Mein Kind wird operiert

Lilli (5) muss im Krankenhaus operiert werden: die Polypen werden entfernt. Ihre Mutter erzählt von ihren Erfahrungen, eine Kinderpsychiaterin und ein HNO-Arzt kommentieren

von Annett Zündorf, aktualisiert am 10.01.2017

Das Lieblingskuscheltier spendet Kindern vor einer OP Trost

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"Mama, ich will nicht!" Tränen­überströmt klammert sich meine Tochter Lilli (5) an mein Bein. Wir sind zu Hause und ich erkläre ihr immer wieder, warum sie ins Krankenhaus muss. Zwei Tage sind es noch bis zur Operation. Ambulant werden ihr die Polypen entfernt, und es wird Flüssigkeit abgesaugt, die sich hinter dem Trommelfell angesammelt hat. Sie weiß, dass ihr Blut abgenommen wird und die Ärzte ihre Ohren reparieren, während sie schläft. Ein Fehler?

Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Birgit Heßmann: Nein, Kinder brauchen Sicherheit! Eltern sollten mit ihrem Kind besprechen, was bei der Opera­tion passieren wird. Sie können ihm das Krankenhaus zeigen, ein Buch dazu lesen oder mit einem Arztkoffer spielen, damit die Situa­tion vertraut wird. Auch mit sehr ängstlichen Kindern sollte man sprechen. Eltern sollten einen Zeitpunkt wählen, der möglichst weit vor der Operation liegt, wenn die Angst noch weit weg ist. Wenn Eltern nichts erzählen, wird das Kind abwehrend reagieren. Selbst bei einer spontanen Behandlung sollte man sich ein paar Minuten Zeit nehmen. Niemand will einer unbekannten Situation hilflos ausgeliefert sein.


Dr. Birgit Heßmann ist Kinder- und Jugendpsychiaterin, und berät die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Münster

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Ärzte im Krankenhaus überprüfen die Diagnose

Die letzten Untersuchungen stehen an: Der HNO-Arzt macht mit Lilli einen Hörtest, schaut sich Ohren und Nase an. Der Anästhesist klärt über die Narkose auf. Zum Schluss bekommt Lilli noch Blut abgenommen. Meine Tochter schaut mich panisch an und ruft "Aua". Ich streiche ihr über den Kopf, lenke sie ab.

Oberarzt Stefan Marciniak: Die Voruntersuchungen am Tag vor der Operation sollen Komplikationen vermeiden. Wir kontrollieren, ob die Diagnose vom niedergelassenen Arzt stimmt. Mit dem abgenommenen Blut wird überprüft, ob es normal gerinnt. Der Narkosearzt stellt Fragen, um Probleme vorher zu erkennen. Außerdem schließen wir akute Infekte aus.


Oberarzt Stefan Marciniak operiert an der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Waldkranken­haus Gera

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Kind verarbeitet Erlebnisse über Wochen hinweg

Wir sind wieder zu Hause. Lilli malt das "Doktorhaus". Dann ein Blatt voller Kringel und erklärt mir: "So hat der Arzt geschrieben."

Heßmann: Kinder verarbeiten solche Erlebnisse durch erzählen, malen oder beim Rollenspiel. Da werden Teddys verarztet und die ganze Familie mit Pflastern versorgt. Manchmal wachen die Kinder nachts auf und weinen. Das ist in den ersten vier Wochen normal. Sie verarbeiten das Erlebnis auch im Traum.

Vor der OP nüchtern bleiben

Der OP-Tag ist da. Mir ist ­ein wenig flau im Magen, aber ich ­lasse mir vor Lilli nichts anmerken. ­Meine Tochter möchte frühstücken. Doch sie darf nicht. Für die Operation muss sie nüchtern sein. Der Termin ist erst um 13 Uhr. Bis 9 Uhr darf sie etwas trinken. ­Lilli will nicht. Wir trinken um die Wette. Das klappt.

Marciniak: Es ist wichtig, nüchtern zur Operation zu kommen. In Vollnarkose erschlaffen die Muskeln des Magens, der Inhalt läuft nach oben. Wird er eingeatmet, kann das zu schweren Lungenentzündungen führen. Deshalb darf man sechs Stunden vor dem Termin nichts essen. Auch Kau­gummi ist tabu, weil beim Kauen viel Speichel produziert wird. Tee ohne Zucker oder Wasser sind bis zwei Stunden vorher erlaubt. Das gilt auch für Babys und kleine Kinder. Allerdings wird oft ein Zeitpuffer eingeplant für den Fall, dass die OP vorgezogen wird. Brauchen Kinder dringend Flüssigkeit, erhalten sie die über den Tropf.

