Autismus: Mehr Kinder betroffen als früher

Mehr und mehr Kinder trifft die Diagnose Autismus. Vor allem unter dem Asperger-Syndrom sollen viele leiden. Warum die Zahlen steigen, welche Symptome auftreten und welche Therapien helfen

von Daniela Frank, aktualisiert am 01.07.2016

Autistische Kinder tun sich meist schwer, an den Gefühlen anderer Anteil zu nehmen

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Sie finden meist schwer Freunde, sind lieber allein, interessieren sich mehr für technische Dinge als für Menschen: Autisten leider unter einer Störung der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie rigiden Verhaltensweisen. Immer häufiger wird Kindern eine bestimmte Form der Krankheit, der Asperger-Autismus, attestiert. Woran liegt das? Und wann ist ein Kind einfach bloß Einzelgänger, wann ist es autistisch?


"Wie bei vielen Krankheiten sind einzelne Symptome von Autismus in der Bevölkerung normal verteilt", sagt Professor Fritz Poustka, Autismusforscher und ehemaliger Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Frankfurter Universitätsklinikum. "Eine behandlungsbedürftige Störung ist es aber erst, wenn der Betroffene im täglichen Leben damit überhaupt nicht zurechtkommt."

Weitere Anzeichen für Autismus sind:

  • Autisten vermeiden Blick- und Körperkontakt.
  • Schon leichte Abweichungen des Alltags können sie aus der Fassung bringen.
  • Sie wiederholen immer gleiche Bewegungen und Wörter.
  • Autisten hören oft nicht auf den eigenen Namen und ignorieren menschliche Stimmen eher als Geräusche.
  • Beim Spielen können sie nicht so tun, als ob – das heißt, sie tun sich mit Rollenspielen schwer.
  • Schon als Kleinkinder zeigen sie nicht auf Dinge und versuchen auch nicht, gleichzeitig den Blick einer Begleitperson darauf zu lenken.
  • Sie lassen sich von den Gefühlen anderer nicht anstecken – zum Beispiel, wenn sich alle am Geburtstag für sie freuen.

Künftig soll Einteilung in Schweregrade erfolgen

Diese Symptome können in unterschiedlichen Schweregraden auftreten. Bisher gab es hierfür jedoch keine einheitliche Einteilung. Unterschieden wurden lediglich verschiedene Formen – die wichtigsten sind der Frühkindliche Autismus und das Asperger-Syndrom. Der Frühkindliche Autismus beginnt in der Regel in den ersten drei Lebensjahren und geht mit deutlichen Entwicklungsverzögerungen einher, vor allem sprachlichen. Oft steht er in Zusammenhang mit einer geistigen Behinderung.

Keine Rückstände in der sprachlichen oder kognitiven Entwicklung bestehen in der Regel beim Asperger-Autismus. Die Betroffenen sind durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent. Bei beiden Formen, die zu den sogenannten Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zählen, können Begleiterkrankungen auftreten. Am häufigsten sind Ängste, vor allem Sozialphobien, fast genauso häufig sind Konzentrationsstörungen. Bei geistig Behinderten tritt oft Epilepsie auf.

In der Praxis reicht die Einteilung in die beiden Formen nicht mehr aus. "Die Bezeichnung Asperger wird es daher künftig nicht mehr geben", sagt Poustka. "In der neuen Einteilung heißt das jetzt Autismus-Spektrum-Störung. Darunter fallen alle Autismusformen." Stattdessen soll in verschiedene Schweregrade unterschieden werden.

Immer mehr Kinder betroffen?

Dass sich seit einiger Zeit die Asperger-Diagnosen häufen, sieht Poustka nicht als Problem. Seine Erklärung: Bis in die 70er Jahre war nur der Frühkindliche Autismus als Krankheitsbild bekannt. Damals kamen vier bis fünf Autisten auf 10.000 Menschen. In den achtziger Jahren wurde der Asperger-Autismus im englischsprachigen Raum entdeckt, was die Fallzahlen erhöhte. Zusätzlich wurden die Diagnosemöglichkeiten immer besser. Mittlerweile sind die Fallzahlen auf 1 bis 1,5 Prozent gestiegen. "Für die Betroffenen ist das positiv", sagt Poustka. "Früher galten sie stattdessen oft als schizophren und bekamen keine angemessene Behandlung."

