Fahrradfahren: So lernt Ihr Kind es richtig

Es ist ein Meilenstein auf dem Weg zum Großwerden: das erste Fahrrad. Wie Sie Ihrem Kind das Radfahren beibringen und worauf Sie beim Kauf eines Fahrrads achten sollten, erfahren Sie hier
von Sandra Schmid, 27.03.2012

Anfangs muss Mama noch festhalten, aber schon bald radelt das Kleine alleine

Mauritius/Maskot

Die Meisten erinnern sich noch genau an die ersten paar Meter, die sie als Kind mit dem Fahrrad gemeistert haben: Papa rannte anfangs noch im Dauerlauf und mit der Hand am Gepäckträger nebenher. Irgendwann hat er dann einfach losgelassen. Dass man ohne Hilfe fuhr, merkte man erst, als er von Weitem rief "Super, du fährst ganz alleine!". Die Angelegenheit war noch wackelig. Aber jeder wusste sofort: Das ist die neue Unabhängigkeit!

Ab drei können Kinder Radfahren lernen

In welchem Alter Kinder das Fahrradfahren lernen, ist ganz unterschiedlich. Manche drängen schon mit drei Jahren auf den Drahtesel, andere sind erst zum Schulbeginn so weit. "Eine bestimmte Altersvoraussetzung gibt es nicht. Das kommt ganz auf das Kind an", sagt Dr. Achim Schmidt von der Deutschen Sporthochschule Köln und Mitinitiator des Projektes RADschlag.

Wichtig ist aber: Zwischen Fahrradfahren und dem sicheren Bewegen im Straßenverkehr liegen Welten. "Kinder sind motorisch durchaus in der Lage, mit drei Jahren das Fahrradfahren zu erlernen. Aber damit ist es ja nicht getan", so Schmidt. Problematisch wird oftmals die Zeit nach den ersten erfolgreichen Tretversuchen. Soll heißen: Die Kleinen sind dann noch nicht in der Lage, alltägliche oder gar gefährliche Situationen im Verkehr richtig einzuschätzen.

Aufmerksamkeit: Kleine Kinder haben oft noch Probleme

Hannelore Herlan, Pressesprecherin der Deutschen Verkehrswacht, erklärt, warum das so ist: "Kinder im Kindergartenalter sind meist noch etwas überfordert mit den Parallelhandlungen, die für das Fahrradfahren benötigt werden." Es gehe ja nicht nur darum, dass ein Kind in die Pedale treten kann. Es muss auch lenken, bremsen und seine Aufmerksamkeit der Umgebung widmen können.

Vor allem mit letzterem haben kleine Kinder oft Probleme. Wer schon einmal mit seinem Vierjährigen auf dem Fahrrad an einem jungen Hund vorbei kam, weiß, was gemeint ist. Da bleibt der Kinderblick ganz automatisch an dem Welpen hängen. "In solchen Fällen kann jeder Laternenmast zur ernsthaften Unfallgefahr werden," sagt Schmidt.

Vorbereitung: Laufrad empfohlen, Stützräder problematisch

Für umso wichtiger halten es Schmidt und Herlan, dass Kinder schon früh Erfahrungen auf zwei Rädern machen. Sie empfehlen dafür das Laufrad oder den Roller. Diese Fortbewegungsmittel schulen das Körper- und das Gleichgewichtsgefühl. "Laufräder und Roller sind im Kindergartenalter eine fabelhafte Heranführung an das Radfahren," sagt Herlan. Kindern, die Übung auf dem Laufrad haben, fällt das Fahrradfahren im Anschluss meist leichter.

Das Fahren mit Stützrädern verlangsamt nach Ansicht der Experten den Lernprozess stattdessen enorm. "Wir halten Stützräder für hochproblematisch," so Herlan "Sie vermitteln dem Kind ein statisches Gleichgewichtsgefühl." Das suggeriert dem Kind ein Können, das es nicht hat. Montieren die Eltern die Stützräder dann ab, ist der Frust bei den Kleinen umso größer.

Eltern sollten behutsam motivieren

Wie viel Spaß ein Kind am Fahrradfahren entwickelt, hängt unter anderem auch damit zusammen, wie engagiert die Eltern die ersten Tretversuche begleiten. Dabei ist es aber wichtig, darauf zu hören, was das Kind will und wozu es bereit ist. Möchte es gerne Radfahren können, traut sich aber noch nicht so recht, sollten es die Eltern behutsam bestärken. Ansonsten gilt: Das Kleine nicht drängeln.

Achim Schmidt kennt das aus eigener Erfahrung: Sein Patenkind liebte zwar sein Laufrad, fand aber partout kein Gefallen am neuen Fahrrad. "Dann haben wir es einfach noch einmal weggeräumt. Als wir es nach einem halben Jahr wieder versucht haben, war der Spaß am Radfahren plötzlich da," sagt Schmidt.

