Geburt: Wo soll ich entbinden?

Wo ist der passende Geburtsort: In der Klinik, im Geburtshaus oder zu Hause? Eine Entscheidungshilfe für werdende Eltern
von Madlen Ottenschläger, 22.05.2017

Sichere oder intime Atmosphäre? Jeder Geburtsort hat Vor- und Nachteile

W&B/Bernhard Huber

Der Geburt ihres Babys schaut wohl jede Schwangere mit etwas gemischten Gefühlen entgegen. Sind die Wehen sehr schmerzhaft? Wird alles gutgehen? Gleichzeitig ist da aber die wahnsinnige Vorfreude auf den Moment, wenn man das Kleine endlich im Arm hält. Wo aber will man sein Kind zur Welt bringen?

Von den rund 740 000 Kindern, die 2015 in Deutschland geboren wurden, erblickten nur etwa 10 000 außerhalb einer Klinik das Licht der Welt. Das zeigt eine Erhebung der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburts­hilfe. Die mit Abstand meisten werdenden Eltern entscheiden sich also für eine Klinikgeburt. Manche aber wollen die gewohnte Umgebung zu Hause oder suchen eine individuellere Betreuung in einem Geburtshaus. Was werdende ­Eltern bei ihrer Entscheidung berücksichtigen sollten:


Prof. Birgit Seelbach-Göbel ist Chefärztin der Geburtsklinik am Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg

/altrofoto.de

Die Geburt in der Klinik

Vor der Geburt: Jede Geburtsklinik bietet Infoabende und Besichtigungen des Kreißsaals an. "Schwangere und ­ihre Partner sollten diese für ein ­ers­tes Kennenlernen und ihre Fragen nutzen", rät Birgit Seelbach-Göbel, Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburts­hilfe am Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg.

So können werdende Eltern zum Beispiel erfahren, wie die Klinik auf Notfälle vorbereitet ist, wie hoch die Kaiserschnitt-Rate ist, welche Methoden es zur Schmerzbehandlung gibt, welche Unterstützung Stillende erhalten und ob die Möglichkeit besteht, nach der Entbindung mit der Hebamme oder einem Arzt über das Geburtserlebnis zu sprechen.


Nadja Mück ist Beleghebamme im Stauferklinikum in Mutlangen. Zudem betreut sie Hausgeburten und Geburten in einem Geburtshaus

W&B/Privat

Etwa um die 20. Schwangerschaftswoche erfolgt die Anmeldung in der Geburtsklinik. Mit Beginn des Mutterschutzes stellt sich die werdende Mutter persönlich in der Klinik vor. "Das Gespräch ist der passende Moment, um über Wünsche, Ängste und Besonderheiten zu reden und diese schriftlich fixieren zu lassen", erklärt Seelbach-Göbel. Das können Vorerkrankungen sein oder der Wunsch nach einer Wassergeburt.

So läuft eine Geburt in der ­Klinik ab: Anders als im Geburtshaus oder bei einer Hausgeburt trägt in der Regel ein Mediziner die Verantwortung, die Heb­amme bleibt in der letzten Geburtsphase nicht allein. Die Gebärende kann schmerzstillende Medikamente erhalten. Falls notwendig, steht entsprechende Technik bereit, um das Baby mit Saugglocke oder per Kaiser­­schnitt zu holen. Die Herz­töne des Ungeborenen über­wachen Klinik-Hebammen mittels CTG – meist während der gesamten Geburt, immer in der letzten Phase.

Um die Schwangere kümmern sich während der Geburt Hebammen. Sie helfen zum Beispiel, ­eine gute Geburtsposi­tion zu finden oder Wehen zu ver­­atmen. Bei Auffälligkeiten verständigen sie den zuständigen Arzt. Dieser versorgt auch eventuelle Geburtsverletzungen wie ­einen Dammriss.

In der Regel bleiben Mutter und Kind nach einer vaginalen Geburt etwa drei Tage auf der Wöchne­rinnenstation. Oft gibt es auch Familienzimmer, in denen der Partner mit wohnen kann. Bei ­einer ambulanten Geburt kehren Mutter und Baby schon ­etwa drei Stunden nach der Geburt nach Hause zurück – vorausgesetzt, es geht beiden gut. Wichtig dann: ein Kinderarzt, der die U 2 abnimmt.

