Klinikclowns: Lachen hilft kranken Kindern

Im Krankenhausalltag bleibt oft wenig Raum für Humor. Klinikclowns ändern das. Den kleinen Patienten tut es gut

von Dr. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 27.03.2015
Klinikclowns

Sitzt die Krawatte leger genug? Die Klinikclowns bereiten sich auf ihren Einsatz vor

Manfred Lehner

Dr. Lulu und Dr. Steffo stehen in der Kinderklinik des Klinikums Harlaching vor einer Tür mit Glasfenster, die zu einem ihrer kleinen Patienten führt. Ihre weißen Kittel tragen sie offen. Darunter hat Frau Lulu ein blumiges Kleid an, während bei Herrn Steffo eine nachlässig gebundene Krawatte das bunt karierte Hemd ziert. Da entdeckt sie der sechsjährige Junge im Zimmer. Begeistert winken sie ihm durch die Glastür zu, und machen sich schön für den Besuch. Lulu zieht dabei Steffos Krawatte so eng, dass er Anstalten macht, zu ersticken. Kaum ist das behoben, kämpfen die beiden mit der nächsten scheinbar unlösbaren Hürde: Dem richtigen Gebrauch der Türklinke.

Erheitern ohne viele Worte

Lulu und Steffo heißen bürgerlich Yueh Weber-Lu und Thomas Holzer und sind Klinikclowns. Jede Woche heitern sie die kranken Kinder der Klinik auf. Das geht sogar bei einem russischen Mädchen, das kein Deutsch spricht: Als Steffo ein Geschenk überreichen will, ein Flyer mit Bildern von den Clowns, fällt er ihm aus der Hand. Kaum bückt er sich danach, ergießen sich aus seinen Taschen weitere Flyer auf den Boden. Schnell ist das Chaos perfekt. Je nach dem Bedürfnis der Patienten bleiben sie mal länger, mal nur ganz kurz im Zimmer.


Vorab informieren sich die Klinikclowns

Schon im Vorfeld haben sich die beiden bei den Stationsschwestern über die Kinder informiert – ob sie ansteckende Krankheiten haben, oder frisch operiert sind und nicht aufstehen sollten, und wie alt sie sind. Das Alter der Patienten reicht vom Kleinkind bis zum Jugendlichen, und dementsprechend variieren die Clowns ihr Repertoire. "Bei Vierzehnjährigen kann es schwierig sein, einen Draht aufzubauen, weil sie möglichst erwachsen sein wollen", erklärt Weber-Lu. "Siebzehnjährige freuen sich zumindest über eine aus Luftballons modellierte Blume für ihre Freundin."

Der dumme Clown und der Besserwisser

In einem weiteren Zimmer sitzt der junge Patient am Tisch. Lulu und Steffo fangen an zu debattieren, wer sich von ihnen in das gerade freie Bett legen darf und wer in den Schrank muss. Später kommen sie auf die Idee, aus Luftballons eine Luftmatratze zu bauen und den Schrank meistbietend zu verkaufen. Dabei übernimmt einer die Rolle des dummen August, während der andere sich als Besserwisser gibt. "Rotclown und Weißclown heißt die Rollenverteilung in der Fachsprache", sagt Holzer. Und die Kinder lieben den Dummen. Generell haben sich Auftritte zu zweit bewährt, weil die beiden Clowns bei schüchternen Kindern mehr miteinander spielen können. Nach jedem Zimmer notieren die Clowns, was sie gespielt haben. Auch für den Fall, dass das Kind in der Woche darauf noch da ist.

Eine bleibende Erinnerung

Denn Kinder haben ein gutes Gedächtnis für solche Erlebnisse. "Mir ist schon passiert, dass mich ein Kind Jahre später auf der Straße erkannt hat, als ich privat unterwegs war", sagt Holzer. Auch deshalb, weil sie meist auf eine aufgesetzte Clownsnase verzichten und nur einen roten Punkt auf die Nase malen: "Denn vor Masken haben manche Kinder eher Angst", so Weber-Lu. Und sie wollen den Kindern ja ein Stück Unbeschwertheit schenken im Klinikalltag.

Ein schüchternes Kleinkind versteckt sich halb vor den beiden Clowns. Schließlich locken sie es hervor, indem Dr. Steffo Seifenblasen produziert, die Dr. Lulu einsammelt und als "Schatz" pantomimisch in einen Luftballon füllt. Den blasen sie dann auf und überreichen ihn dem Kind. Bei einem anderen Kind lässt Dr. Steffo zu dessen großem Vergnügen einen Herzluftballon wie ein echtes Herz schlagen.

Effekte auf vielen Ebenen

Durch Humor möchten die Klinikclowns die Kinder emotional und kognitiv stimulieren: ihre Laune heben, Hemmungen lösen, verdrängte Gefühle freisetzen, die Phantasie anregen und die Kreativität fördern. Studien zeigen außerdem, dass sich Lachen in vielfacher Hinsicht positiv auf den Körper auswirkt. Es kann unter anderem Glückshormone ausschütten, das Immunsystem stimulieren, Stress abbauen und Schmerzen lindern. "Darüber hinaus wirkt der Humor nicht selten ansteckend und fördert die soziale Interaktion der Menschen in der Klinik", so Holzer.


Elisabeth Makepeace ist die Geschäftsführerin von KlinikClowns Bayern e.V.

Manfred Lehner

Viele Anfragen

Die Nachfrage nach Klinik-Clowns ist groß, zu groß sogar. Es gebe noch deutlich mehr Anfragen, doch sei das aus finanziellen Gründen nicht zu stemmen, sagt Elisabeth Makepeace, Geschäftsführerin von KlinikClowns Bayern e.V. Vor allem finanziert der Verein die Auftritte durch Spenden von Einzelpersonen und Firmen sowie Zuwendungen von Stiftungen. Notwendige Fortbildungen zum Beispiel zu Hygienevorschriften oder der psychischen Situation von kranken Kindern zahlen die Clowns in der Regel selbst. "Die meisten Clowns sind freischaffende Künstler und haben mehrere berufliche Standbeine", sagt Makepeace.

Dachverband bemüht sich um Finanzierung

Deutschlandweit gibt es einen Dachverband, unter dem derzeit zwölf Klinikclown-Vereine organisiert sind mit insgesamt ungefähr 180 Klinikclowns. "Allerdings können wir noch nicht von einer flächendeckenden Versorgung sprechen, weil freischaffende Künstler eher in Ballungsräumen und größeren Städten leben", so Makepeace. Damit das Angebot weiter ausgebaut werden kann, regt derzeit eine Petition des Dachverbandes an, dass der Bundestag die gesetzlichen Grundlagen für eine gesicherte Finanzierung von Klinikclowns schaffen soll.



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