Keine Zeit zum Kranksein – was tun?

Kinder, Arbeit, Haushalt: Eigentlich haben Mütter keine Zeit zum Kranksein. Trotzdem erwischt sie mal eine Erkältung. Dann einfach schnell Medikamente schlucken und weiter machen?
von Annabelle Fischer, 19.04.2017

Ab aufs Sofa! Auch Mütter brauchen Zeit zum Kranksein und Gesundwerden

Getty Images/Digital Vision

Mütter nehmen sich nicht frei. Mit diesem Satz wird ein Erkältungsmittel im Fernsehen beworben. Bevor sich die stark verschnupfte Mutter bei ihrer verdutzten Tochter im Feenkostüm krank meldet, greift sie zur rettenden Lösung: einem Mittel, das die Nase wieder frei pustet und grippebedingte Schmerzen wie mit einem Zauberstab wegzaubert.

Schön, wenn es so einfach wäre. Fakt ist: Grippe- und Erkältungswellen nehmen zu. Laut Gesundheitsreport 2016 der Techniker Krankenkasse stiegen die Fehltage der Beschäftigten wegen schwerer Atemwegserkrankungen wie Bronchitis um ein Viertel. Analysiert wurde die gesundheitliche Situation der sogenannten Sandwich-Generation, also der 30- bis 44-jährigen Berufstätigen. Hier stünden Männer wie Frauen zunehmend unter Druck, Beruf, Familie und das eigene Wohlbefinden unter einen Hut zu bringen.

Rezeptfreie Medikamente als Ausweg?

Der Stundenplan ist voll, der Weg zu den selbst gesetzten Zielen stressig, und die Mehrfachbelastung geht auf den Körper. Doch zum Ausruhen fehlt die Zeit. Wer zu Hause bleibt, muss danach doppelt so viel abarbeiten. Und wie erklärt man Kleinkindern, dass man im Bett liegen muss? Daher greifen viele bei Krankheitssignalen wie Husten oder Gliederschmerzen zu rezeptfreien Medikamenten. Um zu funktionieren – im Job und zu Hause.

So wie Isabella Scholz* (38), Oberärztin einer Klinik in München und Mutter zweier kleiner Jungen (3 und 4). Sie sagt: "Krankmachen geht bei mir nicht. Mit einem grippalen Infekt reißt man sich immer zusammen. Wenn ich ausfalle, müssen meine Kollegen viel mehr arbeiten. Und operieren können nur mein Chef und ich."

Um sich fit zu fühlen, gibt es bei Isabella Scholz dann morgens zum Frühstück eine Ibuprofen und einen Kaffee. Der Operationsplan ist voll: "Wir können den Patienten nicht einfach absagen. Die sind krank, haben sich freigenommen, ihre Kinder untergebracht, und müsssen operiert werden. Und bei manchen Tumor-Patienten zählt jeder Tag!" Auf die Frage, ob sie keine Angst vor den Nebenwirkungen der Medikamente hat, antwortet Isabella Scholz: "Doch, ich habe Angst vor einem Magengeschwür."

Der kranke Körper braucht vor allem Erholung

Manchmal fühlt sich Isabella nach der Medikamenteneinnahme wieder so gut, dass sie nach ihrer Schicht noch zum Sport geht – eine halbe Stunde Schwitzen auf dem Crosstrainer. Das geht schon noch, meint sie. Doch das ist ein Irrtum. Der angeschlagene Körper braucht Erholung.

Dr. Michael Mehring ist Facharzt für Allgemeinmedizin in München

W&B/Privat

"Die Wirkstoffe lindern zwar die Symptome, haben aber keinen Einfluss auf die Krankheitsdauer. Sie steigern nur die akute Lebensqualität", erklärt Dr. Michael Mehring. Er praktiziert als Facharzt für Allgemeinmedizin in München. "Wer krank ist, sollte sich ins Bett legen und schonen, damit das Immunsystem gestärkt wird."

Schmerzmittel nicht unkontrolliert einnehmen

Zudem sollte man sich von einem Arzt oder Apotheker beraten lassen, bevor man zu Schmerzmitteln greift. "Schon Paracelsus hat gesagt: ‚Die Dosis macht das Gift.‘ Eine unreflektierte überhöhte Medikamenteneinnahme birgt immer ein Schadpotenzial in sich, zum Beispiel können hier die Nieren und die Leber geschädigt werden", so Mehring.

Das gilt für jeden, der erkältet und erschöpft mit Schmerzmitteln arbeitet oder sich durch den Familienalltag schleppt. "Ich sage meinen Patienten immer: ‚Wer bei einem Topf mit kochendem Wasser immer wieder nur den Deckel draufhält und nicht die Ursache behebt, indem man den Herd abstellt, ändert nichts an der Situation", sagt Mehring.

