Knochenbruch beim Kind: Wie wird behandelt?

Knochenbrüche kommen bei Kindern oft vor. Häufig können sie sich aber schnell wieder bewegen
von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 03.05.2016

Knochenbrüche heilen bei Kindern anders als bei Erwachsenen

Getty Images/Jonathan Kirn/Photographer's Choice

Eigentlich ist das Skelett eines Kindes nicht viel anders als das eines Erwachsenen: die gleiche Anzahl an Knochen – nur im Miniaturformat. Und dennoch unterscheiden sich die kleinen von den großen Patien­ten eklatant, wenn es um Brüche geht. "Frakturen im Kindesalter sind mit denen von Erwachsenen nicht zu vergleichen", sagt Privatdozent Dr. Dirk Sommerfeldt, leitender Arzt der Abteilung für Kinder- und Jugendtraumatologie des Altonaer Kinderkrankenhauses Hamburg.

Knochenbruch: Was ist bei Kindern anders?

"Bei Kindern heilt alles viel schneller", erklärt Professor ­Peter Schmit­tenbecher, Leiter der kinderchirurgischen Klinik des Klinikums Karlsruhe. Bei Kindern unter fünf Jahren fügen sich die zerbrochenen Teile meist binnen zwei bis drei Wochen zusammen, bei Kindern zwischen fünf und zehn dauert es dann schon drei bis vier Wochen. Und bei über Zehnjährigen bedarf es etwa vier Wochen. Erwachsene haben mit Brüchen mitunter sechs Wochen und länger zu tun.

Prof. Dr. med. Peter Schmitten­becher leitet die kinderchirurgische Klinik des Klinikums Karlsruhe

W&B/Privat

Der Grund für die schnelle Heilung bei Kindern: ­Das ganze System ist noch viel dynamischer. Zellen werden schneller auf- und abgebaut. Kinderknochen besitzen eine dickere­ Knochenhaut und haben­ einen­ hohen Wassergehalt, sie sind bestens durchblutet – körper­eigene Reparaturmechanismen greifen schneller.

Zudem sind Knochen von ­Babys und Kleinkindern äußerst biegsam. Man kann sie sich vorstellen wie junge, grüne Zweige, "wie den Stängel einer frischen Blume oder wie ein Stück ­Fimo", erklärt Sommerfeldt. Baby- und Kleinkindknochen knicken ab, aber sie brechen meist nicht durch.

PD Dr. med. Dirk Sommerfeldt ist leitender Arzt der Kinder- und Jugendtrauma­tol­o­gie des Altonaer­ Kinder­kran­ken­hauses in Hamburg

W&B/Privat

Die Knochenhaut bleibt daher bei den sogenannten Grünholzfrakturen erhalten oder reißt höchs­tens ­etwas ein (siehe Grafik unten). Eine weitere Besonderheit: Bei den Kleinen ist die Wachstumsfuge noch nicht geschlossen. Dass die sogenannte Epiphysenfuge an einem Bruch beteiligt ist, passiert­ in fünf bis 25 Prozent der Fälle,­ je nachdem, wo der Bruch auftritt­ (siehe Grafik). Besonders häufig ist das Handgelenk betroffen.­ Die ­­Fuge schließt sich erst zwischen dem zwölften und 16. Lebensjahr. Bricht ein Knochen nahe der Epiphysenfuge, kann das weitere Wachstum vieles wieder korrigieren. Verletzt der Bruch aber die Fuge selbst, hat das eher Auswirkungen auf das Längenwachstum des Knochens.

Typische Brüche bei Kindern

Am häufigsten, so Schmittenbecher,­ kommen bei Kindern Unterarmbrüche vor. Oft geschehen die Frakturen auch rund um den Ellenbogen, weil Kinder auf das empfindliche Knochengerüst stürzen. "Babys brechen sich vergleichsweise­ häufig das Schienbein", erklärt Chirurg Sommerfeldt. "Lauflernbruch" nennt das der Arzt. Die Kleinen stolpern, fallen und ziehen sich einen feinen Haarriss zu. Nicht dramatisch, offenbar auch nicht besonders schmerzhaft. Aber instinktiv schonen die Kleinen die betroffene Stelle. "Eltern bemerken dann, dass ihre Kinder plötzlich wieder krabbeln, obwohl sie schon gehen konnten", sagt Sommerfeldt.

Besondere Brüche im Kindesalter

W&B/Astrid Zacharias

Die Behandlung: Operieren oder gipsen?

