Wie erziehe ich richtig?

Wie werden Kinder glückliche, selbstständige Menschen? Eltern brauchen mehr Mut zu weniger Erziehung, sagen Experten. Was sie damit meinen
von Barbara Weichs, aktualisiert am 12.06.2017

Entspannt erziehen: Das klappt – mit viel Liebe und klaren Regeln

Banana Stock/ RYF

Wann haben Sie das ­letzte Mal an sich als Mutter oder Vater gezweifelt? Wahrscheinlich ist das noch gar nicht so lange her. Vielleicht erst gestern, weil Sie die Zweijährige mal wieder erst am Spätnachmittag aus der Kita abholen konnten? Oder kürzlich, als Sie dem Sohn statt gesunder Apfel­­schnitze Schokokekse gegeben ­haben, damit er nicht wieder ­einen seiner legendären Trotz­anfälle bekommt? Oder letzte Woche, als sie von Freunden gehört haben, dass nun alle ins Eltern-Kind-Turnen gehen, während Sie das Thema für sich abgehakt hatten?

Genug Zeit zum Spielen, ausreichend Liebe und Fürsorge – all das wollen wir unseren Kindern schenken. Wir möchten sie bestmöglich fördern, damit sie sich bestmöglich entwickeln. Eben perfekte Eltern sein. Mit weniger geben wir uns nicht zufrieden. Doch warum setzen wir uns selbst so unter Druck? Denn wenn wir mal ehrlich sind: Perfekt sein zu müssen ist anstrengend. Ob es gelingt, nicht sicher. Und ist es überhaupt das, was unsere Kinder brauchen?

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch leitet die Erziehungs­be­ratung der Kathol­­ischen Ju­gend­fürsorge in Regensburg

/F. Braunmiller

Steigende Erwartungen, weniger Orientierung

"Größer, weiter, schneller." So ­beginnt Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Leiter der Erziehungsberatung der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg, seine Erklärung. Das sind die Maß­stäbe, die wir in unserer Gesellschaft mit Erfolg verknüpfen. "Ob in der Schule, im Beruf oder im Sport: Wir sollen und wollen die Dinge gut machen – und übertragen das auch auf das Elternsein", sagt der psychologische Psychotherapeut.

Dazu kommt: Erziehung wurde in den vergangenen Jahrzehnten ­immer mehr ausschließlich der Familie übertragen. Verschiedenste Erziehungsstile wurden als die richtigen propagiert und wieder verworfen – mit dem Ergebnis, dass Eltern ein verlässliches Modell fehlt, an dem sie sich orien­­tieren können. Gleichzeitig stiegen die Erwartungen an ein Kind, zum Beispiel daran, was es alles können soll, wenn es eingeschult wird. "In diesem Spannungsfeld ist auch ­eine Ratgeberkultur angewachsen, die sich immer weiter ausdehnt", erklärt Kerstin Ruckdeschel, Diplom-Soziologin am Bundesins­titut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden. ­Eltern werden mit guten Tipps zu allen Lebens­lagen überhäuft. "Das erzeugt ­einen Druck, dem sich ­Eltern nur schwer entziehen können."

Kerstin Ruckdeschel ist Diplom-Soziologin und arbeitet am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden

W&B/Privat

Ein Kind sehen viele als riesiges Projekt

Wie groß dieser tatsächlich ist, zeigte vor zwei Jahren eine Studie des BiB zum Thema Elternschaft: Befragt wurden dafür 5000 Frauen und Männer zwischen 20 und 39 Jahren, die über drei ­Jahre hinweg immer wieder kontaktiert wurden. 90 Prozent können sich demnach generell vorstellen, ­­eine Familie zu gründen oder haben ­dies bereits getan. 84 Prozent der Befragten sind aber auch der Meinung, dass man bei der Erziehung viel falsch machen kann.

Ein Viertel glaubt, dass Eltern ­ihre Bedürfnisse komplett denen der Kinder unterordnen sollten. Auch meinen viele, erst einige Voraussetzungen schaffen zu müssen, bevor sie sich überhaupt auf das "Wagnis" Kind einlassen: ­Beide Partner sollten im Beruf gefes­tigt und materiell abgesichert, die Partnerschaft stabil sein. "Ein Kind zu bekommen und ­Eltern zu werden ist immer mehr zu einem Projekt geworden", so Ruckdeschel.

