besten nur abwechselnd mit anderen Getränken zu sich nehmen. Müssen sich Eltern jetzt Gedanken machen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was sind das für gefährliche Stoffe, die in Tees gefunden wurden?

Pyrrolizidinalkaloide sind Stoffe, die einige Pflanzen produzieren, um Fressfeinde abzuwehren. Experten schätzen, dass es mehr als 660 unterschiedliche Vertreter dieser Substanzklasse gibt. Manche sind in hoher Dosierung akut leberschädigend. Einige haben im Tierversuch eine krebserregende Wirkung gezeigt. Pyrrolizidinalkaloide wurden in mehr als 350 Pflanzenarten weltweit nachgewiesen. Hierzulande kommen sie zum Beispiel in Hülsenfrüchtler- und Borretschgewächsen oder in Korbblütlern wie etwa dem Gemeinen Greiskraut vor.


Prof. Dr. Bernd Schäfer leitet die Fachgruppe Lebensmitteltoxikologie am Bundeinstitut für Risikobewertung

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Was haben die Forscher bei ihren Untersuchungen herausgefunden?

Bereits 2007 fand man in Honig Verunreinigungen mit Pyrrolizidinalkaloiden (PA). Die Belastung stammt von Pollen PA-bildender Pflanzen, die von Bienen in den Honig eingetragen werden. 2013 wurden am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Rahmen eines Forschungsprojekts 221 Kräutertees und Teeproben auf das Vorkommen von Pyrrolizidinalkaloiden untersucht. Das Ergebnis überraschte: "Wir haben unerwartet hohe PA-Gehalte gefunden", sagte der Leiter der Fachgruppe Lebensmitteltoxikologie Bernd Schäfer damals.

Für seine Sendung am 13. Februar 2017 hat das ZDF-Verbrauchermagazin "WISO" Kräutertees für Babys untersuchen lassen. Dabei wurden in fünf von 17 Kräutertees für Babys die krebserregenden Pflanzenstoffe gefunden.


Wie gelangen die schädlichen Substanzen in die Tees?

Die Stoffe gelangen vor allem über PA-bildende Wildkräuter auf den Anbauflächen in die Tees. Denkbar ist auch, dass die Tees während des Herstellungs- und Verpackungsprozesses mit Pflanzenteilen pyrrolizidinalkaloidbildender Wildkräuter verunreinigt werden. "Während des Produktionsprozesses wird die gesamte Ernte stark zerkleinert. Dadurch kann man Heilpflanzen und Unkräuter am Ende optisch nicht mehr voneinander unterscheiden", erklärt Privatdozent Matthias Unger vom Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg.


Priv.-Doz. Dr. Matthias Unger arbeitet am Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg

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Was bedeuten die Er­gebnisse für den Verbraucher?

In Panik geraten müssen Eltern, deren Kinder gerne Tee trinken, deshalb nicht, meint Unger. Bislang seien nur wenige Fälle von akuten Leberschäden beim Menschen bekannt. "Dabei wurden extreme Mengen Pyrrolizidinalkaloide aufgenommen", sagt er. Solch kritische Konzentrationen mit im Handel befindlichen Tees zu erreichen, sei unwahrscheinlich.

"Seit 2013 gibt es mehr Daten zum Beispiel aus der amtlichen Lebensmittel-Überwachung in Deutschland und aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union, so dass wir die Belastungssituation etwas besser einschätzen können", sagt Schäfer. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) haben unabhängig voneinander mögliche gesundheitliche Risiken durch PA in Lebensmitteln bewertet. Erstmalig wurde bei der gesundheitlichen Bewertung die PA-Belastung aller wichtigen Lebensmittelgruppen berücksichtigt, für die derzeit Daten zum Vorkommen von PA vorliegen.

"Bei Menschen, die durchschnittliche Mengen Tee zu sich nehmen und vielleicht dabei nicht ausschließlich dieselbe Sorte trinken, ist die Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Schäden gering." Das gelte auch für die potenziell krebserregende Wirkung von Pyrrolizidinalkaloiden, wie sie in Tierversuchen gezeigt wurde. Ein möglicherweise höheres gesundheitliches Risiko könnten Menschen haben, die regelmäßig und längerfristig sehr große Mengen stark belasteter Kräutertees zu sich nehmen", erklärt Schäfer. Die Bewertung des BfR ist auf der Homepage des BfR abrufbar. Dort ist auch eine Fülle an weiteren Sachinformationen zum Thema zu finden.

Wie sollen sich Eltern in ­dieser Situation verhalten?

Die positive Nachricht: Nach dem aktuellen Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) weisen Kindertees vergleichsweise geringe PA-Gehalte auf. Auch Früchtetees sind meist unauffällig. Generelle Empfehlungen, wie viele Tassen Tee pro Tag bedenkenlos getrunken werden können, sind bislang aber noch nicht möglich. "Besorgte Eltern können zum Beispiel dafür sorgen, dass ihr Kind den Durst zusätzlich mit anderen Getränken stillt", rät Schäfer. Bei der Auswahl der Tees sollten Eltern auf Abwechslung und Vielfalt achten.

"Besorgten Eltern wird insbesondere empfohlen, ihren Kindern nicht ausschließlich Tee anzubieten. Auch Schwangere und Stillende sollten Schwarz-, Grün- und Kräutertee abwechselnd mit anderen Getränken konsumieren. Neben Wasser und Fruchtsäften haben Milch und Früchtetee bei Kindern keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf die PA-Gesamtaufnahme", sagt der Experte. "Auf diese Weise lassen sich einseitige Belastungen mit den verschiedensten potenziell gesundheitsgefährdenden Stoffen vorbeugen, mit deren vereinzeltem Vorkommen in Lebensmitteln gerechnet werden muss."

Was können Hersteller tun, um die Belas­tungen in Tees zu senken?

Könnte man PAs im Tee nicht einfach verbieten? Das Problem: "PAs kommen vor allem über Wildkräuter, die auf den Anbauflächen wachsen, in die Tees. Und wenige Unkräuter in einer ganzen Ernte können schon ausreichen, um einen Tee mit PAs messbar zu verunreinigen", sagt Schäfer.

"Den Unkräutern mit Chemikalien zu Leibe zu rücken, um die Anbauflächen von PA-haltigen Unkrautpflanzen freizuhalten, ist auch keine gute Idee, denn diese Substanzen könnten die Tees ebenfalls belasten", gibt er zu bedenken. "Es müssen vielmehr alle Anstrengungen unternommen werden, die PA-Gehalte in Tees und Kräutertees auf das technisch mögliche Minimum zu senken", rät Schäfer. "Hierzu zählen vor allem verstärkte Eigenkontrollen im Rahmen der Qualitätssicherung der Unternehmen und Verbesserungen von Anbau-, Ernte- und Reinigungsmethoden zur Vermeidung von Verunreinigungen mit PA-bildenden Wildkräutern auf den Anbauflächen."



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