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Wie sich ein Kaiserschnitt auf Mütter auswirkt

Mittlerweile wird jedes dritte Baby durch eine Operation auf die Welt geholt. Mit diesen Strategien verheilen körperliche und seelische Narben schneller


Nach der OP hilft es, wenn das Baby gleich auf die Brust der Mutter gelegt wird

Die Narbe war nicht mehr als ein feiner Strich, das Baby entwickelte sich gut, und doch musste Ute Taschner immer wieder an die Geburt denken und grübeln, warum sie in einem Kaiserschnitt enden musste. „Ich war nicht traumatisiert“, sagt die Ärztin und Mutter. „Aber ich hatte das Gefühl, dass mir etwas fehlte.“ Wie ihr geht es vielen Frauen nach der sogenannten Sectio.

„Sehr wenige Mütter beschreiben den Kaiserschnitt als befriedigendes Erlebnis“, weiß Anette Scholten, leitende Kreißsaalhebamme am Vinzenz-Pallotti-Hospital in Bensberg. Vor allem diejenigen leiden, bei denen ein Notkaiserschnitt gemacht wurde, also nach Stunden der Wehen der Schnitt notwendig war, weil die Geburt ins Stocken geriet. „Diese Frauen sind oft enttäuscht und haben auch stärker mit körperlichen und seelischen Folgen zu kämpfen“, sagt Dr. Babett Ramsauer, leitende Oberärztin an der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin.


Jede dritte Geburt ist ein Kaiserschnitt

33 Prozent der Kinder kommen durch einen Kaiserschnitt auf die Welt. In manchen Fällen ist er notwendig, um das Leben des Babys zu retten. Für Ärzte ist die Methode mittlerweile Routine. Häufig liest man von Stars und ihren Wunschkaiserschnitten, die Sectio erscheint als Alternative zur normalen Geburt. „Ein Kaiserschnitt ist aber immer noch eine große Bauchoperation, mit allen Risiken“, sagt Ute Taschner. Dazu gehören Blutungen und Wundinfektionen. Und wie bei jeder Operation entstehen Narben. „Die Naht bereitet in den ersten Tagen und Wochen oft Schmerzen“, erklärt Babett Ramsauer.

Dagegen helfen Schmerzmittel. Direkt nach dem Kaiserschnitt legen die Ärzte eine Infusion für Medikamente, einen Blasenkatheter und einen Schlauch, der das Blut aus der Bauchhöhle abtransportiert. Zusätzlich spritzen sie eine Thromboseprophylaxe.

Erholungsphase ist länger

„Insgesamt braucht der Körper einfach länger, um sich zu erholen“, sagt Medizinerin Ramsauer. Während Frauen nach einer Vaginalgeburt im Schnitt nach 3,8 Tagen aus der Klinik entlassen werden, dauert es bei Kaiserschnittmüttern 6,3 Tage. Damit die Narben nicht aufreißen, müssen sich die Frauen in den ersten Wochen schonen und dürfen nichts Schweres heben. Auch das Baby können sie nicht längere Zeit tragen. Deshalb sollten sie in der Wochenbettphase unbedingt jemanden haben, der sie unterstützt, etwa den Partner, eine Freundin oder eine Haushaltshilfe.

Bis die Narbe verheilt, dauert es zwei, drei Wochen. „Viele Frauen haben direkt an der Naht oder sogar bis zum Schambereich ein taubes Gefühl“, sagt Ute Taschner. Denn bei der Operation wurden Nerven durchschnitten, die erst wieder zusammenwachsen müssen. Das Taubheitsgefühl kann mehrere Monate anhalten – manchmal noch länger. „Die Narbe anzunehmen und sie zu berühren spielt eine große Rolle bei der Verarbeitung“, erklärt Babett Ramsauer. Sie empfiehlt regelmäßige Massagen mit Öl, sobald die Wunde verheilt ist. Das macht auch das Gewebe wieder geschmeidiger.

Baby-Blues ist ausgeprägter

Untersuchungen haben gezeigt, dass die sogenannten Heultage bei Kaiserschnittmüttern ausgeprägter sind. Denn zu der Umstellung auf das Leben mit Baby kommen die körperlichen Schmerzen und oft die Enttäuschung über die Geburt. „Bei einem Kaiserschnitt wird man entbunden. Es ist ein passiver Vorgang“, so Hebamme Scholten.