Diagnosemethoden werden ständig verbessert

Die verfeinerten Instrumente zur Diagnose ermöglichen es heute, Anzeichen für die Störung immer früher zu erkennen. "Autismus kann aber nur sehr selten unter zweieinhalb Jahren festgestellt werden", sagt Poustka. "Deutlich manifestiert er sich meist mit fünf Jahren." Auch dann wird er jedoch nicht immer gleich erkannt. Oft sind es erst Auffälligkeiten in der Schule, die zur Diagnose führen. Die Anzeichen sind dann in der Regel eine gestörte Sprachentwicklung und Probleme im Umgang mit anderen Kindern. "Viele Ärzte erkennen die Symptome leider nicht, weil sie noch nicht genügend sensibilisiert sind", sagt Poustka. "Das wird zwar langsam besser, aber wir wollen die Frühdiagnostik noch mehr propagieren." Es gibt nun auch Untersuchungsinstrumente, die eine verbesserte Frühdiagnostik ermöglichen, beispielsweise ein Modul für Kleinkinder in der Diagnostischen Beobachtungsskala für Autistische Störungen - 2 (ADOS 2), das bei Kindern ab dem 12. Lebensmonat starke Hinweise für eine Autismus-Spektrum-Störung ergeben kann.

Mit Verhaltenstherapie Alltagssituationen trainieren

Gegen Autismus gibt es keine medikamentöse Behandlung. Lediglich gegen einige Begleiterkrankungen wie Ängste oder Epilepsie kann der Arzt Medikamente verschreiben. Ansonsten hilft Verhaltenstherapie: In speziellen Übungen trainieren die Betroffenen zum Beispiel, wie sie am besten Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen und mit ihnen kommunizieren, wie sie sich in Gruppen verhalten sollten und was sozial angebracht ist.

"Dabei bekommt man den Eindruck, dass die zwischenmenschlichen Gefühle zwar da sind, sich aber nur langsam und schwer entwickeln", sagt Poustka. "Es dauert unendlich lange, bis sich Autisten in andere einfühlen können." Vor allem, wenn mehrere Leute miteinander reden, können die Betroffenen die Stimmung in der Gruppe schwer erfassen und somit schlecht einschätzen, welches Verhalten angebracht ist. Deshalb trainieren sie auch, Gesichtsausdrücke zu interpretieren. "Oft wirkt das dann immer noch wie angelesen", sagt Poustka. "Aber sie kommen mit der Zeit immer besser zurecht."

Verschiedene Organisationen bieten Kurse für Eltern autistischer Kinder an. Ein Beispiel sind die Autismus-Therapiezentren des Autismus Deutschland e.V. Die Krankenkassen bezahlen die Kurse in der Regel allerdings nicht. "Unser Ziel ist es auch, geschulte Betreuer in Kindergärten zu haben, die betroffene Kinder einzeln fördern können, wo es nötig ist", sagt Poustka. "Die restliche Zeit könnten die Kinder dann normal in der Gruppe verbringen."

Ursachen liegen in den Genen

Doch wie entsteht die Störung überhaupt? "Ältere Zahlen lassen die Vermutung zu, dass rund 90 Prozent der Fälle vererbt sind. Davon sind zehn Prozent neu entstandene genetische Mutationen", sagt Poustka. In beiden Fällen gebe es aber "das" ausschließliche Autismus-Gen nicht – viele verschiedene Gene verursachen im Zusammenspiel die Krankheit. Neuere Zwillingsuntersuchungen gehen von einer etwas schwächeren genetischen Verursachung aus: Auch Umweltfaktoren – biologische wie soziale – könnten die Entstehung der Krankheit beeinflussen.

Geschwister eines Autisten sind mit einer Wahrscheinlichkeit bis zu zehn Prozent auch von der Krankheit betroffen. Die Kinder gesunder Geschwister haben dann aber kein erhöhtes Risiko mehr. Tritt Autismus in Kombination mit einer geistigen Behinderung auf, hängt dessen Erblichkeit auch mit der Erblichkeit der entsprechenden Behinderung zusammen. Wie hoch das Risiko für ein Paar ist, ein autistisches Kind zu bekommen, kann man laut Poustka allerdings vor oder während einer Schwangerschaft nicht bestimmen.


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