Wie lernen Kinder aufräumen?

Kinder sind wie Tornados: Sie sorgen in kürzester Zeit für Verwüstung. Wie Eltern ihnen beibringen, Ordnung zu halten

von Susanne Kailitz, 11.11.2016

Aufräumen und Ordnung halten: Das können Kinder nicht von selbst

plainpicture GmbH & Co KG/Jens Nieth

Jeden Abend das gleiche Theater: der Streit ums Aufräumen. Fast alle Eltern können ein Lied davon singen, wie sich im Kinderzimmer die Kuscheltiere türmen, sie beim Gute-Nacht-Sagen zum fünften Mal auf einen Lego-Stein treten oder wie die Bücher überall nur nicht im Regal verteilt sind. Dann fällt der Satz, den alle ­Eltern garantiert schon einmal gesagt haben: "­Räum dein Zimmer auf!"

Die schlechte Nachricht zuerst: Sie können es einfach nicht. "Kinder brauchen keine Ordnung", sagt Corinna Funke-Jensch, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeu­tin aus Dresden. Im Gegenteil: Dass sie Unordnung und Chaos verbreiten, während sie die Welt entdecken, ist vollkommen normal. Niemand komme mit dem Wunsch nach Ordnung auf die Welt. Die Fähigkeit, sich und seine Umwelt zu organisieren, sei vielmehr das Ergebnis eines jahrelangen Lernprozesses. "Die Sinnhaftigkeit des Aufräumens ist nichts, was sich Kindern einfach erschließt. Deswegen können sie auch mit der Aufforderung, endlich ihr Zimmer in Ordnung zu bringen, nichts anfangen."


Ordnungsliebe hängt von Vorbildern ab

Die gute Nachricht: Die Kleinen können lernen aufzuräumen – und zwar von ­­ihren Eltern. "Wie ordentlich Kinder einmal werden, hängt stark von dem ab, was in ­ihrer Familie gelebt wird und wie hoch der Anspruch an eine saubere und aufgeräumte Wohnung ist", sagt Corinna Funke-Jensch. Das beste Training: wenn schon kleine Kinder gemeinsam mit ­Mama und Papa aufräumen.


Corinna Funke-Jensch ist Kinder- und Jugendlichenpsychothera­­peutin in Dresden

W&B/Privat

Vier Tipps zum Aufräumen lernen

Tipp 1: ­Die Ak­tion nicht zu einem nervigen Zwang machen, den keiner richtig will, sondern als etwas Schönes begreifen. Denn: Beim Aufräumen macht man etwas zusammen, bei dem man sich ganz nebenbei unterhalten kann. "Das kann unter Umständen eine richtig ­schöne und wichtige gemeinsame Zeit sein, bei der Eltern mehr über den Tag im Kindergarten oder in der Schule erfahren, als wenn sich die beiden gegenübersitzen", erklärt die Expertin. Wenn Aufräumen nicht als Strafe empfunden wird, sondern als gemeinsames Projekt, geht das Ganze dem Nachwuchs leichter von der Hand.

Tipp 2: Das richtige Maß finden. Anstatt abends rigoros zu verkünden, dass nun alles Spielzeug in Schrank, Regal oder Box verstaut werden muss, empfiehlt die Fachfrau, auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen: "Wenn es abends das wieder wegpacken soll, was es den ganzen Tag mühsam aufgebaut hat, blutet ihm das Herz." Sinnvoller Kompromiss: Was erst einmal nicht mehr gebraucht wird, wird weggeräumt, und das, womit am nächsten Tag weitergespielt wird, darf stehen bleiben.

Tipp 3: Kisten, Boxen und Regale gut erreichbar platzieren. Dann können auch Kleine gut einsortieren und wegpacken. Farbsysteme und Bilder zeigen den richtigen Ort für Bausteine, Kuscheltiere und Bas­telmaterialien. Und wer ­jeden Abend wenigstens grob Ordnung schafft, behält den Überblick und muss nicht am Wochenende einen riesigen Haufen abarbeiten.

Tipp 4: Mithelfen. Ganz ­Kleine schaffen es sowieso noch nicht, ­alleine Ordnung zu schaffen. Aber auch Kindergartenkinder überfordert die Aufforderung, ihr Zimmer aufzuräumen. "Sie wissen gar nicht, wo sie anfangen sollen", sagt Funke-Jensch. Eltern sollten mit aufräumen und genau sagen, was gemacht werden soll. Also: die Legosteine in den Eimer packen oder die Bücher ins Regal stellen. Bei wichtigen Dingen, wie etwa dem Sortieren des Schreibtischs, müssen Mama und Papa auch bei Schulkindern mit ran. Und bevor Eltern losschimpfen, lohnt ein kritischer Blick auf den ­­eigenen Arbeitsplatz: Taugt er als Vorbild?

Auch Eltern von Teenagern müssen sich keine Illusionen machen. Ihr Nachwuchs ist zwar groß, braucht aber noch weniger als alle anderen Ordnung. Schließlich leben Heran­wachsende mit dem größten Chaos im Kopf und haben überhaupt kein Bedürfnis nach einer aufgeräumten Umgebung. "Mit ­ihnen können Eltern eine Ab­sprache treffen, dass wenigstens keine Lebensmittel im Zimmer herumliegen dürfen und sie sich einmal im Monat gemeinsam um das Zimmer kümmern", sagt die Expertin.

Wichtig: Sachen immer wieder aussortieren

Die allerwichtigste Voraussetzung für Übersicht im Kinder­zimmer haben Eltern jedoch selbst in der Hand, sagt Corinna Funke-­Jensch: "Wer will, dass Kinder ihr Reich so gut wie möglich selbst organisieren, darf es keinesfalls über­füllen." Wenn Regale und Schränke aus ­allen Nähten platzen, überfordert das.

Sinnvoll ist es hingegen, Spielzeug phasenweise auszusortieren. Das entspannt die Situation im Kinderzimmer und führt dazu, dass vernachlässigte Puppen oder Bücher wiederentdeckt werden. Und nachdem Mama und Papa mit dem Nachwuchs ausgehandelt haben, ob Ritterburg oder Puppenwagen noch gebraucht werden, können sie gleich den eigenen Kleiderschrank durchforsten – in aller Regel gibt es da auch einiges auszusortieren …



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