Er ist das wichtigste Medium für Kinder: der Fernseher. Auf ihn könnten zwei Drittel der Mädchen und Jungen am wenigsten verzichten, so das Ergebnis der Kinder+Medien-Studie (KIM) 2008. Pro Tag verbringen die Drei- bis Fünfjährigen durchschnittlich rund 70 Minuten vorm TV-Gerät. Eine Umfrage des Internationalen Zentralinstitutes für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München zeigt: 74 Prozent der Zwei- bis Dreijährigen sehen schon fern.
Zu früh, findet die Medieninitiative „Schau Hin!“: Kinder unter drei Jahren sollten nicht fernsehen. Auch Dr. Maya Goetz, Leiterin des IZI, findet: „Natürlich ist es am besten, Kinder so spät wie möglich damit beginnen zu lassen.“ Aber sie weiß: Je mehr ältere Geschwister da sind, desto schwerer ist das zu realisieren. „Vor allem das dritte Kind schaut von Anfang an mit“, sagt die Medienwissenschaftlerin und -pädagogin. Zudem sei Eltern oft nicht bewusst, dass schon Säuglinge den Fernseher wahrnehmen. „Beim Stillen läuft besser kein Thriller mit Angstschreien“, so Maya Goetz. Die bedrohliche Atmosphäre spüren Babys nämlich.
Vom bunten Flimmern sind Kinder früh fasziniert, krabbeln mit eineinhalb auf den Bildschirm zu, imitieren mit zwei die TV-Figuren. Aber: Erst im Vorschulalter können sie Fernsehwelt und Realität gut unterscheiden. Für Maya Goetz spricht noch etwas für den späten TV-Start: „Frühestens mit Kindern ab zweieinhalb kann man klare Regeln festlegen.“ Zum Beispiel über die Zeit vor dem Fernseher. So sind laut „Schau Hin!“ für Vier- und Fünfjährige 30 Minuten täglich genug. Eine Umfrage von BABY und Familie ergab: In fast 72 Prozent der Familien mit Kindern unter sechs Jahren herrscht ein Zeitlimit, an das sich alle halten.
Das ist auch gut so. Denn: Zu viel TV wirkt unter anderem negativ auf Kurzzeitgedächtnis und Lesefähigkeit. „US-Studien beweisen: Kleinkinder, die länger als drei Stunden pro Tag fernsehen, haben hier Defizite“, sagt Maya Goetz. Vorschüler, die so lange vor dem TV- Gerät sitzen, können zudem schlechter Menschen zeichnen als ihre Altersgenossen. Das ermittelte das Gesundheitsamt in Göppingen. Kinder mit wenig TV-Konsum malten Figuren mit Frisur, Kleidung, Gestik und Mimik, die Vielfernseher oft nur einfache Strichmännchen. Grund: „Den Kindern bleibt neben dem Fernsehen nicht viel Zeit für anderes“, so Goetz.
Dabei spielt dann auch keine Rolle, was sich der Nachwuchs genau ansieht. Zwar besage die sogenannte Sesamstraßen-Studie: Kinder, die regelmäßig das Krümelmonster gucken, erkennen zum Beispiel besser Zahlen als Kinder, die Unterhaltungssendungen konsumieren. „Aber“, betont Expertin Goetz, „die reale Interaktion, wie das Spielen mit den Eltern, hat deutlich höhere Lerneffekte – gerade bei Kleinkindern.“ Entsprechend traten die positiven Effekte der Sesamstraße besonders bei Kindern auf, die das Gesehene anschließend mit den Eltern aufarbeiteten.
Trotzdem sollte das TV-Programm für den Nachwuchs sorgsam ausgewählt sein. Infos zu kindgerechten Sendungen finden Eltern beispielsweise in der Zeitschrift Flimmo oder im Internet unter www.schau-hin.info. Die Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) in Wiesbaden entscheiden, ab welchem Alter Kinofilme freigegeben sind. Und wissen, was Kleinkinder überfordert – zum Beispiel schnelle Schnitte, lange Span- nungsbögen oder ein fehlendes Happy End. 2009 erhielten nur 17 Prozent aller geprüften Kinofilme keine Altersbeschränkung.
„Für uns zählt die Gesamtwirkung“, erläutert FSK-Sprecher Stefan Linz. „So belasten spannende Szenen Kinder weniger, wenn sie vollständig und schnell aufgelöst werden.“ Wenn die Identifikationsfigur der kleinen Zuschauer Schwieriges mit Humor meistert, verarbeiten sie das Geschehen auch leichter. Andersherum können aber scheinbar harmlose Filme überfordern, wie das IZI darlegt. Zum Beispiel kann der Charakter einer Figur noch so sympathisch sein – wirkt das Äußere bedrohlich, fürchten sich manche Kinder trotzdem. Und vermeintlich süße Filme wie „Findet Nemo“ oder „Bambi“ rühren an kindliche Urängste, den Verlust von Mutter oder Vater.
Da die Fähigkeit, Ängstigendes zu verarbeiten, individuell ist, können Eltern nur eines tun: ihren Nachwuchs beobachten. Die Kleinen reagieren körperlich, wenn sie Filme ansehen: „Sie klatschen und hüpfen, wenn ihnen etwas gefällt. Sie halten sich die Augen zu, drücken sich tief in den Stuhl, wenn sie sich fürchten“, erzählt Stefan Linz. „Jüngere Kinder sollten möglichst nicht ohne Eltern fernsehen“, rät deshalb auch „Schau Hin!“-Sprecherin Susanne Rieschel. In unserer Umfrage gaben aber nur 45 Prozent der Eltern von unter Sechsjährigen an, immer mit vor dem TV zu sitzen. Fast 60 Prozent finden es im Gegenteil angenehm, den Nachwuchs „mal eine halbe Stunde vorm Fernseher zu parken“.
Vielen Familien dient Fernsehen aber nicht nur dazu, Mama mal Zeit zum Telefonieren zu verschaffen. Es ist auch gemeinsames Ritual. „In der IZI-Mütter-Umfrage wurde Kuscheln als häufigster Grund fürs Fernsehen angegeben“, so Maya Goetz. Dagegen spricht aus ihrer Sicht nichts, solange das TV-Programm nicht den Alltag bestimmt. „Bei uns fällt das allabendliche Sandmännchen auch mal aus“, erzählt die zweifache Mutter.
www.baby-und-familie.de;
11.06.2010, aktualisiert am 10.07.2010
Bildnachweis: Mauritius Images GmbH/AGE
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