Michaela Dörffling ist Diplom-Psychologin in München

W&B/Privat

Kein Wunder, dass Eltern das Gefühl haben, ­alles tun zu müssen, um dieses Projekt nicht zu gefährden. Gute ­Eltern zu sein ist dabei das Mindeste. Was das für viele heißt, zeigt die BiB-Studie ebenfalls: Beide Partner möchten viel Zeit mit dem Kind verbringen, aber auch im Beruf erfolgreich sein. Väter wollen immer noch die Familie ernähren, gleichzeitig jedoch in der Familie präsenter sein. Müttern ist finanzielle Unabhängigkeit wichtig, sie möchten dem Nachwuchs aber auch bei den Hausaufgaben helfen. "Hier zeigt sich ein Widerspruch, der das Überforderungspotenzial deutlich macht", erklärt die Wissenschaftlerin.

Eltern müssen Ansprüche herunterfahren

Die Lösung? Die Ansprüche herunterschrauben, sagen beide Experten. Klingt simpel, fällt oft aber schwer. Und doch: Häufig passiert genau das mit dem Schritt in die Elternschaft von selbst, wenn ­Eltern die Kluft zwischen Realität und ihren Vorstellungen unmittel­bar erleben, wie Kerstin Ruck­deschel feststellte.

Es hilft, sich eines immer wieder bewusst zu machen: "Eltern sind per se die perfekten ­Eltern für ihr Kind. Das sollte sich jede Mutter und jeder Vater ganz selbstbewusst sagen", erklärt Hermann Scheuerer-Englisch. Wir ­­alle tragen die Kompetenz dazu in uns. So dürfen wir darauf ver­trauen, dass sich alles Weitere entwickelt, wenn wir unseren Kindern offen und gelassen begegnen, uns ihnen zuwenden und ihnen Geborgenheit schenken. Learning by doing – das gilt auch fürs Elternsein. Von der ersten Minute an werden wir mit dem Kind zu den Eltern, die es braucht. "So sind wir gewappnet für das größte Abenteuer des Lebens", sagt Hermann Scheuerer-Englisch.

Experten plädieren für Mut zu weniger Erziehung

"Ein Grashalm wächst nicht schneller, nur weil man an ihm zieht. Mit diesem Beispiel antwortet Michaela Dörffling, Diplom-Psychologin in München und Mutter von zwei Söhnen, auf die Frage, was Erziehung mit Kindern macht. "Kinder entwickeln sich nicht schneller oder gar besser, wenn Eltern ständig an ihnen herumerziehen", sagt die Expertin.

Im Alltag passiert es schnell, dass man sein Kind permanent ermahnt oder sein Verhalten kritisiert. Nur kommt bei ihm damit vor allem ein Signal an: Ich bin falsch. Dabei brauchen die Kleinen insbesondere eins: das Vertrauen ihrer Eltern. "Kinder kommen mit einem inneren Bauplan zur Welt", sagt Michaela Dörffling. "Wir sollten darauf vertrauen, dass sie sich zu prächtigen Menschen entwickeln, wenn wir ihnen die Bedingungen schaffen, die sie dafür brauchen." Und das ist gar nicht so schwierig. Wenn Mütter und Väter die folgenden Punkte beachten, haben sie schon viel erreicht – für starke Eltern und starke Kinder.

  • Bedingungslos lieben

Unsere Kinder zeigen uns eigentlich, wie es geht: Wenn sie zur Welt kommen, lieben und vertrauen sie uns Eltern blind. Und genau das brauchen sie auch von uns. "Die Selbstverständlichkeit der Liebe, angenommen zu werden, so wie es ist, das gibt einem Kind am meisten Halt", sagt Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, psychologischer Psychotherapeut und Erziehungsberater aus Regensburg. Es erlebt, dass es ­etwas wert ist, ­ohne dafür etwas leisten zu müssen. Das ­stärkt das Selbstwert­gefühl wie nichts anderes. Es bedeutet nicht, dem Kind jeden Wunsch zu erfüllen und sich selbst aufzugeben. Vielmehr sollte man sich selbst und den Partner in ­diese Liebe ­ohne Wenn und Aber einbeziehen!

  • Zeit haben

Zeit ist das, was Familien heutzutage am meisten fehlt. Oft arbeiten beide Elternteile, das Kind ist lange in Betreuung. Ein Dilemma, das sich kaum auflösen lässt. Viele ­Eltern plagt permanent das schlechte Gewissen. Sie können es aber getrost beiseitelassen. Denn: "Kinder spüren, dass ihre Eltern unter Druck stehen, und fühlen sich dann selbst nicht wohl", sagt Michaela Dörffling. Am besten versuchen Mütter und Väter, mit ihrer Situa­tion ins Reine zu kommen und das Zeit-Dilemma, wo es sich nicht ändern lässt, zu akzeptieren. Das gibt Gelassenheit. Tipp der Expertin: sich auch bei der Familien­zeit nicht stressen. Es muss nicht immer Programm geben. "Haben Sie gemeinsam einfach mal Langeweile und ­schauen Sie, was sich daraus entwickelt", rät die Psychologin. Und es ist wichtig, sich für sich und als Paar Zeit zu nehmen. Auch den Kleinen tut es gut, nicht ­immer im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. 

