Fluorid: Wie es Kinderzähne vor Karies schützt

Warum kann Fluorid Karies vorbeugen? Sollten Kinder es über die Zahnpasta oder als Tablette bekommen? Das sollten Eltern wissen
von Tanja Pöpperl, 02.07.2015

Gesunde Kinderzähne: Regelmäßig putzen und gesund ernähren

W&B/Imagesource

"Sind doch nur Milchzähne …" Nach diesem ­Motto wurde Zahnpflege bei kleinen Kindern früher eher entspannt­ gesehen. Mit unschönen Folgen: Kariesbakterien konnten leicht vom Milchgebiss auf die bleibenden Zähne übertragen werden. Noch Anfang der 1980er-Jahre fand man bei Kindern im Alter von zwölf Jahren durchschnittlich bereits sechs kaputte bleibende Zähne, meist mit ­Karies befallen. Dass dieser Wert heute auf ­einen kariösen Zahn pro Kind zurückgegangen ist, verdanken wir bewussterer Ernährung, verbesserter Zahn­hygiene und vor allem der Fluoridprophylaxe.­

"Fluorid ist ein Mineralsalz, das die Entkalkung der Zähne reduziert. Das macht die Zähne widerstandsfähiger gegen Säureangriffe und Kariesbefall", ­erklärt Prof. Dr. Christian Splieth, Leiter der Abteilung Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde der Univer­sität Greifswald. Denn Karies entsteht, wenn mit der Nahrung aufgenommener Zucker von Bakterien in Säure umgewandelt wird, was den Zahnschmelz lang­fris­tig entkalkt. In diversen ­­Studien ­konnte der kariesreduzierende ­Effekt von Fluorid gezeigt werden. Daher raten ­Kinder­ärzte und Zahnmediziner einhellig zur Fluoridprophy­laxe bereits im Säuglings­alter.

Was für die Fluorid-Tablette spricht

Wie das Fluorid in den Körper beziehungsweise an die Zähne gelangen soll, darüber gibt es jedoch ­unterschiedliche Ansichten. Während Kinder- und Jugend­ärzte eher mindestens bis zum zweiten Geburtstag die Gabe von Fluoridtabletten anraten, plädieren Zahnärzte für das Putzen mit fluoridierter ­Paste ab dem ersten­ Zahn. ­Beide Parteien haben nachvollziehbare Argu­­mente.

So beruft sich Dr. med. Hermann Josef Kahl, Pädiater aus Düsseldorf und Sprecher des Ausschusses Prävention und Frühtherapie im Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte, auf die ­positiven Erfahrungen der Fluoridierung in Tablettenform: "Seit diese Maßnahme von Geburt an als Standard gilt, ist die Karies­entstehung bei Kindern dramatisch zurückgegangen." Man geht davon aus, dass so die Zahnsubs­tanz bereits vor dem Durchbruch, also während der Reifephase im Kiefer, verbessert wird. ­­"Außerdem tolerieren nicht ­alle Kleinkinder sofort das Hantieren mit der Zahnbürste, sodass die Tablette anfangs eine einfache Alternative bietet", meint Kahl.

Experten warnen vor einer Überdosierung

Kritiker der Tablettenvariante hingegen warnen vor einer möglichen Überdosierung, da Fluorid zusätzlich über Trinkwasser oder angereichertes Kochsalz aufgenommen wird. Die Gesamtmenge sei daher schwer abzuschätzen. Als Folge einer dauerhaft zu hohen Dosis könnte beim Milchgebiss und auch später bei den bleibenden Zähnen ­eine Fluo­rose auftreten. Dabei verfärbt sich die Zahnoberfläche weiß-streifig, in schlimmen Fällen braun-fleckig. Chris­tian Splieth gibt auch zu bedenken: "Die Tab­lette wirkt im gesamten Körper. Dabei geht es darum, ­einen lokalen mineralisierenden Effekt direkt auf der Zahnober­fläche zu erzielen und dortige Beläge zu entfernen, was nur durch die Putzbewegung funktioniert." Erhält ein Kind die Fluor-Tablette, regt er daher an: "Die Tablette mit ein wenig Wasser vermengen und mit ­einer Bürs­te direkt auf die Zähne auftragen, um einen lokalen schützenden Effekt zu erzielen."