Bei feinen Haarrissen wie am Schienbein, bei den meisten Grünholzfrakturen und bei unkomplizierten Brüchen reicht es, den Knochen einzugipsen. Babys mit Schienbeinbruch sind dann schon nach zwei Wochen wieder fit. "­Etwa drei Viertel aller Brüche im Kindesalter lassen sich ohne Operation behandeln", erklärt Sommerfeldt. Zum Vergleich: Bei den Erwachsenen müssen drei Viertel der Brüche operiert werden, damit sie sich wieder zusammenfügen.

Manche komplizierten Brüche würden ohne OP nicht vernünftig verheilen – etwa wenn ein Knochen verschoben, sehr instabil, an mehreren Stellen gebrochen oder gar gesplittert ist. "Heutzutage gibt es sehr gute Methoden, solche Frakturen mithilfe von kindgerechten, elastischen Nägeln zu richten. Das Material muss aber wieder entfernt werden", sagt Chirurg Schmittenbecher. Deshalb brauchen die Kleinen meist zwei Narkosen. Immerhin: "Die Kinder sind nach der Operation sehr schnell mobil", erklärt der Experte. "Die meisten bewegen sich wenige Tage nach dem Eingriff wie zuvor." Bei Oberschenkelbrüchen neigen Chirurgen ­heute eher dazu, den Bruch chirurgisch zu versorgen. Zwar ­würde die Fraktur vermutlich vor allem bei Kleinkindern auch ­ohne OP heilen. Aber das würde vier bis sechs Wochen Beckengips bedeuten – "äußerst unattraktiv", findet Arzt Schmittenbecher.

Bruch nahe dem Handgelenk: OP nicht unbedingt nötig

In manchen Fällen verzichten Ärzte dagegen bewusst auf ­eine Operation. Unterarmbrüche ­nahe dem Handgelenk werden oft mit kleinen Drähten fixiert, unter anderem deshalb, weil Mediziner Wachstumsstörungen an der Epiphysenfuge befürchteten. Studien zeigen nun, "dass man bei diesem Bruch sehr viel der Natur überlassen kann", sagt ­Schmittenbecher. Sommerfeldt etwa ist an einer großen Studie beteiligt, bei der Wissenschaftler an 40 Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz verglichen, wie Armbrüche nahe dem Handgelenk nach Operationen oder im Gips heilten. Resultat: "Die Brüche wachsen spontan genauso gut zusammen. Man kann also wahrscheinlich in vielen Fällen auf eine OP verzichten", so Sommerfeldt. "Voraussetzung ist aber, dass die Wachstumsfuge noch offen ist und der kleine Patient noch mindestens zwei Jahre Wachstum vor sich hat. Und: Der Bruch darf zudem einen bestimmten Fehlstellungswinkel nicht überschreiten", sagt Sommerfeldt.

Diagnostik: Ultraschall versus Röntgen

Auch bei der Diagnostik denken Ärzte um. Momentan werden die Kleinen geröntgt, um einen Bruch  festzustellen. Auch um zu überprüfen, ob der Knochen sich im Gips korrekt zusammenfügt, müssen die Kleinen ins Röntgengerät. Es geht auch anders: "Erste Studien­ zeigen, dass es für die Diagnose und für die Verlaufskontrollen in vielen Fällen reichen würde, die Kinder mittels Ultraschall zu untersuchen", sagt Sommerfeldt. In vielen Kliniken fehlt es aber an geeigneten Geräten. "Außerdem müssen die Untersucher speziell geschult werden", so der Arzt. Viele Eltern fürchten, dass Röntgenstrahlen ihren Kindern schaden könnten. Experte Schmittenbecher beruhigt: "Zwei Aufnahmen entsprechen etwa der Strahlenbelastung eines Amerika-Fluges, sind also sicher nicht schädlich."

Hauptsache kindgerecht behandeln

Der Rat der Experten: Wenn sich ein Kind verletzt, sollten Eltern sich an eine ­­Kindernotfallambulanz oder einen Kinderchirurgen wenden. "Frakturen im Kindesalter werden in der Chirurgie noch viel zu häufig wie die von Erwachsenen behandelt", warnt Mediziner Sommerfeldt. Besonders Jugendliche würden oft nicht adäquat versorgt. "Sie sind vom Körperbau zwar wie Erwachsene, aber ihr Knochenaufbau ist oft noch nicht ausgereift", so der Arzt. "Knochen müssen einfach in jedem Alter anders behandelt werden."


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