Ist eine Narkose für Kinder gefährlich?

Wenn Babys oder Kleinkinder operiert werden müssen, fürchten manche Eltern Folgeschäden der Betäubung. Wo die Risiken liegen

von Marian Schäfer, aktualisiert am 06.03.2017

Eltern sollten eine Operation nicht aus Angst vor der Vollnarkose herauszögern

Thinkstock/Fuse

Für Eltern ist es eine beklemmende Situation: Während ihr Kind bewusstlos auf dem Operationstisch liegt, können sie nur warten. Zur Angst, ob alles gut geht, kommt meist noch eine weitere Sorge: Wird der Mix aus Schlaf-, Schmerz- und Entspannungs­mitteln, der üblicherweise bei Vollnarkosen eingesetzt wird, dem Kleinen schaden?

Vor einiger Zeit sorgte eine Studie der Universitätsklinik San Francisco für Aufregung. Sie kam zu dem Schluss, dass All­ge­meinanästhesien, wie Vollnarkosen auch genannt werden, bei Säuglingen anhaltend negative Auswirkungen auf das Gedächtnis- und Erinnerungsvermögen haben können. In der Studie wurden Grundschulkinder getestet, die im ers­ten Lebensjahr eine Narkose erhalten hatten.

Narkosen für Babys schädlich? Experten kritisieren Studie

Fachleute kritisieren die Untersuchung jedoch stark. "Ich will nichts unter den Teppich kehren, aber das Ergebnis kann man so nicht stehen lassen", sagt Dr. Karin Becke, die Sprecherin des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Zu gering sei die Zahl von 28 untersuchten Kindern gewesen und zu unterschiedlich ihre Grunderkrankungen.


Dr. med. Karin Becke ist Sprecherin des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie. Sie arbeitet in Nürnberg

W&B/Privat

Zudem leidet die Studie an derselben Schwäche wie viele andere­ Untersuchungen in diesem Bereich auch: Rückblickend lässt sich kaum auseinanderhalten, ob ­eine Schädigung durch ein Narkosemittel verursacht wurde oder ­Folge der Erkrankung und ihrer Behandlung ist. Weitere Studien sind also nötig.

Schaden Schlafmittel dem Gehirn?

Insbesondere die Schlafmittel haben Forscher im Visier. Tierexpe­rimente haben gezeigt, dass sie der Gehirnentwicklung schaden können. "Entwicklung heißt, dass sich Nervenzellen untereinander­ verbinden. Das ist ein dynamischer Prozess, bei dem von Natur aus Verbindungen geschaffen, aber auch wieder zerstört werden. Im Tiermodell scheinen ­alle gängigen Schlafmittel den Prozess der Zerstörung zu steigern", so Becke. Die Ergebnisse seien aber nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar. "Unser Gehirn ist anders strukturiert als das von Tieren, und seine Regenerations­fähigkeit ist sehr hoch."


Dr. med. Jörg Schimpf ist Anästhesist an der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum Augsburg

/Ulrich Wirth Klinikum Augsburg

Operationen keinesfalls aufschieben

Dr. Jörg Schimpf arbeitet als Anästhesist am Klinikum Augsburg. Er sagt: "Ich bin mir sicher, dass wir bei Kindern ähnliche Mechanismen feststellen würden wie bei Tieren, wenn wir sie ­genauso untersuchen könnten." Und fügt hinzu: "Der Punkt ist aber: In den ers­ten Lebens­jahren ist nicht nur die Verletzlichkeit des Gehirns am größten, sondern auch seine Reparaturfähigkeit." Er hält es für wahrscheinlich, dass kurzfris­tige "Entwicklungsdellen" entstehen, die schnell wieder "ausgebeult" würden. Große Studien aus Dänemark, den Niederlanden und den USA weisen darauf hin.

"Die beste Operation ist immer die, die man vermeidet. Es gibt aber eine Vielzahl von Eingriffen, die gemacht werden müssen und die ­eine Narkose erfordern", sagt Dr. Tobias Schuster, Sprecher der Deutschen ­Gesellschaft für Kinderchirurgie und Leiter der kinderchirurgischen Abteilung des Klinikums Augsburg. Der Mediziner meint damit nicht nur lebens­rettende Operationen, sondern auch kleinere Eingriffe. Zum Beispiel den Hodenhochstand: Bei knapp drei Prozent der männlichen Babys liegt der Hoden bei der Geburt nicht im Hodensack, sondern etwa in der Leiste oder im Bauchraum. Bleibt er zu lange dort, steigt das Risiko für Hodenkrebs und Unfruchtbarkeit. "Es wäre verantwortungslos, so etwas nach den heutigen Erkenntnissen aufzuschieben", so Schuster.


Dr. med. Tobias Schuster ist Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirur­gie in Augsburg

W&B/Privat

Kombinationsverfahren betäuben gezielt

Kinderchirurgen haben übrigens eher mit Hodenhochständen als mit lebensbedrohlichen Fehlbildungen wie etwa einem Verschluss der Speiseröhre zu tun. In den ers­ten Lebensjahren überwiegen kleinere Eingriffe. Und die werden in vielen Fällen gar nicht mehr unter klassischer Vollnarkose durchgeführt. "Wir empfehlen, wann immer möglich, Kombinationsverfahren", sagt Karin Becke. Die Kinder bekommen dann vor allem das Schlafmittel, das im zentralen Nervensystem wirkt, über einen Zugang in die ­Vene.

Der Schmerz an den zu operierenden Stellen wird hingegen gezielt lokal oder regional betäubt. "Wir erreichen damit eine nahezu perfekte Schmerzkontrolle und brauchen meist nur noch eine sehr flache Narkose, also sehr viel weniger von den potenziell schädlichen Schlafmitteln", erklärt Anästhesist Jörg Schimpf.

OP nötig? Spezialisten aufsuchen

Was Eltern außerdem wissen sollten: Handelt es sich um keinen Notfall, sollten Operationen so früh wie nötig und so spät wie möglich erfolgen. Eine Zweitmeinung einzuholen kann hilfreich sein. Steht der Termin, wird ein Gespräch mit dem Anästhesisten vereinbart. "Eltern sollten nachfragen, wie viel Erfahrung der Kollege mit Kindern hat", rät Karin Becke. Das Problem: Den Titel "Kinderanästhesist" und eine damit verbundene Weiterquali­fikation gibt es offiziell nicht.

Wichtig ist, dass der Anästhesist mehrmals die Woche Kinder behandelt. Jörg Schimpf empfiehlt­ für Operationen­ Kinder­kliniken oder Krankenhäuser mit einer Fachabteilung für Kinderchirurgie. "Weil es oft kleinere Eingriffe sind, sind Kinder auch prädes­tiniert für ambulante Narkosen in der ­Klinik oder in gut ausgestatteten Facharztpraxen", erklärt Karin Becke. Schnell wieder zu Hause zu sein ­täte den Kleinen oft gut. "Das kann den Stress der Kinder senken, ein Faktor, der sich ebenfalls nachweislich auf ihre­ Entwicklung auswirken kann."



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