Und: Da Säuglinge noch nicht in der ­Lage sind, die Tablette wie vorgesehen zu lutschen, lösen Eltern sie oft im Fläschchen oder Brei auf. "Aber das Kalzium in der Milch hemmt die Aufnahme von Fluorid, die Wirkung ist dahin", so Splieth. Aus zahnärztlicher Sicht schützt die fluoridierte Paste vom ers­ten Zähnchen an nachhaltiger vor Karies und ist in der Praxis konsequenter anzuwenden.

Auf keinen Fall Fluorid-Tablette und Zahnpasta anwenden

Was also tun? Doppelt ab­sichern und Tablette plus angereicherte Zahn­pasta ver­wenden? "Bloß nicht", warnt Zahnarzt Splieth, "viel hilft nicht viel, sondern kann, wenn eine Fluorose entsteht, zum kosmetischen Problem werden." Wer sich für das Putzen mit Fluorid-Zahnpasta entscheidet, sollte auf die Tabletten verzichten – und umgekehrt. Wichtig, wenn Eltern lieber mit Fluorid-Zahnpasta die Kinder­zähne putzen: die Fluoridmenge muss alters­­gerecht sein, nämlich 0,05 Prozent (500 ppm) bis zum Alter von sechs Jahren.

Anfangs genügt es, einmal am Abend mit einem dünnen Film fluoridierter ­Paste zu putzen. Morgens die Zähne­ nur mit Wasser oder fluo­­ridfreier Paste­ bürs­ten. Ab dem zweiten­ Geburtstag kann man morgens­ und abends ­eine erbsengroße Menge­ Zahn­pasta mit Fluorid verwenden. "Dass Kinder kleine Mengen verschlucken, ist unproblematisch, wenn sie noch nicht zuverlässig ausspucken. Das ist in der niedrigen Dosierung berücksichtigt", sagt Kinderarzt Kahl.

Wichtig: Zähne putzen und auf die Ernährung achten

Beide Experten sind sich einig: Karies­prophylaxe braucht mehr als nur Fluorid. "Wer seinem Kind ständig die Nuckelflasche überlässt, ­sü­­ße­ Getränke gibt und die Zähne nicht ordentlich putzt, riskiert trotz Fluo­­ridierung Karies", so Mediziner Kahl. Und Christian Splieth fasst zusammen: "Zucker nur in Maßen, Zahnbelag regelmäßig entfernen und mit dem Kind so früh wie möglich ein angenehmes Ritual aus dem Zähneputzen machen." Dann hat der Zahnarzt bei den halbjährlichen Kontrollen im besten Fall ­­außer Nachschauen gar nichts zu tun.

Der Zahnputzplan

  • Ab dem ersten Milchzahn empfiehlt der Berufsverband der Kinderzahnärzte eine weiche Kinderzahn­bürste mit kleinem Kopf oder Fingerhütchen mit Kunststoffborsten.
  • Sobald das Kind nach der Zahnbürste greift, darf es selbst probieren. Aber: Eltern müssen bis zum Schul­eintritt gründlich nachputzen.
  • Neutrale Zahnpasta ver­leitet weniger zum He­r­unterschlucken als eine mit Fruchtgeschmack.
  • Milchschneidezähne ein- bis zweimal täglich etwa ­eine Minute lang putzen. Ab dem ersten­ Backenzahn: zweimal pro Tag mindestens zwei, besser drei Minu­ten lang bürsten. An Backen­zähnen setzen sich Nahrungsreste leichter ab.
  • Manche Kinder finden es viel attraktiver, mit ­einer elek­trischen Zahn­bürste zu putzen. Ab etwa zwei­einhalb Jahren ist ­dies möglich, davor ist die Ver­­letzungsgefahr zu hoch.
  • Bewährt hat sich die KAI-Technik: Erst Kauflächen vor und zurück schrubben, dann Außenflächen kreisend säubern, schließlich Innen­flächen mit senkrecht ge­haltener Bürste ausfegen.
  • Eine lustige Sand- oder Eieruhr erleichtert das Durchhalten.


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