  • Liebevoll führen

Eltern sagen, wo es langgeht. Sie stellen die Regeln auf und setzen Grenzen. "Das Verhältnis ist hier­archisch, aber trotzdem ­liebe- und respektvoll", erklärt Hermann Scheuerer-Englisch. Kinder wollen sich auf ihre Eltern verlassen können, sie brauchen Halt, Orien­tierung und Sicherheit. Wichtig dabei: sich nicht vor Konflikten scheuen! "Bei allem Respekt vor dem Kind und seiner Persönlichkeit sollten Eltern einfordern, dass sich das Kind an aufgestellte Regeln hält", so ­Scheuerer-Englisch. Und es aushalten, wenn das Kleine mit Wut reagiert und die Mama zum Beispiel als blöd beschimpft.

Michaela Dörffling rät, sich genau zu überlegen, welche Regeln man aufstellt, nach dem Motto: Weniger ist mehr. Und: Ist mir etwas wirklich wichtig oder will ich es, weil "man" oder vielleicht die Oma das so will? "Es ist um vieles anstrengender, Dinge durchzusetzen, die einem eigentlich nicht wichtig sind." Überhaupt kein Problem ist es übrigens, sich von Regeln wieder zu verabschieden, wenn man merkt, dass sie nicht mehr passen. "Kinder lernen dabei zwei ­Dinge: 1. Meine Eltern wissen, was sie tun. 2. Ich kann etwas ausprobieren und es dann ändern." ­

Mama und Papa sollten außerdem grundlegende Regeln gemeinsam tragen, zum Beispiel wann es abends ins Bett geht. Bei weniger wichtigen Bereichen dürfen sie aber auch unterschiedliche haben. "Kinder können das sehr gut auseinanderhalten, ohne verwirrt zu sein", so Erziehungsberater Hermann Scheuerer-Englisch.

  • Nein sagen

Klar: "Nein" zu sagen kann anstrengend sein, weil es oft den Protest des Kindes nach sich zieht. "Es ist aber wichtig, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse im Blick haben, dem Kind gegenüber ehrlich sind und seinen eventuellen Frust aushalten", sagt Michaela Dörffling. Sie sind müde und haben keinen Nerv, dem Dreijährigen ein Buch vorzulesen? "Dann erkären Sie ihm in ruhigem Ton, warum Sie es nicht tun. Sie könnten ihm ja anbieten, dass er sich stattdessen ein Hörbuch anhört", rät die Expertin. So wird das "Nein" zur liebevollen Antwort – und Sie selbst haben sich nicht zu etwas hinreißen lassen, was Sie im Moment nicht bereit sind zu leisten.

Manchmal gibt es auch Fragen, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man sie bejahen oder verneinen möchte, zum Beispiel, ob der beste Freund am Wochenende übernachten darf. "Dann sollten Sie das genauso kommunizieren – und die Antwort später geben", sagt Michaela Dörffling. Umgekehrt dürfen auch Kinder "Nein" sagen. Können Sie das "Nein" einmal nicht akzeptieren: Reden Sie miteinander, und suchen Sie gemeinsam nach einer Lösung. So erfährt das Kind, dass seine Meinung zählt und es nicht einfach nur zu funktionieren hat.

  • Vorbild sein

Kinder lernen aus dem, was sie in ihrem Alltag erleben. Sie nehmen wahr, dass Mama und Papa die Nachbarn freundlich grüßen, oder erst zu essen beginnen, wenn alle am Tisch sitzen. "Wenn wir unsere persönlichen Maßstäbe und Überzeugungen vorleben, bekommen Kinder mit, was uns wichtig ist", sagt Scheuerer-Englisch. Viel davon passiert unbewusst. Natürlich ist es sinnvoll, manche ­Dinge anzusprechen und zu erklären. Aber am besten geschieht auch dies nebenbei, dann nehmen die Kleinen es bereitwilliger auf. "In erster ­Linie sind wir Mensch und nicht Erziehender", sagt Dörffling. Eigentlich selbstverständlich, dass man dabei Fehler machen darf. Auch das gucken sich Kinder ab und gehen entspannter durchs Leben.


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