Bei Grippesymptomen lieber Auszeit statt Antibiotika

Doch das ist manchmal gar nicht so leicht. Wenn Isabella Scholz mit Husten oder Schnupfen in die Klinik kommt, höre sie schon mal den Rat "Nimm doch ein Antibiotikum, dann bricht die Krankheit gar nicht erst aus", erzählt sie. Das stimmt jedoch nur bedingt: Ein Antibiotikum hilft bei einem viralen Infekt gerade nicht. "Nur wenn zu dem grippalen Infekt noch ein bakterieller hinzukommt, wie eine Nasennebenhöhlen-Entzündung, mag ein Antibiotikum nützen", erklärt Mehring.

Dr. Jörg Wittig ist Fachapotheker für Allgemeinpharmazie und Ernährungsberatung aus Schleiz

W&B/Privat

Um wieder gesund zu werden, muss man die Situation entschleunigen. "Bei Grippesymptomen rate ich meinen Kunden, sich eine Auszeit zu gönnen. Wenn der Körper von einem Virus befallen ist, kann nur der eigene Körper diesen bekämpfen. Stress ist kontraproduktiv", sagt der Apotheker Dr. Jörg Wittig aus Schleiz. Er empfiehlt dann, unterstützend pflanzliche Thymian-Primel-Extrakte oder Myrtolpräparate zu nehmen. Diese Arzneien wirken entzündungshemmend und schleimlösend. Sie fördern den natürlichen Abwehrprozess des Körpers.

Vitamine und Stressabbau statt Schmerzmittel

Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol können bei Symptomen wie Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen auch genommen werden – wenn es maßvoll geschieht. "Wer sie ein- oder zweimal im Jahr eine Woche lang nimmt, richtet keinen Schaden an", erklärt Apotheker Wittig. Um die Infektanfälligkeit jedoch zu verringern, sollte man auf eine vitaminhaltige Ernährung mit viel Obst und Gemüse achten. Auch Zink kann die Abwehrkräfte stärken. Wohltuend sind auch Erkältungsbäder. Sie entspannen und öffnen die Atemwege.

Das Wichtigste bleibt aber: Stress abbauen und die Arbeit minimieren. Kann sie sich nicht freinehmen, geht Isabella Scholz nur einen halben Tag in die Klinik: "Wenn ich gar nicht kommen würde, hätte ich ein schlechtes Gewissen", erzählt sie. Grundsätzlich sollte man versuchen, sein Leben so zu organisieren, dass man auch mal krank sein darf. Pflichtbewusstsein ist gut, aber im Ernstfall sollte man an sich und seine Gesundheit denken. "Alarmsignale sind Fieber und schwer beeinträchtigende Symptome. Da sollte man sich konsequent schonen und einen Arzt aufsuchen", sagt Mehring.

Im Ernstfall auf Großeltern oder Nachbarn zurückgreifen

Aber wie erklärt seinen kleinen Kindern, dass man krank ist? Neulich hatte Isabella Scholz eine Magen-Darm-Infektion. "Ich lag flach im Bett, nichts ging mehr. Ständig kamen die Kinder: ‚Mama, was hast du denn? Mama, warum liegst du im Bett? Mama, komm, steh auf!‘" In solchen Situationen wäre ein Zauberstab in der Tat die beste Lösung. Aber wer kann schon zaubern? Realistischer: der liebevolle Papa, der die Kinder übernimmt, oder die Großeltern, die einspringen und hoffentlich um die Ecke wohnen.

Falls diese Möglichkeiten nicht vorhanden sind, hilft ein gutes Netzwerk. Es lohnt sich, in gesunden Zeiten die Nachbarn oder Nachbarskinder einzuladen und auch selbst Hilfe anzubieten. Wichtig sind auch Kontakte zu Eltern von Freunden des Kindes. Manchmal springt auch die Erzieherin aus der Kita ein und betreut in ihrer Freizeit noch andere Kinder. Einfach schon beizeiten mal fragen. So kann man im Ernstfall auf dieses Netzwerk zurückgreifen. Viele sind nette Krisenhelfer!

* Name von der Redaktion geändert

Kinderbetreuung und Haushalt: Hilfe für kranke Mütter

  • Wer akut krank ist, kann zum Beispiel über Internet-Suchmaschinen nach Notfallmüttern suchen. Zum Teil bieten hier Unternehmen entsprechende Dienste an. Ungefähr 30 Euro kostet eine Stunde. Manche Arbeitgeber unterstützen ihre Mitarbeiter bei den Kosten.
  • Auch einige Kommunen vermitteln günstige oder sogar kostenfrei tätige ehrenamtliche SOS-Mütter (über die Gemeindeverwaltung fragen).
  • Wer länger ausfällt und gesetzlich versichert ist, kann auf Familienhelfer zurückgreifen (SGB V § 38). Den Antrag stellen die Versicherten bei ihrer Krankenkasse. Es gibt Hilfen für Kochen, Putzen, Kinderbetreuung. Die Kasse verlangt eine Zuzahlung (fünf bis zehn Euro pro Tag). Privat Versicherte erhalten je nach Vertrag ähnliche Leistungen.


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