„Die meisten Frauen möchten jedoch aus eigener Kraft und selbstbestimmt gebären.“ Eine Notsectio ist häufig traumatisch, weil Angst eine Rolle spielt und alles sehr schnell geht. „Zwischen der Entscheidung für den Kaiserschnitt und der Abnabelung des Kindes vergehen oft weniger als zehn Minuten“, sagt Ramsauer. Zu wenig Zeit für die Ärzte und Hebammen, um viel zu erklären, zu wenig Zeit für die Mutter, um sich auf den Kaiserschnitt emotional vorzubereiten. „Frauen mit einer geplanten Sectio sind zufriedener, weil sie sich vorbereiten konnten“, so die Ärztin. Deshalb plädiert sie dafür, das Thema Kaiserschnitt im Geburtsvorbereitungskurs anzusprechen und sich damit auseinanderzusetzen. „Steht fest, dass ein Kaiserschnitt notwendig ist, sollte das Paar kurz alleine gelassen werden, damit es sich in die neue Situation einfinden kann“, rät Anette Scholten. Vielen Frauen tue es gut zu hören, dass sie nicht versagt hätten, weil jede Wehe wichtig gewesen sei. „Sie bereiten das Baby vor, indem sie die Durchblutung von Muskeln und Lunge fördern.“

Gespräche helfen der Mutter

Um den Kaiserschnitt zu verarbeiten, empfehlen die Expertinnen den Müttern, einen Geburtsbericht zu schreiben, mit dem Arzt oder der Hebamme zu sprechen oder das OP-Protokoll zu lesen. „Das kann hilfreich sein, denn oft hat man den Vorgang anders in Erinnerung“, rät Babett Ramsauer. Ideal sei eine Nachsorgehebamme, die sich mit dem Thema auskennt.

Manche Mütter, besonders wenn sie eine Vollnarkose bekommen haben, fühlen sich, als hätten sie ihr Kind nicht geboren. Sie bekommen den Nachwuchs erst, wenn sie aus der Narkose aufgewacht sind. Besser: eine Sectio in Teilnarkose, etwa per PDA. „So erleben die Frauen die Geburt mit und können das Baby gleich in den Arm nehmen“, sagt die Ärztin.

Geburtserlebnis nachholen?

Anette Scholten bietet in ihrer Klinik ein Baderitual an, bei dem Kaiserschnittmütter das verpasste Geburtserlebnis nachholen können. Dabei hebt die Mutter das Baby aus einer Wanne auf ihre Brust, so wie Frauen ihre gerade geborenen Kinder zu sich nehmen. „Dadurch werden viele Emotionen freigesetzt. Die Kinder fangen an, die Brust zu suchen, oder werden ganz ruhig“, erzählt sie. Geht es Nachwuchs und Mutter gut, empfehlen die Expertinnen ein gemeinsames Zimmer und viel Nähe. „Der Hautkontakt fördert die Mutter-Kind-Bindung, weil Oxytocin ausgeschüttet wird“, so Taschner.

Einer Umfrage zufolge wünschen sich 70 Prozent der Kaiserschnittmütter für das nächste Mal eine natürliche Geburt. Die Kinder kommen aber meist per geplanter Sectio auf die Welt. Zwingend notwendig ist das nicht. „Frauen, die bereits einen Kaiserschnitt hatten, können beim nächsten Kind vaginal entbinden, außer etwas spricht dagegen, wie eine Querlage des Kindes“, erklärt Anette Scholten.

Spätere Schwangerschaft risikoreicher

Für Kaiserschnittmütter können weitere Schwangerschaften ein etwas höheres Risiko für Komplikationen bergen. Die Plazenta kann mit der Narbe verwachsen oder die Gebärmutter reißen. Wird die Geburt nicht eingeleitet, ist das Risiko für einen Riss allerdings gering.

Ute Taschner bekam nach zwei Kaiserschnitten ihr drittes Kind auf normalem Weg und schrieb ein Buch zum Thema. Ihr Rat: „Die Frauen sollten sich frühzeitig ein gutes Netzwerk an Unterstützung sichern und sich eine erfahrene Hebamme suchen.“ Sie sollten einen Kaiserschnitt dennoch nicht ganz ausschließen. Um später nicht enttäuscht zu sein, falls die Operation notwendig ist.




Bildnachweis: istock/seanoriordan

Peggy Elfmann / Baby und Familie; aktualisiert am 08.01.2013, erstellt am 05.01.2011
Bildnachweis: istock/seanoriordan

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