Möglichkeiten der Stammzelltherapie

Stammzellen wecken große Hoffnungen. Einige Eltern bewahren deshalb das Nabelschnurblut ihres Kindes auf. Etabliert sind bislang aber nur wenige Methoden

von Marian Schäfer, 21.10.2015

Nabelschnurblut: Manche Eltern lassen es aufbewahren

Panthermedia/ Paul Hakimata

Sie reparieren Hirn und Herz, heilen Krebs, lindern Diabe­tes und lassen Organe neu entstehen: Die Möglichkeiten von Stammzellen scheinen grenzenlos – zumindest im Internet. Wer dort nach Informationen sucht, stößt häufig auf ein großes Durchein­ander. Dabei stehen Eltern während der Schwangerschaft immer öfter vor der Frage, ob sie das Nabelschnurblut ihres Babys direkt nach der Geburt einlagern oder spenden und damit vermeintlich wertvolle Stammzellen aufbewahren sollen.


Prof. Dr. med. Matthias Eyrich ist Leiter des Pädiatrischen Stammzelllabors am Universitätsklinikum Würzburg

W&B/Privat

Welche Arten von Stammzellen gibt es?

"Stammzellen unterscheiden sich in Herkunft und Wandlungsfähig­keit", sagt Professor Nicolaus Kröger, Direktor der Interdisziplinären Klinik und Poliklinik für Stammzelltransplantation am Universi­tätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der Mediziner, der auch Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation ist, spricht als Ers­tes von embr­yonalen Stammzellen. Diese kommen nur kurz nach der Befruchtung der Eizelle­ im wachsenden Embryo vor. "Aus ihnen entstehen die verschiedenen Organe und letztlich der ganze­ Mensch", erklärt Kröger. Diese­ Fähigkei­t verlieren die Stammzellen­ bereits nach wenigen Tagen. Aus ihnen können sich dann zwar noch alle­ Zelltypen (etw­a Haut-, Muskel- oder Nervenzellen) entwickeln, aber kein ganzer Organismus mehr. Experten sprechen in diesem Stadium von pluripotenten Stammzellen.


Prof. Dr. med. Nicolaus Kröger leitet die Interdis­zipli­näre Klinik und Poli­klinik für Stamm­zell­­transplantation am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

W&B/Privat

In vielen Organen des menschlichen Körpers befinden sich die sogenannten adulten Stammzellen. Sie sorgen dafür, dass er wächst und sich regeneriert, dass sich also etwa Blut- oder Hautzellen ständig erneuern. Adulte Stammzellen sind auch schon in den Organen des Fetus zu finden, die bis zur neunten Schwangerschafts­woche angelegt werden. Sie werden als ­fetale Stammzellen bezeichnet.

Adulte Stammzellen sind es auch, die im Nabelschnurblut vorkommen. "Dabei handelt es sich vor allem um blutbildende Stammzellen", erklärt Professor Matthias­ Eyrich, Leiter des Pädiatrischen Stammzelllabors am Universitätsklinikum Würzburg. Gleichzeitig gelten die Stammzellen im Nabelschnurblut aber als jung und unreif. Sie sollen die Fähigkeit besitzen, sich noch zu vielen anderen Zelltypen entwickeln zu können. Zum Beispiel zu Nervenzellen, wenn sie ins Gehirn injiziert werden – wie in ersten Heilversuchen gemacht.

Neben den natürlich vorkommenden Stammzellen gibt es im Labor gezüchtete. Sie werden als induzierte pluripotente Stammzellen bezeichnet. "Es wird an Methoden geforscht, etwa­ aus Körperzellen­ Stammzellen herzustellen, die sich wie embryonale Stammzellen­ verhalten, also noch sehr wandelbar sind", sagt Matthias­ Eyrich. Auch Nicolaus Kröger spricht davon, adulte Stammzellen etwa aus dem Nabelschnurblut ­zukünftig vielleicht umprogrammieren zu können, damit sich aus ihnen möglicherweise Muskelzellen oder sogar komplette Organe entwickeln. "Das ist noch sehr hypothetisch."


Grafik: Der Weg der Stammzellen im Embryo

Tag 1 Noch sind Spermium und Eizelle zwei eigenständige menschliche Keimzellen. Nach der Befruchtung wandert der nun als Zygote bezeichnete frühe Embryo in die Gebärmutter, um hier weiter zu wachsen.

 

Tag 4 Jetzt hat sich die Zygote zu einer flüssig­keitsgefüllten Kugel entwickelt, dem Keimbläschen oder die Blastozyste. In ihrem Inneren befinden sich, als kleiner Haufen, die embryonalen Stammzellen. Sie sind der Grundstock für den Embryo.

