Wie lange darf mein Kind fernsehen?

Fernsehen ist in vielen Familien ein Streitthema. In welchem Alter Kinder wie lange gucken können und wie Eltern Regeln konsequent durchsetzen, erklären zwei Experten

von Barbara Weichs, 18.05.2016

Die meisten Kinder sehen sehr gerne fern. Nur zu viel sollte es nicht sein

Thinkstock/Hemera

Mit dem Fernsehen ist es wie mit Süßigkeiten: Einmal ausprobiert, wollen die Kleinen immer mehr davon. In Zukunft auf so etwas Feines verzichten? Auf keinen Fall! Noch mal, und zwar sofort, lautet vielmehr die Devise.

Fernsehen fasziniert Kinder

"Fernsehen hat einfach viel zu bieten", erklärt die Medienwissenschaftlerin Dr. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentral­instituts für das Bildungs- und Jugendfernsehen (IZI), die Faszination des Mediums. Kinder lieben Geschichten – und die bekommen sie im Fernsehen erzählt. "Sie treffen dabei auf Figuren und Themen, die sie berühren und mit denen sie sich identifizieren können", sagt die Medienpädagogin. So schlau sein wie Wickie, so stark wie Pippi Langstrumpf, so schön wie Prinzessin Lillifee ... "Die märchenhaften Fähigkeiten der Medien­helden spielen ­dabei ­eine besondere Rolle", ergänzt Prof. Norbert Neuß, Erziehungswissenschaftler von der Justus-Liebig-Universität in Gießen.


Dr. Maya Götz leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München

W&B/Privat

Doch es gibt noch einen weiteren Punkt, weshalb das Fernsehen nach wie vor das Leitmedium für Kinder ist: "Mit circa dreieinhalb Stunden durchschnittlicher Nutzung pro Tag und Haushalt in Deutschland spielt es innerhalb des Familienalltags eine große ­Rolle", sagt der ­Medienpädagoge. Wie ihre Eltern nutzen auch Kinder das Medium, um sich zu unter­halten oder zu informieren.

Mobile Geräte: Filme immer verfügbar

Nun ist es seit einigen Jahren nicht mehr nur das Fernsehen, das Kinder mit seinen bewegten Bildern in den Bann zieht. Über ­mobile Medien wie Tablet und Smartphone sind Medieninhalte allgegenwärtig und immer verfügbar. "Kinder wachsen quasi in einem Medien­bad auf", erklärt Norbert Neuß. Und: Tablets und Smartphones sind intuitiv bedienbar. Schon Kleinkinder kapieren schnell, wie sie funktionieren.

Kritisch mit Medien umgehen

Medienerziehung ist deshalb ein Thema, mit dem sich Mütter und Väter schon früh beschäftigen sollten. "Medien, ihre Inhalte und die Technik ändern sich ständig. Eltern müssen sich selbst aktiv und immer wieder damit auseinandersetzen, um ­ihre Kinder im Umgang damit kompetent machen zu können", erklärt Norbert Neuß. Außerdem erfordert es von Erwachsenen einen kritischen Blick auf den eigenen Umgang mit Medien. Und sie sollten sich bewusst machen: "Gerade digitale Medien üben eine hohe Anziehungskraft auf Kinder aus und stecken voller Reize. Das ist anstrengend für das Gehirn", sagt Maya Götz.


Prof. Norbert Neuß leitet an der Universität Gießen den Bereich Elemen­­tarbildung am Institut für Schul­pädagogik und ­Didaktik der Sozialwissenschaften

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Die Kleinen brauchen deshalb Auszeiten und vor allem Anregungen in der realen Welt. Denn nur wer sich mit allen Sinnen auf Entdeckungstour durchs Leben begibt und mit anderen kommuniziert, erlebt, dass er Dinge selbst bewirken kann. "Alltagsaben­teuer passieren jedoch nur, wenn Erwachsene alternative Freizeitmöglichkeiten anbieten und auf das Ausmaß der Mediennutzung achten", sagt Norbert Neuß.

Nicht zu früh starten

Doch wann ist ein Kind überhaupt bereit für den TV-Start? Und wie gestalten ihn Eltern am besten? Beim ersten Kind lässt sich das erste Mal meist ganz gut hinauszögern. Experten empfehlen: nicht vor dem dritten Geburtstag. "Vorher verstehen Kinder auch die Geschichten noch gar nicht", sagt Maya Götz. Schwieriger wird es bei jüngeren Geschwistern, die automatisch früher damit in Kontakt kommen, wenn das ältere Kind Medien nutzt. Das lässt sich gar nicht vermeiden, Eltern müssen aber darauf achten, dass die Jüngeren nicht überfordert werden. Die Medienpädagogin rät Eltern überdies, genau hinzusehen, welche Emotionalität der Nachwuchs zeigt. Sensible Kinder ängstigen sich zum Beispiel viel schneller, als Erwachsene denken.

