Mit Kindern in den Zoo: Wie korrekt ist das?

Was tut man im Zoo? Natur erleben oder eingesperrte Tiere anschauen? Ansichtssache, sagen Experten. Ein paar Tierpark-Fakten als Entscheidungshilfen

von Julia Jung, aktualisiert am 11.03.2016

Im Zoo: Erlebnisse mit Tieren sind für Kinder eine große Attraktion

plainpicture GmbH & Co KG/Ulf Philipowski

Es ist Sonntag, und wieder mal steht die Frage im Raum: Was macht die Familie heute? Die ­Sonne scheint, auf Wandern hat niemand Lust, ­also entscheiden sie sich für den Zoo. Da ist für jeden ­etwas dabei, sind sich alle einig: aufregende Tiere, ein großer Spielplatz und Essen an jeder zweiten Ecke.

Tierparks: Masse oder Klasse?

Rund 45 Millionen Menschen hatten 2014 diesen Plan und besuchten die über 200 Zoos, Tier- und Wildparks in Deutschland, die dem Verband ­­Zoologischer Gärten e. V. (VdZ) und weiteren Organisationen angeschlossen sind. Die Besucher ­sahen dort im Durchschnitt 2500 verschiedene Wirbeltiere, darunter 390 Säugetier- und 602 Vogelarten. Unzählbar die Tiere, die in weiteren mehr als 500 Kleinzoos, Tiergehegen, ­Vogelparks, Reptilienzoos oder Schauaquarien leben.


Tierschützer kritisieren an Zoos, dass viele Arten hier nicht artgerecht leben, es mehr um ­Unterhaltung als um Wissensvermittlung geht, und Besucher nur selten ein Verständnis für ­Arten- und Tierschutz entwickeln. Lothar Philips ist Vorsitzender des Verbandes deutschsprachiger ­Zoopädagogen e. V. in Köln und freut sich über Kritik, solange sie sachlich bleibt. "Die Zoos in Deutschland haben sich in den letzten 50 Jahren stark verändert. Auch, weil sie auf die Kritik gehört haben", sagt er. Tatsächlich sieht man gekachelte Käfige mit einsamen Groß­tieren nur noch in Ausnahmefällen. Schwierig findet Philips Argumente, die jede Tierhaltung in Gefangenschaft prinzipiell ablehnen.

Dass sich in den Zoos in den vergangenen Jahren viel getan hat, ­­bestätigt auch Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund e. V. in Bonn. "Aber: Zoos müssen nun mal Geld verdienen, und das tun sie am ehesten mit immer neuen ­Attraktionen und exotischen Tieren, deren Haltung eigentlich nicht immer möglich ist", so die Diplom-Biologin.

Menschen lernen im Zoo meist wenig

Folgen wir unserer Beispielfamilie: Sie ist am Ziel und will Eintritt zahlen – für vier Personen sind das schon mal 60 Euro. Ziemlich viel. Der VdZ erklärt die Preise für gerechtfertigt, viele Zoos machen trotzdem noch Minus. 365 Tage Betrieb im Jahr kosten eine Menge. Weiter geht’s, endlich wollen alle die Tiere sehen. Doch erst mal sehen sie nur Büsche. Dahinter ist ein Geweih zu erahnen. Tatsächlich, weiter weg stehen ein paar Hirsche, Kaninchen hoppeln um ihre Beine.

Die Familie ist in einem Geo-Zoo mit sogenannten Immersionsgehegen gelandet. Die Tiere sind nicht nach Arten, sondern nach Lebensraum untergebracht und leben in Gehegen oder Häusern, die auch optisch möglichst nah an ihren natürlichen Strukturen sind. "Oft leben hier auch ­­mehrere Arten in einer Gemeinschaft, sowohl große wie auch kleine, die häufig ja weniger Aufmerksamkeit bekommen", erklärt Philips.

Das ­Thema Aufmerksamkeit ist ein Problem in Zoos. "Ein durchschnittlicher Besucher weiß nach dem Besuch nicht mehr über Tiere als jemand, der nicht im Zoo war", fasst Tierschützerin Schmitz die Ergebnisse einer Befragung in sechs englischen Zoos und einem Naturpark zusammen. Andere Studien zeigen, dass die Leute im Durchschnitt weniger als eine Minute vor einem Gehege stehen bleiben und auch die Informationstafeln kaum lesen.

Informationen werden immer interessanter verpackt

Während die Kinder im Affenhaus von Glasscheibe­ zu Glasscheibe rennen, studiert unsere Beispiel-Mutter doch die Steckbriefe der Tiere: Geburtsdaten, Namen, Herkunft und viel Text über die bedrohten Arten und die Zerstörung des Regenwaldes. Zu viel, vor allem für Kinder. "Niemand kann alles lesen, was wir ­Zoopädagogen dort schreiben. Aber es wird immer mehr versucht, Informationen interessanter zu verpacken und anschaulicher zu vermitteln", sagt ­Philips. So gibt es Angebote speziell für Kinder, ­etwa Fühl- oder Hör-Stationen. Philips hat als Pädagoge im Kölner Zoo viel Wert darauf gelegt, zu vermitteln, wie Tiere wirklich sind. "In Fernseh-Dokumentationen ist immer reichlich ­Action. Dass Löwen zum Beispiel 20 Stunden am Tag schlafen, lernen Kinder dort nicht, bei uns schon."

In einer ansprechenden Zoopädagogik – auch Führungen und Kindergarten-Nachmittage zählen dazu – sieht auch Schmitz einen wichtigen Teil der Bildungsarbeit, die Zoos leisten sollten. "Von solchen Angeboten kann man wirklich etwas mitnehmen. Shows, etwa mit Delfinen, sind reine Unterhaltung, vom Tierschutzaspekt ganz zu schweigen."

Tierschutz oder Unterhaltung? Große Unterschiede vorhanden

Über Tier-, Arten- und Naturschutz denkt ­unsere Familie bei ihrem Besuch kaum nach. Obwohl viele Zoos bemüht sind, auch diese Felder ihrer ­Arbeit den Besuchern nahezubringen. "Das Problem ist, dass der Begriff Zoo nicht geschützt ist. Theo­retisch kann jeder ein paar Tiere ausstellen und ­dies Zoo nennen, ohne sich an die strengen Richt­linien der großen Organisationen halten zu müssen", sagt Philips. Tierschutzgesetz, Säugetier-Gutachten und weitere Regelungen setzen – der Meinung ist Schmitz – zu geringe Standards für ­eine tiergerechte Haltung. Philips wünscht sich, dass die Zoos die Standards übertreffen. Ob die Zoos genug für die bedrohten Lebensräume der Tiere tun und wie viele Auswilderungen wirklich möglich sind, ist nach wie vor ein großer Streitpunkt unter Zoo- und Tierschutz-Experten.

Am besten geht man vorbereitet in den Zoo: mit den Kindern überlegen, welche Tiere sie sehen möchten, schon vorher etwas über sie lesen. "Es kann spannend sein, sich Fragen zu überlegen und die Antworten im Zoo zu suchen", sagt Schmitz und schlägt ein ­äußerst beliebtes Kinderthema vor: Ausscheidungen suchen und vergleichen. Sie und Philips haben vor allem eine Bitte: "Nicht versuchen, den ganzen Zoo abzuklappern, sondern sich für ein­zelne Gehege viel Zeit nehmen und die Tiere dort in Ruhe beobachten."



Bildnachweis: plainpicture GmbH & Co KG/Ulf Philipowski
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