Frühgeburt: Eine Handvoll Leben

Etwa sieben Prozent aller Babys kommen als Frühchen zur Welt. Gründe, Risiken und wie Frühgeborene in Deutschland versorgt werden
von Sandra Schmid, 27.07.2012

Klein und zerbrechlich: Frühchen brauchen eine besondere Versorgung

Thinkstock/Digital Vision

Manche Babys passen fast in die Hand der Mutter, wenn sie zur Welt kommen. So klein, so zart sind sie und doch haben sie einen enormen Überlebenswillen. Zeitlich ist die Definition einer Frühgeburt genau abgesteckt: Bei jedem Baby, das vor der Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche geboren wird, spricht man von einer Frühgeburt. Je näher das Kind an diesem Termin dran ist, um so höher sind die Überlebenschancen.

Vor der 22. Schwangerschaftswoche geborene Babys sind üblicherweise nicht lebensfähig. Ab der 22. vollendeten Woche besteht allmählich eine nennenswerte Chance, dass das Kind überlebt, und ab der vollendeten 23. Woche liegen die Überlebenschancen bei etwa 30 bis 50 Prozent.

Ursachen

Die Gründe für eine Frühgeburt können vielfältig sein. "Infektionen der Fruchthöhle sind eine der Hauptursachen", sagt die Professorin Orsolya Genzel-Boroviczény, Leiterin des Perinatalzentrums der Universitätskinderklinik in München. Weitere Faktoren, die zu einer Frühgeburt führen können, sind bestimmte Schwangerschaftskomplikationen wie beispielsweise eine Gestose, die so genannte Schwangerschaftsvergiftung. "Außerdem gibt es bei Mehrlingen ein etwas erhöhtes Risiko", weiß Genzel-Boroviczény. "Drillinge kommen praktisch nie bis zum errechneten Termin." Eine Rolle können auch psychosoziale Komponenten spielen: Stress im Beruf oder in der Familie können bisweilen auch zu einem erhöhten Frühgeburts-Risiko führen.

Einen Zusammenhang zwischen dem gestiegenen Alter der Mutter und einer möglichen Frühgeburt sieht Genzel-Boroviczény nicht. "Ich kann nicht bestätigen, dass die Mütter auf unserer Station im Perinatalzentrum durchschnittlich eher älter sind." Eine generelle Einteilung nach dem Schema "älter als 35 Jahre bedeutet Risikoschwangerschaft und damit wahrscheinliche Frühgeburt" sei überholt, so die Spezialistin.

Es gibt unterschiedliche Anzeichen für eine Frühgeburt. Infektionen können zu vorzeitigen Wehen oder auch zu einem vorzeitigen Blasensprung führen. Eine Präeklampsie, die sich vor allem durch Bluthochdruck bemerkbar macht, fängt oft mit Oberbauchbeschwerden an.

Versorgung der Frühchen

Die richtige Hilfe und Fürsorge für eine Frühchenmutter und ihr Baby beginnt bereits vor der Geburt. "Die Geburtshelfer in einem Perinatalzentrum sind in der Lage, die Schwangerschaft oft noch wesentlich zu verlängern, da sie die nötige Erfahrung haben," so Genzel-Boroviczény. Auch die sofortige und intensive Nachversorgung von Frühgeburten sei immens wichtig.

Mehr Erfahrung, größere Spezialisierung, besseres Equipment und qualifiziertes Personal erhöhen auch die Überlebenschancen der Frühchen, die mit einem Gewicht von unter 1250 Gramm zur Welt kommen.

Mütter, die wissen, dass sie eine Frühgeburt haben könnten, sollten sich die Krankenhäuser, die für die Entbindung in Frage kommen, deswegen genau anschauen. Ein gutes Zeichen ist, wenn in der Klinik mindestens 30 Frühchen im Jahr versorgt werden. "Die Kliniken müssen ja all ihre Zahlen auf die Homepage stellen, dadurch ist das transparent," sagt Orsolya Genzel-Boroviczény. Ansonsten: Einfach anrufen und sich erkundigen.

Spätfolgen

Nach Hause dürfen die Frühgeborenen erst, wenn sie selbst atmen, trinken und die Körpertemperatur halten können. Je nachdem, wie viel zu früh die Kinder geboren wurden, kann das schon einmal zwischen zwei und vier Monaten dauern. Meist werden sie nämlich rund um ihren errechneten Geburtstermin entlassen.

Je früher die Babys geboren werden, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht alle Defizite aufholen können und das Kind zu einem gewissen Maß körperlich oder geistig behindert bleibt. Therapeutische Maßnahmen, die bereits vor oder nach der Geburt ergriffen werden, sollen dem zwar so weit wie möglich vorbeugen. Doch auch hier gibt es Grenzen, so dass trotz aller Fürsorge Schäden zurückbleiben können.

Ein Frühgeborenes stellt meist das ganze Leben der Familie auf den Kopf. Um die Mütter zu unterstützen, ist im Perinatalzentrum der Universitätskinderklinik in München auch immer eine Psychologin auf der Station.

Wenn alles gut geht, das Baby erst einmal aus dem Brutkasten ins Wärmebettchen darf und dann auch bald nach Hause entlassen wird, sind die Strapazen der ersten Lebenswochen meist schnell vergessen und der Baby-Alltag kann beginnen.


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