Beruhigungsmittel entspannt Kinder

In wenigen Minuten geht’s los. Im Vorbereitungsraum steht ein Gitterbettchen für Lilli bereit. Die Schwester bringt ­einen Saft mit beruhigendem Mittel: "Der macht müde." Manche Kinder schlafen davon schon fast ein. Mein Kind nicht. Sie will weg. Ich ziehe ­Lilli die Sachen aus, das OP-Hemdchen über. Sie sitzt auf meinem Schoß, bis sie tatsächlich ­­müde wird und sich freiwillig in das Bett legt. Darauf hat die Schwes­ter gewartet. Wir fahren Lilli gemeinsam zum Eingang des OPs. "Die Mama geht mal aufs Klo", verabschiedet mich die Schwes­ter. Ich erhasche noch einen letzten Blick meiner Tochter. Sie schaut mich an wie ein Lamm auf der Schlachtbank.

Marciniak: Der Saft mit Beruhigungsmittel entspannt die Kinder. Die Herzfrequenz sinkt, die Erinnerung an die Phase vor und nach der OP wird eingeschränkt. Die meisten sitzen friedlich mit ihrem Kuscheltier auf Mamas oder Papas Schoß, manche liegen schon im Bettchen. Das Kuscheltier ist wichtig. Das Kind soll etwas Vertrautes dabei haben. Das be­ruhigt, manchmal können wir unmittel­bar vor der Narkose noch kurz spielen. Vor Keimen braucht man bei Ohren­operationen keine Angst zu haben. Im Mund sind immer Keime. Aber die kennt der Körper des Kindes. Das ist kein Problem.

Eltern sollten gut vorbereitet und ruhig sein

Ich sitze in der Cafeteria und ­trinke einen Kaffee. Ein Buch soll meine Gedanken davon abhalten in den OP zu wandern – zu all den Geschichten über Einzel­fälle, bei denen in der Narkose etwas passiert ist. Zu meinem Kind mit einem Schlauch im Hals und dem Arzt mit dem Skalpell.

Heßmann: Vor allem müssen Eltern sich vorbereiten. Wer panisch ist, strahlt keine Sicherheit aus. Die braucht das Kind aber. Eltern müssen es trösten, aber zugleich auch sagen, dass es keine Option gibt, dass man nicht einfach nach Hause gehen kann. Besprechen Sie eigene Ängste oder Details der Operation in Abwesenheit des Kindes.

Mutter und Vater dürfen fast immer in den Aufwachraum

Endlich. Lilli hat die OP gut überstanden. Ich darf zu ihr in den Aufwachraum. Da liegt sie und schläft. Mit einem bisschen Blut an der ­Nase, einem Zugang in der Hand, angeschlossen an ein Über­wachungsgerät. Ich warte zwei Stunden, bis sie aufwacht. Sie ist verwirrt, versucht die Nadel mit dem Schlauch aus der Hand zu ziehen. "Ich habe Hunger", sagt sie dann. Aber erst mal gibt es nur Wasser. Später fahre ich sie im Rollstuhl zum Arzt, der endlich erlaubt, dass sie essen darf. Das Brötchen verschwindet in Blitz­­geschwindigkeit.

Marciniak: Die Eltern dürfen fast immer sofort in den Aufwachraum. Das Kind schläft manchmal noch. Die Verwirrtheit ist eine Nachwirkung der Narkose. Zur Sicherheit bleiben die Kleinen eine Weile an Geräte angeschlossen. Manchmal atmen sie nicht gleich richtig allein. Das merken wir dann sofort.

Zwei Erwachsene müssen das Kind abholen

Wir warten, dass wir nach Hause dürfen. Als die Oma die Tür öffnet, hüpft Lilli fröhlich auf sie zu.

Marciniak: Es müssen immer zwei Erwachsene das Kind abholen. Einer fährt, einer kümmert sich. Manchmal wirkt das Narkose­mittel nach, und dem Kind wird schwindlig. Oder es muss sich erbrechen, atmet etwas davon ein und bekommt Atemnot. Sollte es nicht möglich sein, ­einen zweiten Erwachsenen zu organisieren, behalten wir das Kind über Nacht im Krankenhaus.

Heßmann: Die meisten Kinder verkraften kleine Eingriffe gut. Sie erinnern sich zwar, dass es irgendwie unangenehm war, aber genauso, wie sie sich an einen Sturz aufs Knie erinnern.

Auf dem Heimweg erzählt Lilli der Oma stolz von der Operation. Aber vor allem genießt sie, endlich hören zu können. Zu Hause wartet eine kleine Überraschung.

Heßmann: Wenn alles vorbei ist, sollte man dem Kind sagen: "Das hast du gut gemacht." Auch, wenn es geweint hat. Irgendwas zum Loben findet man immer. Und dann geht man in den Zoo, ein Eis essen, oder es gibt ein kleines Geschenk.



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