Womit sollten werdende ­Eltern rechnen? Klinik-Heb­ammen arbeiten im Schichtsystem. Je nach Dauer der Geburt wird eine Schwangere deshalb von mehreren Hebammen betreut – die sie vorab nicht kennt. "Nicht immer stimmt die Chemie", sagt Heb­amme Nadja Mück aus Mutlangen, die sowohl Klinik- als auch Hausgeburten begleitet. ­Eine Eins-zu-eins-Betreuung kann eine Klinik nicht leisten. "Herrscht Hochbetrieb, betreut in unserer Klinik eine Hebamme bis zu drei Frauen, natürlich in unterschiedlichen Geburtsphasen", sagt Seelbach-­Göbel. Dass stets eine Hebamme bei ­ihnen ist, dürfen Schwangere in einem Krankenhaus nicht erwarten. Eine Alternative könnte eine Klinik mit Beleghebammensystem sein.

Weil in den vergangenen Jahren Geburtskliniken geschlossen wurden und Personalmangel herrscht, kommt es in einigen Regionen Deutschlands zu Engpässen. Sind die Kreißsäle überfüllt, kann es passieren, dass eine Schwan­­gere an eine andere Klinik verwiesen wird. Am bes­ten vorher über die Situa­­tion vor Ort informieren und mehrere Geburtskliniken anschauen.


Wer sollte in der Klinik gebären?

"Ganz schlicht: Jede Risikoschwangere", sagt die Regensburger Chefärztin Birgit Seelbach-Göbel. Gemeint sind damit alle Frauen, die chronische Krankheiten wie Diabetes oder eine Vorerkrankung wie einen Herzfehler haben. In diesem Fall stellen sich Schwangere am besten frühzeitig in einem Perinatalzentrum vor.

  • Auch werdende Mütter, deren Schwangerschaften problematisch verliefen (etwa weil sie an einer Schwangerschaftsvergiftung litten), gehören zur Entbindung in die Klinik.
  • Ebenso jede Frau, deren Ungeborenes Auffälligkeiten zeigt – ein Krankenhaus mit Kinderklinik ist dann die erste Wahl.
  • "Mehrlinge und Babys in Beckenendlage sollten ebenfalls in einer Klinik zur Welt kommen", sagt Seelbach-Göbel.
  • Macht sich ein Baby vor der 37. Schwangerschaftswoche auf den Weg oder will die Geburt auch 14 Tage nach dem errechneten Geburtstermin nicht beginnen, muss die Schwangere in eine Klinik. Das gilt auch, wenn innerhalb von 24 Stunden nach einem Blasensprung keine Wehen kommen. Ist das Baby über dem Geburtstermin, geht die werdende Mutter am dritten Über-Tag zur Kontrolle zu einem Gynäkologen.

Auch die Leitlinien der Hebammenverbände schließen in den genannten Fällen eine Geburt im Geburtshaus oder zu Hause aus. Birgit Seelbach-Göbel gibt zudem zu bedenken: "Die höchste Sicherheit für Mutter und Kind kann nur die Geburt in einer Klinik gewährleisten." Allerdings, so die Medizinerin, gebe es auch dort Unterschiede. Wenn Ärzte und ein OP-Team nicht rund um die Uhr in der Klinik erreichbar seien und erst von außen geholt werden müssten, relativiere sich der Sicherheitsvorteil.


Die Hausgeburt

Vor der Geburt: Interessierte Schwangere sollten frühzeitig eine Hausgeburts-Hebamme anfragen, da es immer weniger von ihnen gibt. Ein guter Zeitpunkt ist rund um die 10. Schwangerschafts­woche. Sich früh darum zu kümmern macht noch aus einem anderen Grund Sinn: "­Eine Hausgeburt lebt vom Vertrauen zwischen werdender Mutter und Hebamme", sagt Nadja Mück. Der Gedanke hinter dieser Geburtsform ist, dass Frauen in vertrauter Umgebung und mit einem ihnen vertrauten Menschen leichter gebären. Hausgeburts-Hebammen begleiten "­ihre" Frauen deshalb im Normalfall durch die ganze Schwangerschaft. Im letzten Drittel führen sie ein formales und schriftlich dokumentiertes Auf­klärungsgespräch.

