Augen-Mythen: Was schadet wirklich?

Absichtliches Schielen, lesen unter der Decke, zu viel Fernsehen – viele Eltern verbieten das ihren Kindern. Aber schadet es wirklich?

von Ulrich Kraft, aktualisiert am 13.02.2014

Absichtliches Schielen macht eher die Eltern verrückt als die Augen kaputt

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Die Liste der Dinge, die angeblich schlecht für die Augen sind, ist lang. Im folgenden erklären wir, was wirklich dran ist:

Ist Lesen bei schlechtem Licht schädlich?

Abends noch heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke einen Comic schmökern – welches Kind macht das nicht gerne. Um dann von besorgten Eltern den Satz zu hören: "Leg das Buch weg oder mach das Licht an, sonst verdirbst du dir die Augen!" Tatsächlich sind diese Befürchtungen aber weitestgehend unbegründet. "Dass Lesen bei schlechten Lichtverhältnissen den Augen schadet, ist in erster Linie ein Mythos,", sagt Georg Eckert vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands, "wissenschaftliche Belege gibt es dafür jedenfalls nicht."

Fest steht aber: Schmökern bei Schummerlicht strengt den Sehapparat an. Um bei wenig Licht die kleinen Buchstaben entziffern zu können, wird der Lesestoff meist relativ nah vor das Gesicht gehalten. Und je näher ein Objekt am Auge ist, desto stärker muss sich der sogenannte Ziliarmuskel zusammenziehen. Dadurch rundet sich die Augenlinse ab. Ihre Brechkraft nimmt zu, so dass auf der Netzhaut ein scharfes Bild entsteht. Auch andere Augenmuskeln müssen dabei Schwerstarbeit verrichten.


Lesen im Schummerlicht kann zwar anstrengend sein, die Gefahr von bleibenden Schäden ist aber gering

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Dadurch können die Augen ermüden und die Sehkraft abnehmen – allerdings nur vorübergehend. Sind die Muskeln am nächsten Morgen erholt, ist auch das Sehvermögen so gut wie zuvor. Also Entwarnung für alle, die gerne bei Kerzenlicht oder unter der Bettdecke schmökern? Nicht ganz. "Theoretisch kann andauerndes starkes Akkommodieren im Kindesalter dazu führen, dass der Augapfel in die Länge wächst", berichtet Georg Eckert. Resultat wäre eine bleibende Kurzsichtigkeit. "Damit das passiert, müsste ein Kind aber tagtäglich mehrere Stunden im Halbdunkel lesen", beruhigt der Augenarzt.

Wie schlimm ist absichtliches Schielen?

Früher oder später findet jedes Kind heraus, dass es seine Augen bewusst verdrehen kann. Dann hört es meist dramatische Warnungen: "Hör auf damit, das ist nicht gut für die Augen. Wenn du es öfter machst, bleibt das irgendwann so!" Reine Angstmache, konstatiert Georg Eckert. "Es stimmt definitiv nicht, dass die Augen stehenbleiben können, wenn man absichtlich schielt, und Schäden verursacht es ebenso wenig."


Wenn Kinder aber ohne willentliches Zutun schielen, besteht dringender Handlungsbedarf. In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen unter einer solchen beständigen oder immer wieder auftretenden Fehlstellung der Augen. Ein solcher "Silberblick" ist bei Kindern nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern führt ohne Behandlung zu einer bleibenden Sehschwäche. "Durch kindliches Schielen kann sowohl die Sehschärfe als auch das räumliche Sehen ein Leben lang beeinträchtigt werden", erklärt Dr. Steffen Hörle, ärztlicher Leiter der Artemis Augenklinik Dillenburg. Um bleibende Beeinträchtigungen des Sehvermögens zu verhindern, muss die Augenfehlstellung möglichst frühzeitig behandelt werden. Schon mit drei Jahren sinken die Erfolgsaussichten deutlich. Allerdings schielt ein Teil der Kleinkinder nur so leicht, dass es für Laien kaum zu bemerken ist. "Um so einen Mikrostrabismus zu erkennen, sollten alle Kinder zwischen dem zweiten und dem dritten Geburtstag einmal vom Augenarzt untersucht werden", sagt Hörle. Allerdings: Ohne begründeten Verdacht bezahlen die Kassen eine solche Untersuchung oft nicht.


