Wie laut dürfen Kinder sein?

Wenn Nachbarn sich über Kinderlärm beschweren, ist Streit programmiert. Wie laut darf der Nachwuchs sein? Und wie sollen Eltern reagieren?
von Julia Schulters, aktualisiert am 04.11.2016

Kindgerechter Lärm ist erlaubt - aber Eltern sollten dennoch Rücksicht nehmen

Thinkstock/iStockphoto

Es gab Ärger. Mal wieder. Wie schon so oft in letzter Zeit. Der Nachbar von nebenan hatte sich schon zum dritten Mal über den Bobbycar-Lärm im Innenhof beschwert, und die Mieterin aus dem Dachgeschoss wünschte sich "wenigstens in den Mittagsstunden kein schreckliches Kindergebrüll mehr". Am Ende lagen die Nerven blank. Man sprach nicht mehr miteinander, das Treppenhaus wurde zum nachbarschaftlichen Kriegsgebiet erklärt, Beschwerdeschreiben von Anwälten trudelten ein, und die Familie sah nur noch einen Ausweg: sich eine neue Wohnung zu suchen.

"Leider eskalieren viele Nachbarschaftskonflikte genau nach diesem Schema", sagt Jana Frädrich, Kinderbeauftragte der Stadt München. Rund die Hälfte aller Anfragen, die sie und ihre Kollegen bekommen, haben mit dem Thema "Kinderlärm" zu tun. Eine anhaltend hohe Rate mit besorgniserregender Entwicklung. "Uns erreichen immer häufiger Meldungen darüber, dass in vielen Nachbarschaften zum Teil richtig gemobbt wird, weil Menschen sich durch Kinder gestört fühlen", sagt sie.

Beschwerden häufen sich

Auch Claus Deese, Geschäftsführer beim Mieterschutzbund, stellt fest, dass sich die Beschwerden häufen. Auffällig oft kommen sie aus Regionen mit einem niedrigen Familienanteil und hohen Mieten. "Wer viel Geld für seine Wohnung bezahlt, sieht es offensichtlich nicht ein, auch noch Kinderlärm zu dulden", sagt er. Im Sommer ist es der Lärm im Innenhof, im Winter fühlen sich Menschen durch Kindergeschrei in der Wohnung gestört. Deese wundert das nicht: "60 Prozent ­aller Wohnungen in Deutschland sind so gebaut, dass sie Lärm leicht durchlassen." Dennoch sei Kindergeschrei im mietrechtlichen Sinne kein Lärm. "Wenn Kinder in den Wohnungen ihrer Eltern weinen, spielen oder lachen, dann ist das ganz normales kindgerechtes Verhalten", erklärt der Jurist.

Jana Frädrich ist die Kinderbeauftragte der Stadt München

W&B/Privat

Eltern sollten ruhig bleiben

Aber was tun, wenn der erboste Nachbar sich über den Nachwuchs beschwert? "Ruhig bleiben", empfiehlt Jana Frädrich. Sie rät Eltern – auch wenn’s schwerfällt –, den Nachbarn freundlich hereinzubitten und die Gastgeberrolle zu wahren. "Bei einer Tasse Kaffee redet es sich oft leichter", ist sie überzeugt. Man könne sich dann in ruhiger Atmosphäre anhören, was der Nachbar zu sagen hat, und die eigene Sichtweise erklären. Ein Kompromiss kann zum Beispiel so aussehen: "Man macht freundlich deutlich, dass man Kinder nicht ruhigstellen kann, aber in Zukunft wenigstens in der Mittagspause auf ein bisschen Ruhe achten wird", sagt Deese. Manchmal könne ein Gespräch schon die Lösung sein.

Oft reicht das aber nicht. "Die Situation eskaliert manchmal bereits, bevor es überhaupt zu einem kons­truktiven Gespräch kommt", so Frädrich. Dann ist es sinnvoll, sich an den Kinderbeauftragten der Stadt oder einen anderen Ansprechpartner im örtlichen Rathaus zu wenden. "Sie können Eltern bei Problemen gut beraten", sagt Frädrich. Auf der Internetseite der Kinderbeauftragten in München gibt es eine Loseblattsammlung, die Eltern und Nachbarn Tipps für den Umgang miteinander gibt. Außerdem findet man hier allgemeine Infos zur Rechtsprechung. Familien können dies kostenlos im Internet herunterladen.

Gesetz meist auf Seite der Familien

Manchmal hilft es bei einem Nachbarschaftsstreit auch, einen Mediator oder Schlichter einzuschalten, der zwischen den Parteien vermittelt. Eine dritte Person sorgt dafür, dass auf einer sachlicheren Ebene diskutiert wird. Wer in einem Mieterverein wie dem Mieterschutzbund Mitglied ist, kann sich auch dort informieren. Manche Vereine schicken im Namen ihrer Mieter Briefe an die Nachbarn und klären über die ­Rechtslage auf. Und die ist in vielen Fällen auf der Seite der Familien. "Wenn es tatsächlich zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung gekommen ist, haben die Richter fast immer im Sinne der Kinder entschieden", sagt Deese. So wurde etwa die Klage ­einer Nachbarin zurückgewiesen, die sich über ein Kind aufgeregt hatte, das morgens im Treppenhaus laut quietschte und lachte. "Natürliche Lebensäußerungen" von Kindern seien hinzunehmen, urteilten die Richter. Auch die Beschwerde mancher Nachbarn, dass fremde Kinder nicht im Innenhof spielen dürften, ist nicht rechtens. Kinder dürfen wie Erwachsene Gäste einladen.

Rücksicht nehmen muss sein

Claus Deese mahnt trotzdem zur gegenseitigen Rücksichtnahme. "Wenn ein Kind jeden Abend vom Schrank springt, ist das sicher kein kindgerechtes Verhalten mehr", sagt er. Außerdem rät er Müttern und Vätern, in der Mittagszeit darauf zu achten, dass der Nachwuchs nicht die lautesten Spielgeräte im Innenhof benutzt. Wenn dennoch einmal das Anwaltsschreiben im Briefkasten steckt, empfiehlt Frädrich, sich rechtlich gut beraten zu lassen. Auch Beschwerden, die von der Hausverwaltung kommen, sollte man ernst nehmen. In beiden Fällen gilt aber: einen kühlen Kopf bewahren und noch einmal versuchen, das Gespräch mit dem Nachbarn zu suchen. Frädrich: "Alles ist besser als ein Gerichtsprozess, für alle Betei­ligten."


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