Zweisprachig erziehen: Wie funktioniert das?

Sprechen Mutter und Vater verschiedene Sprachen, wachsen ihre Kinder häufig zweisprachig auf. Was die Eltern im Alltag beachten sollten

von Sabine Hoffmann, 06.01.2017

Wie sagt der Papa dazu? Bilinguale Kinder sind oft in zwei Kulturen zu Hause

iStock / Pixdeluxe

Sie kommt aus München und er aus London oder Madrid, oder umgekehrt: Stammen die Eltern aus verschiedenen Ländern, liegt es nahe, dass die Kinder von Beginn an zwei oder mehr Sprachen lernen. Doch wie machen Eltern das am besten?

Kinder profitieren von Zweisprachigkeit

"Während es für uns Erwachsene oft ein gro­ßer Aufwand ist, lernen Kinder die Sprache ohne bewusste Anstrengung", sagt Dr. Anja Leist-Villis, Erziehungswissen­­schaftlerin und Expertin für Zweisprachigkeit von der Universität Hamburg. "Auch kognitiv können die Kinder stark davon profitieren, denn sie lernen von Beginn an, zwischen zwei Systemen hin und her zu switchen und entwickeln früh ein ausgeprägtes Sprachbewusstsein." Dies sollten Eltern jedoch beachten:

So klappt zweisprachiges Erziehen

Am besten reden sie mit dem Kind durchgängig in ihrer jeweiligen Muttersprache. Dann kann das Kind ­diese dem jeweiligen Elternteil zuordnen. Kleiner Haken: Das funktioniert nur, wenn beide die Muttersprache des jeweils anderen verstehen. Übersetzt die Mutter ­etwa immer ­alles noch mal für den Vater, werden sich die Kinder recht schnell fragen, weshalb sie überhaupt zwei Sprachen lernen sollen.


Aber selbst wenn beide Elternteile die ­Sprache des anderen perfekt können – ganz konsequent lässt sich die zweisprachige Erziehung im Alltag oft nicht durchziehen. Besonders schwierig ist es für den Elternteil, dessen Mutter­sprache nicht die Sprache des Landes ist, in dem die Familie lebt. Natürlich spricht dieser im Alltag auch Deutsch – sei es beim Einkaufen an der Supermarkt­kasse oder beim Gespräch mit der Erzieherin im Kindergarten. "Vorab sollten sich Eltern daher bewusst machen, welche ­Rolle die jeweilige Sprache im Leben ihres Kindes spielen soll", rät die Expertin. "Sonst werden die Ausnahmen im Laufe der Zeit auch in der Familie zunehmen."

Die Zweitsprache aktiv unterstützen

Je mehr Menschen es gibt, mit denen das Kind in einer Sprache reden kann, desto wahrscheinlicher ist der Lernerfolg. Auch Hörbücher, Musik hören und gemeinsames Lesen können die Sprach­entwicklung positiv beein­flussen, ebenso wie Reisen in Länder, in denen die Sprache gesprochen wird, und Telefonate mit dort lebenden Freunden oder Verwandten. "Die Sprache sollte möglichst präsent im Leben der Kinder verankert werden", rät die Expertin. Trotzdem kann es Phasen geben, in denen das Kind eine Sprache ablehnt. "Üben Sie keinesfalls Druck aus", sagt Leist-Villis. "Viel wichtiger als der tatsächliche Erfolg beim speziellen Spracherwerb ist, dass Ihr Kind grundsätzlich Spaß an Sprachen entwickelt."

Sprachmischung ist zunächst normal

Vermengt das Kind in den ers­ten Lebensjahren die Sprachen, ist das kein Grund zur Sorge oder gar ein Zeichen von Überforderung: "Sprachmischung ist bei zweisprachigen Kindern normal", so die Expertin. "Fällt dem Kind spontan ein Wort nicht ein, greift es automatisch auf die andere Sprache zurück." Eine bewusste Sprachtrennung ist frühestens ab einem Alter von dreieinhalb bis vier Jahren zu erwarten.

Zudem entwickeln sich die Sprachen dynamisch: Mal ist eine die schwächere und die andere die stärkere, dann umgekehrt. "Das kann sich im ­Laufe des Lebens, je nach Themengebiet oder Aufenthaltsort, ändern", sagt Leist-Villis. Sie betont, dass es das Natürlichste der Welt sei, dass Eltern die Sprache mit ihren Kindern sprechen, die sie selbst am bes­ten sprechen: zumeist ­ihre Mutter­sprache. Wenn das mal nicht so konsequent klappt, rät die Expertin entspannt zu bleiben: "Sie sind selbst zweisprachiges Vorbild!"

Zweisprachig erziehen trotz einsprachiger Eltern – geht das?

Manchmal wünschen sich aber auch einsprachige Eltern, dass ihr Kind möglichst bald ­eine zweite Sprache lernt. Doch Vorsicht: Das Schulenglisch der Eltern reicht nicht für eine zweisprachige Erziehung. Die Kinder lernen nur einen begrenzten Wortschatz und prägen sich Grammatik­fehler ein. In diesem Fall ist der Besuch einer zwei- oder mehrsprachigen Kita sinnvoll. "Mit viel Gestik und Mimik verstehen die Kinder recht schnell, was die fremdsprachige Erzieherin meint und lernen auf diese Weise, die Fremdsprache zu sprechen", sagt Manja Schlammer, Leiterin einer bilingualen Kinder­tagesstätte in München.

Bis die Kinder anfangen, sich in der fremden Sprache zu verständigen, dauert es einige Zeit. "Frühes­tens mit vier, fünf Jahren ist das zu erwarten", so Schlammer. Und: Eltern sollten nicht zu viel erwarten: Vielleicht wird das Kind kleine Sätze, Lieder oder Spiele in der zweiten Sprache erlernen und leichter einer Konversation folgen und darauf reagieren können. Diese Sprache hat jedoch nicht die Bedeutung für das Kind, wie seine Muttersprache.



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