 

Tag 14 Aus den Stammzellen, die zu Beginn noch alle die gleichen Fähigkeiten haben, entstehen drei verschiedene Zellverbände, die sogenannten Keimblätter. Ihre Lage im Keimbläschen entscheidet darüber, was sich aus den Zellen später entwickelt.

 

Tag 21 Aus den Keimblättern entwickeln sich die Organe. Gehirn, Augen und Herz machen den Anfang. Bis zur neuten Schwangerschaftswoche haben sich dann auch alle anderen Organe und die Extremitäten gebildet.


W&B/Astrid Zacharias

Welche Therapie­möglichkeiten gibt es?

In Deutschland unterliegt die Forschung an Stammzellen aus dem Embryo sehr strengen gesetzlichen Auflagen. Ärzte und Wissenschaftler greifen deshalb in der Regel auf adulte Stammzellen zurück. "In der klinischen Anwendung sind ­eigentlich nur Therapien mit Blut-Stammzellen etabliert", erklärt ­Nicolaus Kröge­r. "Sie werden schon seit Jahrzehnten transplantiert, um etwa Leukämie und ­andere Blutkrankheiten zu heilen." ­Dazu können auch Stammzellen aus Nabelschnurblut verwendet werden.

"Allerdings sind die eigenen Stammzellen für die Therapie meist nicht so gut geeignet, weshalb die Patienten in der Regel ­welche von fremden Spendern erhalten", sagt der Mediziner ­Matthias ­Eyrich. "Sie profitieren dann ­etwa vom ­­Immunsystem des Spenders – und laufen nicht Gefahr, dass die Krankheit schon in den ­eigenen Stammzellen angelegt ist und wieder ausbricht." Gibt es ­keine Stammzellen­ von Geschwistern­ oder anderen Spendern­, können die der Eltern genutzt werden. "Nur in seltenen Fällen werden eigene­ Stammzellen verwendet – ­et­wa­ bei Krebsarten, die nicht vom Blut ausgehen und eine Hochdosis-Chemotherapie­ benötigen, die die Blutbildung stört", so Eyrich.

Eine etablierte Therapie bei Kin­dern mit Stammzellen aus ­eigenem Nabelschnurblut exis­tiert derzeit nicht. "Es gibt viele Ideen, die erforscht werden, aber letztlich ist alles noch sehr unklar", betont Eyrich. Es bleiben Heilversuche: So kamen Stammzellen aus eigenem Nabelschnurblut etwa bei frühkindlichen Hirnschäden zum Einsatz. "Das ist noch sehr experimentell", sagt Eyrich. Stu­dien dazu laufen.


Nabel­schnur­blut einlagern: Diese Möglichkeiten gibt es

Privat einlagern: Je nach Anbieter kos­tet es etwa 1200 bis 2500 Euro, um für 25 Jahre Nabelschnurblut einzulagern. Die gesamte Probe steht dann nur dem eigenen Kind zur Verfügung.

 

Spenden: Neben privaten gibt es auch öffentliche Stammzellbanken. Auch hier können Eltern Nabelschnur­blut ihres Kindes einlagern lassen – und zwar kostenlos. Sollte ihr Kind einmal darauf angewiesen sein, können sie das Blut auch anfordern. Anders als bei privaten haben sie bei öffentlichen Stammzellbanken allerdings nicht die Garantie, dass das Blut noch vorrätig ist – oder nicht schon bei einem anderen Kind verwendet wurde. Zudem sind Spenden nicht in allen Geburtskliniken möglich.

 

Kombi Privat/Spende: Einige Privat­anbieter arbeiten mit öffentlichen Stammzellbanken zusammen. Eltern können das Nabelschnurblut ihres Kindes dann privat gegen Kosten einlagern. Gleichzeitig lassen sie es aber in einem öffentlichen Register vermerken. Die Stammzellen bleiben also Eigentum des Kindes – können aber auch angefragt werden, sollten sie für einen anderen Patienten infrage kommen. Entscheiden sich Eltern dafür, sie freizugeben, erhalten sie das bereits gezahlte Geld in der Regel zurück. Wichtig: Eltern, die diese Variante wählen, sollten sich gut überlegen, wie sie mit einer Spendenanfrage umgehen.



Bildnachweis: Panthermedia/ Paul Hakimata, W&B/Astrid Zacharias , W&B/Privat
Schwangere Frau

Newsletter für Schwangere

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Schwangerschaftsnewsletter »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages