Mit Neurofeedback gegen ADHS

Gegen Krankheiten wie ADHS, Epilepsie oder Depressionen setzen Ärzte Neurofeedback ein. Wie das Hirntraining helfen kann

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 13.09.2016

Mithilfe von Neurofeedback lernt das Kind, seine Hirnströme zu kontrollieren

W&B/Forster & Martin, W&B/Dr. Ulrike Möhle

Es beginnt mit einem Klon-Krieger aus "Krieg der Sterne". Das Ziel: den Kämpfer nur mit der Kraft der Gedanken dazu zu bewegen, nach oben und nach unten zu hüpfen. Schaffen das die Kinder, dürfen sie sich eine wichtigere Gestalt aus der Serie aussuchen, die sie mit ihren Gedanken manipulieren: Luke Skywalker oder den Yedi-Ritter Obi-Wan Kenobi.


Prof. Dr. Hanna Christiansen ist Psychologin und forscht zum Thema Neurofeedback an der Philipps-Universität Marburg

W&B/Privat

Mit Hirnströmen Figuren steuern

Das sind keine Szenen aus einem Science-Fiction-Film, sondern es ist ernsthafte Forschung. Die ­Marburger Universitätsprofessorin­ Dr. Hanna Christiansen und ihr Team untersuchen, wie Neurofeedback auf Kinder wirkt, die unter einer Aufmerksamkeits­defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) leiden. 45 Minuten lang müssen ihre jungen Untersuchungsteilnehmer dazu die Klon-Krieger oder ­eine an­dere ­Figur mit der Macht der Gedanken über den Bildschirm steuern.

Die Köpfe der Kinder sind verkabelt. In der ­Mitte ihres Kopfes klebt eine Elektrode auf der Haut, die ihre Hirnströme ableitet und aufzeichnet. Elektroden neben, oberhalb und unterhalb der Augen kontrollieren Augenbewegungen, die das EEG-Signal verzerren könnten. Die Kinder lernen, ihr Gehirn willentlich in einen aufmerksamen und einen entspannten Zustand zu versetzen. Zeigen ihre Hirn­ströme Aktivität an, springt der galaktische Kämpfer nach oben. Entspannen sie sich, fällt er nach ­unten.


Dr. med. Edith Schneider ist Ärztin und leitet in Stuttgart eine Praxis für Ergotherapie, Bio- und Neurofeedback

W&B/Privat

Bei ADHS zahlt häufig die Kasse

Seit etwa zwei Jahren läuft Hanna Christiansens ­Studie mit Kindern, bei denen ADHS diagnostiziert ­wurde. Die Forschungsarbeit soll ermitteln, ob und wie Neuro­feedback bei der Erkrankung wirkt. Erste Ergebnisse legen ­­nahe, dass die Methode einen positiven Effekt haben kann – und zwar, so Christiansen, "dauerhaft". Endgültige Ergebnisse werden in ein bis zwei Jahren vorliegen. Zuvor konnte bereits eine Studie mehrerer deutscher Forschungsinstitute nachweisen, dass Neurofeedback als Therapieform wirkt.

Neurofeedback basiert auf der Annahme, dass Menschen lernen können, ihre Hirnaktivität zu steuern – sich also willentlich dazu zu bringen, konzentriert wach zu sein, zum Beispiel im Unterricht, oder Anspannung herunterzufahren, ­etwa in Stresssituationen. "Erste Effekte zeigen sich nach ungefähr sechs Sitzungen", sagt Dr. Edith Schneider, Ärztin und Neurofeedbacktherapeutin aus Stuttgart. Ab ­etwa fünfeinhalb Jahren lasse sich das Training bei Kindern einsetzen. Allerdings, so Forscherin Chris­tiansen, "sprechen bis zu 30 Prozent der Patienten auf die Behandlung nicht an". Warum das so ist, können die Forscher noch nicht ­sicher sagen. Auch bei Erwachsenen lässt sich Neurofeedback einsetzen und soll, so Schneider, bei Ängsten, Süchten, Depressionen, Panikattacken, Epilepsie und Migräne wirken. Allerdings fehlen für manche Symptome noch aussagekräftige Studien, weshalb die Kassen die Behandlung nicht immer zahlen.


Neurofeedback: So viele Sitzungen sind nötig

Ärzte, Psycho- und Ergotherapeuten arbeiten in Deutschland mit Neurofeedback. Seriöse Therapeuten sollten ­eine Ausbildung zur Anwendung von Neuro- oder Biofeedback absolviert haben, etwa bei der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback.

Circa 30 bis 40 Sitzungen benötigen ADHS-Patienten, um dauer­hafte Erfolge zu erzielen. "Wenn man es einmal gelernt hat, ist es wie beim Fahrradfahren: Man verlernt es nicht mehr", sagt Schneider. Einer ihrer ersten Patienten, ein damals kleiner Junge mit schwerer ADHS, hat gerade sein Abitur gemacht. Als er zu ihr kam, war er kurz davor, von der Schule zu fliegen.

Verwandte Therapieformen

Seelische und körperliche Empfindungen selbst beeinflussen – darauf beruhen auch diese Therapieformen:

Biofeedback: Ein Feedbackgerät misst körperliche Veränderungen, etwa den Haut­leitwiderstand, Puls oder Temperatur. Es überträgt diese als akustisches oder Licht-Signal, zum Beispiel als einen Ton, der höher oder tiefer wird. Mittels mentaler Übungen lernt der Patient, diese Funktionen zu kontrollieren. Studien zeigen, dass Biofeedback etwa gegen chronische Schmerzen wie Migräne und bei Bluthochdruck hilft. In ­bestimmten Fällen übernehmen die Kassen die Kosten.

Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) in Echtzeit: Die Patienten liegen in einem MRT-Gerät, umgeben von einem Magnetfeld, das Durchblutungsveränderungen im Gehirn anzeigt. Erste Studien­ weisen darauf hin­, dass sie damit die Aktivierung und Deaktivierung bestimmter­ Hirn­areale möglicherweise noch schneller lernen als beim Neurofeedback. Helfen soll fMRT bei Angst, Schmerz, Depressio­nen und gegen Parkinson. Zudem laufen Studien­ ­zu ADHS. Die Kassen zahlen das teure und noch nicht hinreichend geprüfte Verfahren derzeit nicht.



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