Kindern Geschichten erzählen: So geht's

Kinder lieben Geschichten – und die Nähe von Mama und Papa. Warum nicht beides kombinieren? Mit unseren Profitipps wird das Erzählen zum Kinderspiel

von Annett Zündorf, aktualisiert am 08.03.2016

Quatsch-Geschichten von den Eltern: Das macht Kinder glücklich

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Die Zahnbürste gähnt: "Mir ist sooo langweilig." Der Kamm blinzelt ihr zu und nickt. "Lass uns abhauen", sagt er und zeigt mit seinen Zinken zur Toilette. Das Becken ist offen. Schon hechtet er mit einem kühnen Sprung ins Wasser. Die Zahnbürste fasst sich ein Herz und springt hinterher. Sie tauchen durch einen dunklen Tunnel ...

Für Eltern stellt es oft eine Herausforderung dar, wenn der Nachwuchs bittet: "Erzähl mir eine Geschichte!" Viele Mütter und Väter sind keine großen Erzähler. Das muss man auch nicht sein. "Kinder freuen sich, wenn eine schöne Geschichte herauskommt. Aber sie verzeihen auch, wenn sie nur vor sich hin plätschert", sagt Brigitte Endres. Die Kinderbuchautorin steckt voller Geschichten und hat viele Tipps für Erfinder-Neulinge.


Brigitte Endres ist Autorin von an die 60 Kinder- und Jugendbüchern sowie unzähligen Radiobeiträgen. Sie lebt in Fuldatal

W&B/Privat

Schritt 1: Die Figuren

Schaffen Sie eine Hauptfigur: Die Oma, als sie ein kleines Mädchen war, Kamm und Zahnbürste, ein Hund, eine Möhre, ein Ritter ... Erlaubt ist, was einem in den Sinn kommt und dem Kind gefällt. Schön, wenn die Charaktere lustige Namen bekommen. Ob Hühnchen Hinkebein und Herr Kohlkopf, Petronelle und Pippilotta – "Solche klangvollen Namen wirken anheimelnd", sagt Endres. "Aber noch schöner ist es, das Kind mit einzubeziehen." Gerade Kleine mögen Geschichten, in denen sie oder ihr Plüschtier mitspielen.

Der Name alleine reicht jedoch nicht. Von mutigen Rittern und vorlauten Prinzessinnen lesen die Kinder in vielen Büchern. Denken Sie sich ein paar andere Eigenschaften aus. Das Kind, das sich nie zu Freunden traut, geht ausgestattet mit einem unsichtbar machenden Mantel auf den Spielplatz. Dem kleinen Löwen, der sonst immer am Fußende des Bettes sitzt, wächst ein Propeller, mit dem er durchs Zimmer sausen kann.

Schritt 2: Die Umgebung

Ein überdimensionaler Kürbis als Ritterburg mit Geheimgängen, ein federleichtes Schloss auf den Wolken oder die erste Seite eines Buches als Tor ins Märchenland: Die Welt ist groß, die Geschichtenwelt unendlich. Ein paar spezielle Dinge zaubern Magie in die Geschichte. Das kann der Ballon an der Zimmerdecke sein, mit dem man nach einem Zauberspruch herumreisen kann. Gern hören Kinder von sprechenden Tieren oder von Blumen oder Gegenständen, mit denen sich etwas Tolles anfangen lässt, wie einer Tarnkappe, einem Zauberstab oder einem Kaugummi, in dessen Blase die reale Welt verschwindet.

Die ganz Kleinen können noch nicht zwischen Realität und Erfundenem unterscheiden. Sie mögen am liebsten Geschichten, die in ihrer Umgebung spielen. Erst mit etwa vier Jahren tauchen Kinder gern in Fantasiewelten ein, und dann sind Schlösser, Burgen und Piratenschiffe spannende Orte.

Schritt 3: Die Handlung

Eine schüchterne Möhre wird zur guten Herrscherin des Gartens, während die blöde Bohne abserviert wird. Klein Leo fliegt heute mit den Flügeln, die er mit dem Schmetterling gegen sein Müllauto getauscht hat. Wer eine Geschichte erzählen will, muss einfach anfangen. "Frei flottierenden Unsinn" nennt Endres das. Und Kinder finden es wunderbar! Beschreiben Sie, wie es in der fantastischen Welt aussieht, wie es riecht und klingt, welche Kinder und Tiere auf der Straße hüpfen oder durch die Luft sausen. Keine Angst vor Details, das Gesicht des Kindes zeigt, wann es langweilig wird. Noch besser wird es, wenn Sie dazu Geräusche machen oder mit den Armen die Größe zeigen. Sie kommen nicht weiter? Dann fragen Sie Ihren Zuhörer, was passiert. Für eine längere Geschichte können Sie die Hauptfigur auf eine Reise schicken, bei der sie Aufgaben erledigen muss oder ein Gegenspieler auftritt. Das kann eine Hexe sein oder das blöde Kind, das sonst immer alle ärgert.

Natürlich muss man das Geschehen auch an das Alter der Kinder anpassen. "Grundschüler kann man mit dem Wort ‚Unterhose‘ und einer Geschichte über eine verloren gegangene Unterhose in Lachkrämpfe versetzen", sagt Endres. Kleinere Kinder nehmen alles Wort für Wort und verstehen Humor nicht.

Schritt 4: Das Ende

Wichtig: "Die Geschichte sollte immer gut ausgehen", sagt Endres. Dabei muss das Ende nicht dramatisch sein. Die Hauptfigur kann einfach nach Hause zurückkehren, oder zwei Streithähne einigen sich.

Wer sich anfangs schwertut mit dem Erzählen, kann sich Hilfsmittel suchen wie Geschichtenwürfel, die Kombinationen von Symbolen oder Aktionen bieten. Oder man lässt sich vom Kind fünf Dinge nennen, die dann in der Geschichte vorkommen. Man muss auch nicht jedes Mal alles neu erfinden. Figuren und Welten dürfen weiter bestehen, bis die kleinen Zuhörer sie langweilig finden. Oder bis Kamm und Zahnbürste wieder glücklich im Bad gelandet sind.



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