So läuft die Geburt ab: ­Eine Hausgeburt ist immer von einer Hebamme geleitet. Besonderes Merkmal: die Eins-zu-eins-Betreuung. Kommen die Wehen im Abstand von etwa fünf bis sieben Minuten, bleibt die Hebamme und begleitet die Gebärende, bis das Baby auf der Welt ist. "Ich bin ganz und gar für die Frau da, atme zum Beispiel mit ihr oder massiere sie", sagt Nadja Mück.

Gibt es keine Auffälligkeiten, werden die Herztöne des Ungeborenen meist mit einem Stethoskop und nicht via CTG kontrolliert. Anders als in einer Klinik gibt es gegen die Geburtsschmerzen keine PDA oder stärkere Medikamente. Hebammen arbeiten zum Beispiel mit ­Wärme, Akupunktur oder Homöopathie. Auch ein Kaiserschnitt oder der Einsatz ­einer Saugglocke sind ­allein einem Arzt vorbehalten.

Womit sollten werdende Eltern rechnen? "Mit der Verlegung in ­eine Klinik", sagt Mück. Auch wenn das nicht automatisch einen Notfall bedeute. Geht zum Beispiel die Geburt nicht voran oder hält die werdende Mutter die Schmerzen kaum mehr aus, ist das Zuhause womöglich nicht länger der passende Ort. Das gilt auch für Auffälligkeiten beim Ungeborenen. Hausgeburts-Heb­ammen haben ein Notfall-Set, ­etwa mit Sauer­stoffmasken für Baby und Mutter und einem wehenhemmenden Medikament, falls die Frau in die Klinik verlegt wird.

Eine Hausgeburt ist immer ein Risiko. Durch den Transport in die Klinik kann wertvolle Zeit verstreichen, gerade bei einem plötzlichen Notfall. Dies ist auch bei einer unkomplizierten Schwangerschaft nie völlig auszuschließen.

Da der Entbindungstermin nicht sicher vorauszusagen ist, erhält die Hebamme eine Rufbereitschaftspauschale. Diese kann mehrere Hundert Euro betragen und ist keine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen. Einige übernehmen die Kosten aber, zumindest anteilig.

Die Geburt im Geburtshaus

Vor der Geburt: Das Haus an­schauen und fragen, fragen, fragen! Denn Geburtshäuser können sehr unterschiedlich sein, eventuell mehrere anschauen. Neben der Atmosphäre ist entscheidend, ob das Konzept zu den Wünschen der werdenden Eltern passt. Üblich ist, dass Schwangere im Geburtshaus Eins-zu-eins betreut werden. In manchen Geburtshäusern arbeiten die Hebammen aber im Schichtsystem. Wer sich für ein Geburtshaus entscheidet, weil er in Begleitung "seiner" Hebamme gebären ­möchte, sollte deshalb unbedingt klären, ob das möglich ist. Auch eine ­Frage wert: Wer übernimmt, falls die ­eigene Hebamme verhindert ist, weil sie beispielsweise eine andere Geburt betreut?

Auch hier gehört es zum Standard, dass sich die Schwangere im Geburtshaus vorstellt und ein umfassendes (und schriftlich fixiertes) Aufklärungsgespräch erhält.

So läuft die Geburt ab: Die werdenden Eltern rufen an, im Regel­fall nicht im Geburtshaus, sondern bei "ihrer" Hebamme. Dann wird besprochen, ob sie kommen oder lieber noch warten sollen. Endlich vor Ort, gibt es eine erste Untersuchung. Manche Frauen dürfen danach nochmals nach Hause – weil die Geburt doch noch nicht begonnen hat. Einige Hebammen kommen für diesen Check auch nach Hause und fahren dann mit ihnen gemeinsam ins Geburtshaus.

Die Geburt ähnelt dann einer Hausgeburt. Auch sie ist hebammengeleitet, das Hauptaugenmerk liegt darauf, die ­eigenen Kräfte der Gebärenden zu mobilisieren. Medikamente und ärztliche Technik (zum Beispiel PDA, Kaiserschnitt) sind nicht möglich. Geburtshausgeburten sind stets am­bulant, das heißt, Mutter und Kind kehren wenige Stunden nach der Entbindung nach Hause zurück.

Womit sollten werdende ­Eltern ­rechnen? Gerät die Geburt ins Stocken oder zeigt das Ungeborene Auffälligkeiten, wird die werdende Mutter in die Klinik verlegt, genauso wie bei einer Hausgeburt.



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