Plazenta essen: Eklig oder gar gesund?

Es soll Schmerzen lindern und das Immunsystem stärken, wenn Frauen nach der Geburt den Mutterkuchen verzehren oder aufbereiten lassen. Experten beurteilen das kritisch

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 15.01.2016

Was tut sich da drin? Das beobachten Schwangere genau

Strandperle/ItStockFree/RYF

Promis wie Kim und Kourtney Kardashian haben mit ihrer Ankündigung, die eigene Plazenta zu essen, einen regelrechten Trend ausgelöst. Von Plazentophagie sprechen Experten, wenn jemand seinen Mutterkuchen verspeist. Tatsächlich ist das bei einigen Tierarten, zum Beispiel bei Ziegen, ein natürlicher Vorgang.

Die Plazenta ist ein flaches, blutfarbenes Organ, im Durchmesser 15 bis 20 Zentimeter groß, rund 500 Gramm schwer. Ihre Hauptaufgaben sind der Austausch von Nähr- und Stoffwechselprodukten zwischen Mutter und Kind sowie die Bildung verschiedener Hormone. "Der Mutterkuchen ist für bestimmte Stoffgruppen durchlässig, für andere dagegen undurchlässig und manche Stoffe werden in der Plazenta durch deren Enzyme umgewandelt", sagt der Biochemiker und Plazentaforscher Dr. Christian Wadsack von der Universitätsfrauenklinik in Graz. Ist das Kind geboren, stößt der Körper der Mutter kurze Zeit später auch die Plazenta ab – mit der sogenannten Nachgeburt.


Plazenta als Smoothie?

Neu ist der Gedanke, die Plazenta zu nutzen, nicht. Manche Eltern vergraben sie und pflanzen darauf ein Bäumchen – auch heute noch. Bis in die 1980er-Jahre wurden in Deutschland unter anderem mit Placenta-Serol und Placentubex C Plazenta-Präparate verkauft – allerdings nicht zum Verzehr, sondern als Hautcreme. Mit dem Auftauchen von AIDS verschwanden diese Produkte vom Markt. Immer wieder wurde auch propagiert, die Plazenta zu verspeisen. Entweder einfach roh, zum Beispiel zu einem Smoothie püriert, oder auch gekocht – im Internet kursieren zahlreiche Rezepte dazu.

Das klingt für viele nicht gerade einladend. Eine Alternative: Der Mutterkuchen lässt sich so verarbeiten, dass er in Kapselform oder als Globuli eingenommen werden kann. Wer im Internet nach Apotheken sucht, die sogenannte Plazenta-Nosoden vertreiben, wird schnell fündig. Nosoden sind homöopathisch aufbereitete Mittel, die beispielweise aus Blut, Muttermilch oder Krankheitserregern hergestellt werden.

Welche gesundheitlichen Effekte soll es geben?

Der Mutterkuchen soll angeblich die Wochenbettdepression fernhalten, die Milchproduktion fördern und Schmerzen lindern. Befürworter der Plazentophagie berufen sich dazu hauptsächlich auf die Ergebnisse von Tierversuchen. Diese deuten an, dass in der Plazenta enthaltene Stoffe die Wirkung körpereigener schmerzhemmender Substanzen verstärken können – allerdings nur, wenn diese in großer Zahl vorhanden sind, wie bei der Geburt. "Außerdem ist die Plazenta einer Ratte oder Maus morphologisch anders aufgebaut und funktioniert daher auf Zellebene ganz anders als die einer Frau. Man darf hier nicht Äpfel und Birnen vergleichen, wie diese eher populärwissenschaftlichen Studien es machen", warnt Wadsack.

Propagiert werden außerdem Effekte wie ein starkes Immunsystem und ein schöner Teint. Außer Acht gelassen wird von Anhängern der Plazentophagie, ob es sich um eine Spontan- oder eine Kaiserschnittgeburt handelt. Das wiederum beeinflusst jedoch die enthaltene Hormonzusammensetzung. Homöopathische Plazenta-Präparate sollen sogar gegen Neurodermitis und Migräne helfen.

Die Wirkung der Präparate ist nicht hinreichend belegt. Das hat auch eine Untersuchung der Psychiaterin und Verhaltensforscherin Dr. Crystal Clark von der Northwestern University in Chicago ergeben. Sie veröffentlichte in Archives of Women`s Mental Health eine Metaanalyse, die zehn Studien zu dem Thema umfasst. Sechs davon behandeln allerdings nur Tierversuche. Von den übrigen vier Studien untersuchen drei lediglich die Einstellungen und Beweggründe von Müttern zur Plazentophagie. Die übrige mehr als 50 Jahre alte Studie befasst sich mit den Auswirkungen, hat aber Schwachstellen:

Ein großer Teil der an dieser Studie teilnehmenden 210 Mütter berichtete, dass sie mehr Milch hatten, nachdem sie gefriergetrocknete Plazenta zu sich genommen hatten. Eine Placebo-Kontrollgruppe fehlte zunächst komplett. Mit einer kleinen Gruppe, der stattdessen Rindfleisch vorgesetzt wurde, versuchten die Forscher im Nachhinein, diese Kritik aufzufangen. "Allerdings wurde bei dieser Studie die Menge Muttermilch in einem Selbstfragebogen abgefragt. Das ist eine sehr subjektive Messmethode", bemängelt Wadsack. Das entspricht nicht heutigen wissenschaftlichen Standards, die Ergebnisse gelten deshalb nicht als valide.

"Müll" in der Plazenta

Clark und Wadsack sehen den Plazentaverzehr beide kritisch, denn es bestehen Risiken. "In der Plazenta sammelt sich all jener "Müll" an, der auf keinen Fall in hohen Konzentrationen zum Ungeborenen gelangen soll, weil diese Stoffe der Entwicklung des Ungeborenen schaden könnten. Dazu gehören insbesondere Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Quecksilber sowie toxische Schadstoffe aus Feinstaub", sagt Wadsack.

Abgesehen davon, dass diese Toxine für die Mutter nicht gesund sind, könnte das Kind dann übers Stillen doch noch Schadstoffe aufnehmen, die die Plazenta eigentlich von ihm ferngehalten hat.



Was passiert bei der Geburt?

Neugeborenes Baby im Krankenhaus

Die Geburt: Eine Mutter erzählt »

Tut es sehr weh, ein Kind zu bekommen? Eine Mutter berichtet über ein schmerzhaftes, aber sehr beeindruckendes unvergessliches Erlebnis »

Bildnachweis: Strandperle/ItStockFree/RYF
Mutter mit Kleinkind auf dem Schoß am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

Stadt oder Land: Wo leben Kinder besser?

Was ist der ideale Altersabstand zwischen Geschwistern?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages