Stammzellen: Heilen mit Nabelschnurblut?

Stammzellen im Blut der Nabelschnur haben für Mediziner einen hohen Wert. Werdende Eltern stehen häufig vor der Frage: Spenden oder für das eigene Kind einlagern?

von Christian Heinrich, aktualisiert am 19.09.2016

Nabelschnurblut: Manche Eltern lassen es aufbewahren

Panthermedia/ Paul Hakimata

Es ist ein faszinierender Moment, wenn nach der Geburt die Nabelschnur des Babys durchtrennt wird. Von nun an versorgt sich das Neugeborene selbst mit Sauerstoff, indem es atmet. Die Nabelschnur braucht das ­Baby nicht mehr. Eigentlich könnte sie nun entsorgt werden. Wenn da nicht die Stamm­zellen wären, die im Nabelschnurblut enthalten sind und Menschen­­leben retten können. Deshalb können sich Eltern auch dafür entscheiden, das Nabel­schnurblut ihres ­Babys zu spenden oder für ihr Kind einzulagern. Dann wird das Blut aus der Nabelschnur nach dem Abklemmen entnommen, in flüssigem Stickstoff eingefroren, im Labor untersucht und haltbar gemacht.


Prof. Dr. Hans-Dieter Volk leitet das Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien an der Charité Berlin

W&B/Privat

Stammzellen zur Leukämie-Behandlung

"Nabelschnurblut stammt aus ­einer sehr frühen kindlichen ­Phase und ist besonders reich an Blutstamm­zellen", sagt Professor Hans-­Dieter Volk, Leiter des Berlin-Brandenburger Centrums für Regenerative Therapien (BCRT) an der Charité Universitätsmedizin in Berlin. Für die Medizin hat das Blut einen hohen Nutzen. Denn die Blutstammzellen sind noch wenig differenziert und dadurch in der Lage, sich in verschiedene Arten von Blutzellen weiterzuent­­wickeln.

Für die Behandlung ­einer Leu­kämie (Blutkrebs) ist das von großer Bedeutung. Bei einem Leukämiepatienten sind die ­eigenen Blutstammzellen mutiert und ­außer Kontrolle geraten. Um den Krebs zu heilen, werden sie mit Chemo­therapie und Bestrahlung zerstört und durch fremde Stammzellen ersetzt – zum Beispiel aus Nabelschnurblut. Allerdings müssen die Spenderzellen denen des erkrankten Empfängers sehr ähnlich sein. Die Wahrscheinlichkeit, einen geeigneten Spender zu finden, steigt mit jeder Einlagerung – die für die spendende Familie kos­tenfrei ist.


Prof. Dr. Gesine Kögler leitet die José-Carreras-Stammzellbank am Universitätsklinikum in Düsseldorf

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Nabelschnurblut hilft bei verschiedenen Krankheiten

Das erste Mal gelang französischen Ärzten 1988 die erfolgreiche Transplantation von Stammzellen aus Nabel­schnurblut. Ein fünfjähriger Junge, der unter der Fanconi-Anämie litt, erhielt die Stammzellspende seiner Schwester und wurde wieder gesund. "Heutzutage gibt es rund 70 verschiedene Krankheiten und Anlässe, bei denen Nabelschnurblut-Spenden zum Einsatz kommen", sagt Professorin Gesine Kögler, Leiterin der José-Carreras- Stammzellbank am Universitätsklinikum Düsseldorf.

In den meis­­ten Fällen handelt es sich dabei um seltene Erbkrankheiten, bei denen die Blutstammzellen oder auch andere Zellen einen gene­tischen Defekt aufweisen und ersetzt werden müssen. Aber auch bei vereinzelten Erkrankungen des Immunsystems können Stammzellen aus Nabelschnurblut helfen.


Sabeth Blumreder ist Hebamme im Evangelischen Amalie-Sieveking-Krankenhaus in Hamburg

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Privat einlagern oder spenden?

Insgesamt liegen rund 700.000 Spenden weltweit in Blutzellbanken. Mehr als 40.000 Spender­proben wurden bereits eingesetzt. Doch sind jährlich ­allein in ­Europa etwa 25.000 Menschen auf eine Stammzelltransplanta­tion angewiesen. Ein Grund, warum es nicht mehr eingelagerte Spenden gibt: Jede Probe muss bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. Gesine Kögler: "Nur zehn bis 15 Prozent der Proben sind so gut, dass wir sie auf­arbeiten und einlagern können."

Neben der kostenfreien ­Spende an eine öffentliche Nabelschnurblutbank ist es auch möglich, Nabelschnurblut privat einzulagern – auf eigene Kos­ten. Für ­eine solche Einlagerung für 25 Jahre zahlen Eltern je nach Anbieter ­etwa zwischen 1600 und 2500 ­Euro. Dafür kommen die Stammzellen ausschließlich dem ­eigenen Kind und dessen Gesundheit zugute. Der Nutzen ist jedoch fraglich. Denn die gene­tischen Erkrankungen, bei denen Blutstammzellen ausgetauscht werden müssen, werden in der Regel nicht mit eigenen Blutstammzellen behandelt.

