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Geburt: So bereiten Sie sich auf die Wehen vor

Der Termin rückt näher, die Freude aufs Baby steigt, aber auch die Angst vor den Schmerzen. Zum Glück können Sie vorher einiges tun, um sich optimal auf den Geburtstermin vorzubereiten


Ist die Atmosphäre gut, sind die Schmerzen bei der Geburt für die Frau oft erträglicher

Diese eine Frage beschäftigt alle­ Schwangeren: Wie weh tun die Wehen? Die ehrliche Antwort: sehr. Eine Geburt ohne Schmerzen gibt es leider nicht. „Die Wehenschmerzen bringen jede Frau an ihre Grenzen“, sagt Hebamme Tara Franke aus Minden. Aber die Geburtshelferin sieht darin keinen Grund, Angst zu haben. Für sie ist eine Geburt eine besondere, positive ­Krise: „Sie fordert Frauen in einem extremen Maß, aber zeigt auch, was sie können, und macht sie stark.“

Wie groß die Schmerzen sind, ist von Frau zu Frau unterschiedlich. Während die eine lange nur ein leichtes Ziehen spürt, hat die andere bereits zu Beginn heftige Krämpfe. Je nach Geburts­phase treten verschiedene Wehen auf, mal stärker, mal schwächer. „Eine Geburt ist schmerzhaft. Aber sie ist kein Dauerschmerz“, sagt Hebamme Jutta Ubben aus Hamburg.

Frauen können sich vorbereiten

Wie kann man sich auf Schmerzen vorbereiten, die man so noch nie erlebt hat? „Der erste wichtige Schritt ist, den Schmerz zu akzeptieren“, sagt Tara Franke. Als zweiter Schritt folgt: den Wehen mit Mut und Selbstbewusstsein begegnen. Beides gelingt am besten, wenn Sie sich mit der Geburt auseinandersetzen. „Überlegen Sie rechtzeitig, in welcher Umgebung Sie sich sicher fühlen und was Sie sich für die Geburt wünschen“, sagt die Stuttgarter Stimmlehrerin Jutta Haag den Frauen in ihren Atemkursen zur Geburtsvorbereitung. Bedenken Sie auch: Eine Geburt lässt sich nicht planen. In manchen Situationen sind gewisse Maßnahmen einfach nötig.

Deshalb kommt es vor allem darauf an, dass Sie sich wohlfühlen und den Menschen, die Sie bei der Geburt begleiten, voll vertrauen. „Das Verhältnis zum Arzt und zur Hebamme sowie die ­Atmosphäre im Kreißsaal bestimmen mit über das Schmerzempfinden“, sagt Prof. Dr. med. Christof Sohn, Frauenarzt aus Heidelberg.

Diese eine Tatsache aber hilft allen Frauen durch die Geburt: „Jede Wehe bringt Sie Ihrem Baby ein Stück näher“, sagt Jutta Ubben. Wenn Ihr Baby das erste Mal auf Ihrer Brust liegt, Sie seine kleinen Finger spüren und in seine Augen blicken, sind die Schmerzen ohnehin vergessen.


Tipps für eine entspannte Geburt

Selbst ist die Frau! Und deshalb finden Sie hier Tipps für eine entspannte und angstfreie Geburt – von der Schwangerschaft bis zur letzten Wehe:

Gut vorbereitet: Sie haben jede Menge Fragen und fühlen sich unsicher? „Keiner kann Ihnen genau sagen, wie die Geburt Ihres Babys genau verlaufen wird“, sagt ­Jutta Haag aus Stuttgart, die Schwangere auf die Geburt vorbereitet. „Aber wer sich mit den verschiedenen und vielleicht schwierigen Aspekten auseinandersetzt, blickt der Entbindung gelassener entgegen.“

Deshalb: Reden Sie mit ­Ihrem Arzt und Ihrer Hebamme. In einem Geburtsvorbereitungskurs (ab der 25. Woche) erhalten Sie viele Informationen rund um die Geburt. Die Kosten dafür übernimmt die Krankenkasse. Und: Fast alle Kliniken und Geburtshäuser bieten Informationsabende und Führungen an.



Tara Franke ist Hebamme in Minden und begleitet Frauen vor, während und nach der Geburt

In Aktion: „Die Geburt ist wie ein Marathonlauf“, sagt Tara Franke. „Alle Muskeln des Körpers werden benötigt, Nicht nur die Gebärmutter.“ Und wer sich bewegt, verkrampft nicht so leicht bei den Wehen­schmerzen, sondern verarbeitet sie aktiv. Deshalb empfiehlt die Hebamme werdenden Müttern, während der Geburt in Bewegung zu bleiben: In der Anfangsphase können Sie einen Spaziergang im Freien machen, später im Kreißsaal tun kleine Bewegungen gut.

„Wenn Sie Ihr Becken sanft hin und her schaukeln oder in die Hocke gehen, helfen Sie Ihrem Baby. Durch die Bewegungen wird es Stück für Stück nach draußen geschaukelt“, so Franke. In der Austreibungsphase müssen Sie besonders mit­arbeiten. „Die Beckenbodenmuskeln müssen sich dehnen und öffnen. Dazu brauchen Sie Kraft – und den Mut, gegen den Widerstand anzuschieben.“



Jutta Haag ist Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin aus Stuttgart

Besser aufrecht: Welche ­Position bei Ihrer Geburt die richtige ist, können nur Sie selbst herausfinden. Besonders gut sind jedoch aufrechte Haltungen. „Dann drückt das Baby stärker auf den Muttermund, und das beschleunigt die Geburt“, erklärt die Hebamme. Im Liegen kann das Gewicht des Kindes nicht optimal mithelfen. Wenn Sie es nicht mehr schaffen, sich aufrecht zu halten, können Seil oder Gebär­hocker gute Hilfsmittel sein.

