Wann wird die Geburt eingeleitet?

Der errechnete Geburtstermin ist vorbei, das Baby lässt sich Zeit? Dann muss der Arzt unter Umständen nachhelfen: Wann eine Geburt eingeleitet wird und wie das funktioniert

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 03.02.2016

Immer noch im Bauch? Manche Babys kommen etwas später als geplant zur Welt

Thinkstock/F1online

Mit Babys ist es wie mit Äpfeln. "Da fallen auch nicht alle genau an einem Tag vom Baum. Manche sind schon Anfang September reif und fallen herunter, andere erst Anfang Oktober", erklärt Hebamme und Gesundheitswissenschaftlerin Christiane Schwarz aus Hannover ihren Schwangeren. Denn sie erlebt immer wieder, dass diese zu sehr auf den berechneten Entbindungs­termin fixiert sind und besorgt, wenn das Baby dann nicht kommt. Tatsächlich werden nur vier Prozent der Kinder am errechneten Datum geboren, mehr als 40 Prozent danach. "Eine Geburt zwischen der 37. und 42. Schwangerschaftswoche ist normal", sagt Schwarz. Ist der erwartete Tag X verstrichen, rät sie also erst mal zu Geduld.

Geburt nicht zu früh einleiten

Früher empfahlen viele Ärzte dann sofort ­eine medizinische Geburtseinleitung. Ein Argument war, dass die Wahrscheinlichkeit einer Totgeburt steige, wenn der Entbindungstermin überschritten sei. Neue Studien konnten dafür ­keine Belege finden. So zeigt eine aktuelle Analyse von Christiane Schwarz von fast sechs Millionen Geburten in Deutschland zwischen 2004 und 2013: Das Risiko für ­eine Totgeburt ist bis Woche "41+6" sehr niedrig. "Eine Empfehlung zur routine­mäßigen Einleitung vor diesem Zeitpunkt scheint also nicht sinnvoll", sagt die Expertin. Ab Woche "42+0" sprechen Ärzte von ­einer Übertragung – dann steigt das Risiko für Komplikationen.


Dr. Annegret Kiefer ist Chefärztin in der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Eichsfeld Klinikum in Heilbad Heiligenstadt

Eichsfeld Klinikum GmbH

Baby gibt meistens selbst den Startschuss

Auch Frauenärztin Dr. Annegret Kiefer rät ungeduldigen Schwangeren, erst einmal abzuwarten. "In der Regel weiß das Baby genau, wann es bereit ist, und gibt den Startschuss für die Geburt", erklärt die Chefärztin vom Eichsfeld Klinikum in Heilbad Heiligenstadt.

"­Eine Geburtseinleitung ist ein Eingriff, der immer eine potenzielle Gefahr bringen kann." Ist der Körper noch nicht bereit, ende die Geburt häufiger im Kaiserschnitt. Meist brauche es mehrere Versuche, bis der Körper überhaupt auf die Einleitung reagiere. "Und eine Geburt über mehrere Tage erschöpft die Frauen sehr", sagt die Ärztin.


Christiane Schwarz ist Hebamme und Gesundheits-wissenschaftlerin an der Medizinischen Hochschule Hannover

W&B/Privat

Auch die aktuelle Leitlinie orien­tiert sich an den neuen Erkenntnissen: Die Autoren empfehlen eine Einleitung ab Woche "41+3", sagen aber auch, dass ein Zuwarten bis  "41+6" in Ordnung ist. "Das gilt jedoch nur, wenn es sich um ­eine problemlose Schwangerschaft handelt", erklärt Kiefer.

Bei Problemen wird früher eingeleitet

Anders, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass das ­Baby nicht mehr gut versorgt wird. Ist etwa nur wenig Fruchtwasser vorhanden oder wächst das Babys nicht mehr, raten Ärzte und Hebammen teilweise auch schon vor dem Erreichen des Termins zu ­einer Einleitung. Das gilt häufig auch, wenn die Mutter Bluthochdruck entwickelt oder viel Wasser ein­lagert. Beides sind Zeichen ­­einer sogenannten Schwangerschaftsvergiftung, die für Mutter und Kind gefährlich werden kann. "Klug angewandt und individuell dosiert, ist eine Geburtseinleitung sehr sinnvoll", so Kiefer.