Macht Fernsehen viereckige Augen?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Quadratische Augen bekommt man selbst dann nicht, wenn man versucht, einen neuen Weltrekord im Dauerfernsehen aufzustellen. Der Spruch dient also eher dazu, seine Kinder von dem abzuhalten, was sie am liebsten täten: Von morgens bis nachts vor der Glotze hängen, bis die Augen brennen. Letzteres kann tatsächlich passieren. Da man beim Fernsehen seltener blinzelt, wird die Tränenflüssigkeit schlechter verteilt. Die Augen reagieren dann schneller gereizt. Problematisch ist diese Blickmonotonie aber eigentlich nur bei Menschen, die ohnehin zu trockenen Augen neigen. "Ein gesundes Auge mit intaktem Tränenfilm kann einiges an Fernsehen wegstecken", sagt Georg Eckert vom Bundesverband der Augenärzte Deutschlands.

Wer mit der Nase fast an der Mattscheibe klebt, fügt seiner Sehfähigkeit damit übrigens ebenfalls keinen bleibenden Schaden zu. Wenn Menschen – vor allem Kinder – dazu neigen, sehr nah am Fernseher zu sitzen, kann das allerdings auf eine Fehlsichtigkeit hinweisen. Dann sollte man einen Termin beim Augenarzt ausmachen.


So mitreißend Videospiele auch sind: zwischendurch sollte man die Augen entspannen

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Schaden Computer, Handy und Videospiele den Augen?

Mindestens ein Drittel der Menschen, die täglich länger als drei Stunden vor dem Rechner sitzen, klagt über Beschwerden mit den Augen. Schuld daran ist genau wie beim Fernsehen die Blickmonotonie. "Bei der PC-Arbeit schaut man so konzentriert auf den Monitor, dass man das Blinzeln praktisch vergisst", erklärt Augenarzt Eckert. "Dadurch wird der normale Tränenfilm nur unzureichend über die Hornhaut des Auges verteilt." Jucken, brennen, Trockenheitsgefühl und Bindehautreizungen sind die möglichen Folgen.

Genau denselben Effekt hat stundenlanges Daddeln oder Filme schauen auf dem Handy. Anhaltende negative Auswirkungen auf das Sehvermögen treten aber bei beidem nicht auf. "Wer am Computer arbeitet, sollte darauf achten, bewusst zu blinzeln und ab und zu in die Ferne zu schauen, damit sich die Augen entspannen", empfiehlt Georg Eckert. Wenn die Beschwerden trotzdem anhalten, kann künstliche Tränenflüssigkeit in Form von Augentropfen helfen. Arzt oder Apotheker beraten zur Auswahl geeigneter Präparate.


Die Brille nicht zu tragen – schadet das den Augen?

Dass die Sehkraft bei älteren Menschen mit den Jahren nachlässt, ist ein ganz natürlicher Prozess. Wegen dieser Alterssichtigkeit kommt früher oder später niemand an einer Brille oder an Kontaktlinsen vorbei. Doch manch einer benutzt die Sehhilfe nur sporadisch – weil sie ihm lästig ist oder nicht gefällt. Dass die Augen dadurch bei Erwachsenen noch schlechter werden, sei aber nur ein Gerücht, sagt Georg Eckert. "Wenn ein fehlsichtiger Erwachsener keine Brille trägt, nimmt die Fehlsichtigkeit dadurch nicht zu", sagt der Augenarzt. Gleiches gilt, wenn sich jemand die falsche Brille auf die Nase setzt. Er bekommt vielleicht Kopfweh, oder es wird ihm schwindelig – mehr steht aber nicht zu befürchten.

Hier sind allerdings Kinder die Ausnahme: Wenn sie Schielen oder unter einer Fehlsichtigkeit leiden, bewirkt erst eine Brille, dass sich die Sehleistung vollständig ausbildet. Deshalb müssen die Kleinen ihre Sehhilfe auf jeden Fall tragen.



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