Die Angst wegatmen: Tiefe Atmung nimmt dem Schmerz etwas von seiner Intensität. Und: „Bewusstes Ausatmen bewirkt, dass man sich dem Geburtsschmerz nicht hilflos ausgeliefert fühlt“, sagt ­Jutta Haag. So geht es: Lassen Sie die Luft langsam durch den Mund ausströmen. Dabei machen Sie mit weichen Lippen und Wangen ein  „ffff“. Wenn die Schmerzen stärker werden, fangen viele Frauen an zu schreien. „Besser ist es, dann einen Ton wie ein A, O oder U in den Schrei hineinzulegen“, sagt die Atemlehrerin. „Dies gibt einem das Gefühl, dass man die Geburt mitgestalten kann.“

Pausen nutzen: Auch wenn sich ­eine Wehe unendlich lang anfühlt, nach ein paar Minuten ist sie vorbei. Nutzen Sie diese Pause, egal wie kurz sie ist. Lockern Sie Beine und Arme, versuchen Sie abzuschalten und nicht an die ­­nächs­te Wehe zu denken. „Manchen Frauen gelingt es, in den Pausen kurz einzunicken“, sagt ­Tara Franke. Sammeln Sie Kraft, so halten Sie besser durch.



Dr. Ste­­ph­anie Pild­ner von Steinburg ist leitende Oberärztin an der Frauenklinik rechts der Isar in München

Experteninterview: Das nimmt Zweitgebärenden die Angst

Haben Frauen, die bereits ein Kind entbunden haben, auto­matisch mehr Angst vor einer weiteren Geburt?
Nicht unbedingt. Meiner Erfahrung nach gehen viele Frauen sogar entspannter in eine zweite Geburt. Sie haben bereits die Erfahrung gemacht „Ich kann das“. Das gibt vielen Zweitgebärenden Selbstbewusstsein. Aber es gibt natürlich auch die Frauen, die unzufrieden über den ers­ten Geburtsverlauf sind oder diesen als dramatisch erlebt haben.

Wann empfinden Frauen ­eine Geburt als dramatisch?
Das ist sehr individuell. Untersuchungen über Geburtsverläufe zeigen aber: Am zufriedensten sind Frauen mit einer unauffälligen Spontangeburt, am unzufriedensten diejenigen, die einen Notkaiserschnitt brauchten. Das ist auch nachvollziehbar, denn ­ihnen wird in dieser Situation jegliche Autonomie genommen. Damit Betroffene besser mit dieser Situation zurechtkommen, betreut bei uns nach einem Not­kaiserschnitt immer eine Psychologin die Entbundene. Außerdem stellen wir fest, dass Gebärende und Geburtshelfer einen Geburtsverlauf manchmal sehr unterschiedlich wahrnehmen. Wir stufen die Geburt beispielsweise als gut ein, während die Entbundene sie als schreckliche Erfahrung abbucht.

Haben Sie ein Beispiel?
Wenn etwa die Herztöne des ­Babys schlechter werden, versuchen wir, die Geburt schneller voranzubringen. Der Gebärenden würden wir das in der Situation aber nicht so sagen, um keine Panik bei ihr auszulösen. Die Frau nimmt daher nur wahr, dass wir in den Geburtsverlauf eingreifen, und speichert das als negativ ab. In einem Gespräch hinterher ließe sich das gut klären. Deshalb kann ich Frauen nur raten: Sprechen Sie nach der Geburt, noch während Sie auf der Station sind, Hebamme oder Ärztin auf das an, was Ihnen während der Geburt ein schlechtes Gefühl bereitet hat. Das kann vieles ins rechte Licht rücken, und Sie nehmen die negative Erfahrung nicht mit in die zweite Geburt.

Wie können Sie ­Schwangere, die das nicht gemacht haben und Angst vor der Geburt verspüren, noch beruhigen?
Statistiken zeigen ganz klar: Zweite Geburten sind kürzer und
leichter. Wer bereits durch eine vaginale Geburt einen belas­teten Beckenboden hat, würde durch einen geplanten Kaiserschnitt die langfris­­tigen Nachteile beider Geburtsarten in Kauf nehmen. So ist eine Kaiserschnitt­narbe anfällig für Verwachsungen.

Und wenn eine solch ­rationale Argumentation eine Schwangere nicht erreicht?
Ärzte und Hebammen gehen natürlich individuell auf das ein, was eine Frau bei der ersten Geburt als unangenehm empfunden hat, und suchen dafür eine Lösung. Eine Op­tion könnte sein, eine Doula (= altgriechisch für Dienerin; sie steht ­einer Frau vor, bei und nach der Geburt emotional zur Seite; Anmerkung der Red.) zur Geburt mitzubringen. Sie kann zwischen Gebärender und Arzt und Hebamme vermitteln, ohne direkt in die Geburt involviert zu sein.




Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Bernhard Huber

Peggy Elfmann / Baby und Familie; aktualisiert am 27.06.2014, erstellt am 02.07.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Bernhard Huber

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