Bestimmte Maßnahmen regen die Wehen an

Raten Ärzte dazu, die Wehen anzuregen, gibt es zum einen mechanische Methoden. Sie stoßen körper­eigene Vorgänge an und haben weniger Nebenwirkungen. "Man kann einen Ballon mit Flüssigkeit in den Gebärmutterhals einführen", sagt Schwarz. Dieser soll die Gebärmutterwand reizen und Wehen in Gang setzen. Auch die ­sogenannte Eipollösung kann den Startschuss geben (­siehe Grafik unten). Um das Baby befindet sich die Fruchtblase, ­deren ­äußere Membran wird Eihaut genannt. "Über den Muttermund versucht man die Eihaut zu lösen", erklärt Kiefer. Weil das oft schmerzt, ist es keine Routinemaßnahme.

Häufiger angewendet wird die Blasenöffnung (Amniotomie, siehe Grafik unten). Mit einem speziellen Fingerling pikst der Arzt oder die Hebamme die ­­Fruchtblase auf. Wie bei einem natürlichen Blasensprung, schüttet der Körper dann vermehrt Prostaglandine aus, Wehen entstehen. "Dies ist jedoch nur ­­eine Option, wenn der Muttermund schon geöffnet ist", sagt die Hebamme. Denn ist die ­Fruchtblase ­offen, steigt die Infektions­gefahr, und das Kind sollte schnell auf die Welt kommen. Häufig wirke die Methode bei Mehrgebärenden besser als bei Erstgebärenden, so Schwarz.

Medikamente leiten die Geburt ein

In der Regel wird die Geburt ­mit Medikamenten eingeleitet. Ist der Muttermund noch nicht verstrichen, verwenden Ärzte Prostaglan­dine, die als Zäpfchen, Tablette oder Gel in die Scheide eingeführt werden. Sie sollen den Gebärmutterhals weicher machen, den Muttermund öffnen und so zu Wehen führen. "Meist muss die Einleitung mehrfach wiederholt werden", sagt Schwarz. In dieser Phase haben viele Frauen menstrua­tionsähnliche Schmerzen. Häufig fühlen sich Pros­taglandin-Wehen intensiver an.

Bei einem offenen Muttermund bekommt die Schwangere oft einen Wehentropf mit Oxytocin. "Oxytocin regt die Gebärmutterhalsmuskeln an und löst schnell gute Wehen aus", erklärt Kiefer. Es ist jedoch schwierig zu dosieren. Wirkt es zu stark, können die Wehen übermäßig werden, und die Frauen brauchen mehr Schmerzmittel.

Weitere Methoden: Rizinusöl nicht auf eigene Faust nehmen

Die Ärzte im Eichsfeld ­Klinikum geben manchmal auch einen Geburtscocktail mit Rizinusöl. "Das wirkt, wenn der Körper ­schon bereit ist." Das Öl führt zu vermehrter Darmaktivi­tät, die die Wehentätigkeit fördert. "Auf keinen Fall sollte man Rizinusöl auf eigene Faust nehmen, da es falsch dosiert zu massiver Wehentätigkeit führen kann", warnt die Ärztin. ­Manche Hebammen verwenden Homöopathika, Nelkenöl-Tampons oder Akupunktur zur Einleitung. Dazu gibt es jedoch kaum ­Studien.

Ähnlich verhält es sich mit Babylock-Methoden, die Schwangere in Eigen­regie durchführen. So sollen ­­eine ­Fußreflexzonenmassage, ein warmes Bad, Treppen­steigen, Stimulation der Brustwarzen oder Sex bewirken, dass die Wehen beginnen. "Bei den letzten beiden Methoden geht es darum, dass Oxytocin ausgeschüttet wird", sagt Hebamme Schwarz. Einzelne Studien zeigen Effekte, aber ein Review des Cochrane Instituts konnte das nicht bestätigen. "Wenn das Paar Lust hat, ist es einen Versuch wert", so Schwarz. Ansonsten müsse man sich gedulden. Oft genüge es, ein, zwei Tage zu warten – und das Kind komme von alleine.


Mechanisch die Wehen auslösen

  • Blasenöffnung
    W&B/Szczesny

    Blasenöffnung

    An einem Fingerling ist ein kleiner Plastikhaken befestigt. Wenn man damit über die Fruchtblase streift, reißt sie ein. Die Folge: Es werden Hormone ausgeschüttet, die zu Kontraktionen der Gebärmutter führen können.

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  • Eipolllösung
    W&B/Szczesny

    Eipollösung

    Arzt oder Hebamme umfahren den Muttermund von innen und versuchen die Eihaut, die eng an der Gebärmutterwand anliegt, etwas zu lösen. Dadurch können Kontraktionen der Gebärmutter oder auch echte Wehen entstehen.

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