Geduld und die richtigen Übungen helfen

Eltern sollten also vor allem eines haben: Geduld. Am Anfang erleichtert es dem Kind das Fahren natürlich, wenn Mama oder Papa mit der Hand am Gepäckträger nebenher läuft oder beim Auf- und Absteigen behilflich ist. Trotzdem wird es zu Beginn zu unkontrollierten Wackelpartien oder sogar zu kleinen Stürzen kommen. Das ist manchmal frustrierend für das Kind: Es will unbedingt Rad fahren, aber es funktioniert noch nicht so recht. Umso wichtiger ist in solchen Situationen, dass es die Eltern mit Zusprüchen wie "Das ist doch toll, dass du dich schon ein bisschen auf dem Rad halten kannst. Wenn du möchtest, versuchen wir es morgen noch einmal!" ermuntern.

Wenn das Kind gut fahren, bremsen, lenken sowie auf- und absteigen kann, geht es daran, seine Verkehrssicherheit zu stärken. "Erwachsene sollten mit den Kindern alle Unwägbarkeiten üben", sagt Schmidt. "Das schult die aktive Teilnahme am Straßenverkehr und die Kleinen entwickeln schneller ein sicheres Fahrgefühl."

Diese Übungen empfiehlt der Sportwissenschaftler:

  • einen Parcours aus PET-Flaschen aufstellen und die Kleinen Kurven oder eine Acht fahren lassen
  • Sanfte Unebenheiten auf dem Boden konstruieren, zum Beispiel aus Pappe, kleinen Stöcken oder dünnen Holzbrettern, und das Kind darüber fahren lassen (Achtung: Auf keinen Fall wackelige Konstuktionen anfertigen! Es muss problemlos möglich sein, darüber zu fahren)
  • die Kinder beim Fahren ruhig einmal experimentieren lassen: Wie fühlt es sich an, wenn ich nur mit einer Hand fahre? Oder im Stehen? (Vorsicht: Das Kind auf keinen Fall überfordern!)

Vor allem in Großstädten gibt es nicht immer eine passende Übungsfläche in der Nähe. Familien, die nicht über eine ausreichend große, ebene und asphaltierte Einfahrt verfügen, können sich zum Beispiel in Parks nach flachen, asphaltierten Abschnitten umsehen. Auch gut überschaubare Spielstraßen sind ideal zum Üben.

Auf die richtige Ausrüstung achten

Bevor es mit dem Fahrradfahren los gehen kann, braucht das Kind ein geeignetes Rad. Das sollten Eltern beim Kauf und beim Einstellen des Fahrrads beachten:

  • Die richtige Sattelhöhe: Der Sattel sollte so eingestellt sein, dass das Kind den Boden mit beiden Füßen gut erreichen kann, wenn es darauf sitzt.
  • Die richtige Lenkereinstellung: Der Lenker sollte so hoch eingestellt sein, dass das Kind möglichst aufrecht auf dem Rad sitzt. Es sollte bequem den Lenker und die Bremsgriffe erreichen können. Am besten ist es, wenn es die Ellenbogen noch leicht abwinkeln kann.
  • Die gesetzlichen Vorschriften: Die Straßenverkehrzulassungsordnung (StVZO) schreibt eine verkehrssichere Ausstattung, auch für Kinderräder vor. Dazu gehören zwei voneinander unabhängig funktionierende Bremsen, entsprechende Lichter und Reflektoren, zum Beispiel eine dynamobetriebene Leuchte vorne, eine Schlussleuchte, Rückstrahler an Pedalen und Speichen, sowie eine Glocke. Daneben empfiehlt die Deutsche Verkehrswacht einen geschlossenen Kettenschutz, Sicherheitsgriffe und einen Aufprallschutz am Lenker.
  • Der passende Fahrradhelm: Der Fahrradhelm sollte den Hinterkopf, die Stirn und die Schläfen bedecken. Verstellbare Riemen sind wichtig – schließlich sollte der Helm fest sitzen, aber nicht unangenehm drücken. Wichtig bei der Wahl: Der Helm sollte die Prüfung gemäß EN 1078 bestanden haben. Das ist erkennbar am CE-Siegel. Gesetzlich vorgeschrieben ist das Tragen eines Radhelmes nicht. "Eltern sollten aber mit gutem Beispiel vorangehen und ebenfalls einen Helm tragen", sagt Hannelore Herlan.

Fußweg oder Straße?

Bis zu einem Alter von acht Jahren müssen Kinder mit dem Rad auf dem Gehweg fahren. Die Ausnahme: Nur, wenn es keinen Bürgersteig gibt, wie es in ländlichen Gebieten bisweilen der Fall ist, dürfen sie auf der Straße fahren. Im Alter von acht und neun Jahren können die Eltern entscheiden, ob ihr Kind auf dem Gehweg oder auf der Fahrbahn beziehungsweise dem Radweg fahren soll. Erst ab zehn Jahren müssen Kinder Straße oder Radweg benutzen.


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