Über eine private Einlagerung kann man nachdenken, wenn man an besonders rasche Fort­schritte in der Forschung glaubt, meint Mediziner Volk: "Wenn es möglich wird, Nabelschnurblutstamm­zellen so umzuprogrammieren, dass sie sich in jede Körperzelle spezia­lisieren lassen, gibt es mehr Einsatzmöglichkeiten." Dann sei es zum Beispiel auch eine ­­Option, bestimmte Zellen zu gewinnen, die helfen, unerwünschte Immun­­reaktionen wie etwa bei ­Rheuma zu kontrollieren. Eltern können auch eine private Einlagerung mit Option auf Spende wählen. Hier wird das Nabelschnurblut individuell eingelagert, und es gibt ­einen Eintrag in das Spenderegis­ter. Sollte tatsächlich eine Anfrage kommen, können Eltern entscheiden, ob sie die Probe freigeben und ihr Geld erstattet bekommen.

Auch der Forschung können Eltern das Nabel­schnurblut ihres Kindes spenden. Das ist meist projektgebunden, ­Eltern erfahren, was mit dem Blut erforscht werden soll.


Grafik: Der Weg der Stammzellen im Embryo

Tag 1 Noch sind Spermium und Eizelle zwei eigenständige menschliche Keimzellen. Nach der Befruchtung wandert der nun als Zygote bezeichnete frühe Embryo in die Gebärmutter, um hier weiter zu wachsen.

 

Tag 4 Jetzt hat sich die Zygote zu einer flüssig­keitsgefüllten Kugel entwickelt, dem Keimbläschen oder die Blastozyste. In ihrem Inneren befinden sich, als kleiner Haufen, die embryonalen Stammzellen. Sie sind der Grundstock für den Embryo.

 

Tag 14 Aus den Stammzellen, die zu Beginn noch alle die gleichen Fähigkeiten haben, entstehen drei verschiedene Zellverbände, die sogenannten Keimblätter. Ihre Lage im Keimbläschen entscheidet darüber, was sich aus den Zellen später entwickelt.

 

Tag 21 Aus den Keimblättern entwickeln sich die Organe. Gehirn, Augen und Herz machen den Anfang. Bis zur neuten Schwangerschaftswoche haben sich dann auch alle anderen Organe und die Extremitäten gebildet.


W&B/Astrid Zacharias

Nabelschnurblut entnehmen: Schadet das dem Baby?

Was Eltern wissen sollten: Immer wird die Nabelschnur unmittelbar nach der Geburt abgetrennt. Nur so ist gewährleistet, dass die Menge des gewonnenen Blutes für ­eine Ein­lagerung ausreicht. Dadurch kann es nicht mehr zum Kind fließen. "Das Baby bekommt so weniger sauerstoffreiches Blut", erklärt Sabeth Blumreder, Hebamme aus Hamburg, "was bei einem vitalen Baby aber kein Problem ist."

Zudem sende ein gesundes ­Baby durch die Nabelschnur Botenstoffe an den Körper der Mutter, die die Lösung der Planzenta positiv beeinflussen. Allerdings könne man bei einer Verzögerung den Körper auch auf andere Weise unter­stützen.


Nabel­schnur­blut einlagern: Diese Möglichkeiten gibt es

Privat einlagern: Je nach Anbieter kos­tet es etwa 1600 bis 2500 Euro, um für 25 Jahre Nabelschnurblut einzulagern. Die gesamte Probe steht dann nur dem eigenen Kind zur Verfügung.

Spenden: Neben privaten gibt es auch öffentliche Stammzellbanken. Auch hier können Eltern Nabelschnur­blut ihres Kindes einlagern lassen – und zwar kostenlos. Sollte ihr Kind einmal darauf angewiesen sein, können sie das Blut auch anfordern. Anders als bei privaten haben sie bei öffentlichen Stammzellbanken allerdings nicht die Garantie, dass das Blut noch vorrätig ist – oder nicht schon bei einem anderen Kind verwendet wurde. Zudem sind Spenden nicht in allen Geburtskliniken möglich.

Kombi Privat/Spende: Einige Privat­anbieter arbeiten mit öffentlichen Stammzellbanken zusammen. Eltern können das Nabelschnurblut ihres Kindes dann privat gegen Kosten einlagern. Gleichzeitig lassen sie es aber in einem öffentlichen Register vermerken. Die Stammzellen bleiben also Eigentum des Kindes – können aber auch angefragt werden, sollten sie für einen anderen Patienten infrage kommen. Entscheiden sich Eltern dafür, sie freizugeben, erhalten sie das bereits gezahlte Geld in der Regel zurück. Wichtig: Eltern, die diese Variante wählen, sollten sich gut überlegen, wie sie mit einer Spendenanfrage umgehen.



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Bildnachweis: Panthermedia/ Paul Hakimata, W&B/Astrid Zacharias , W&B/Privat
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