Anfangs sind kurze Sendungen geeignet

Für Fernseheinsteiger gut geeignet ist der Klassiker "Unser Sandmännchen". Die Inhalte sind auf das Alter abgestimmt, und die ­Länge von zehn Minuten überfordert die Kleinen nicht. "Selbst für Kinder, die schon etwas TV-Erfahrung haben, reicht das Sandmännchen, eventuell kann man ihnen auch noch die Sendung davor erlauben. Alles andere ist schon zu aufregend und zu lang", sagt Maya Götz. Vier- bis Sechsjährige sollten nicht länger als 30 Minuten täglich vor der Glotze verbringen. Sieben- bis Zehnjährigen reichen 45 Minuten, Elf- bis Dreizehnjährigen ­eine Stunde. "Lassen Sie sich auf keine Verhandlungen ein, stellen Sie ruhig einen Wecker", rät die Expertin.

Gerade bei Grundschulkindern können Eltern auch mal eine Ausnahme machen und ­einen Film ganz ansehen lassen. Allerdings sollte die Familie danach ­einen fernsehfreien Tag einlegen. Ein Tipp für alle, die sich nicht vom TV-Programm den Tagesablauf vorschreiben lassen möchten: die Sendung gezielt im Internet anschauen.

Vieles macht Kindern Angst

Den Fernseher einschalten und sich über­raschen lassen, was kommt? Keine gute Idee! Eltern müssen gezielt altersgerechte Sendungen auswählen, ­gerne zusammen mit dem Nachwuchs. Eine Entscheidungshilfe bietet www.flimmo.de. Medien­experten bewerten hier das aktuelle und für Kinder relevante Programm. "Für den Anfang empfehle ich die öffentlich-rechtlichen Programme, da die Kleinen nicht mit Werbung konfrontiert werden", sagt Götz. Erst ab dem Grundschulalter begreifen Kinder den Mechanismus von Werbung. Und selbst dann unter­liegen sie noch deren Faszination. "Sensibilisieren Sie Ihr Kind dafür, indem Sie ihm immer wieder zeigen, wie sich die Botschaft von Werbung entschlüsseln lässt und wie manipulativ sie ist", so die Medienpädagogin.

Auch FSK-Freigaben hinterfragen

DVDs sind durchaus eine Alternative zum TV. Allerdings gilt auch hier: Nicht alles, was ab null Jahren freigegeben ist, eignet sich auch für ­junge Zuschauer. "Unsere Untersuchung zu den Disney Classics zeigte zum Beispiel, dass diese sehr beliebten Filme Kindern oft Angst machen. Sie sollten frühestens mit sechs Jahren geguckt werden", sagt Götz. Denn Themen wie der Tod der Eltern bewegt Kinder sehr und wühlt sie auf. Und: 90 Minuten Film sind eine lange Zeit, unbedingt in Häppchen ansehen! Selbst wenn ­Eltern Sendungen gut auswählen, kann es passieren, dass Kinder Angst bekommen oder Fragen haben. "Setzen Sie sich mit aufs Sofa, um die Emotionen aufzufangen", sagt Norbert Neuß. Im besten Fall liegt zwischen Ausschalten und Schlafengehen ein bisschen Zeit – zum Vor­lesen etwa, damit das Kind zur Ruhe kommt.

Kinder mit unterschiedlichen Interessen

Wer Kinder mit einem größeren Altersabstand oder unterschiedlichen Interessen hat, kennt das Dilemma: Wie organisiert man nun das Fernsehen? "Jedes Kind sollte zu seinem Recht kommen", sagt ­Maya Götz. Nacheinander gucken wäre eine Op­tion. ­Eine andere: Während das Große zum Beispiel eine Sendung im Fernsehen sieht, darf das ­Kleine einen ­Videoclip am Computer oder auf dem Tablet anschauen. "Ab der dritten Klasse kann man ein Kind auch schon mal alleine gucken lassen", sagt die Expertin. Für gemeinsame Zeiten von Groß und Klein vorm Fernseher eignen sich Wissenssendungen oder Tierdokumenta­tionen.


Mobile Geräte: Altersgerechte Inhalte auswählen

Auch bei der Nutzung mobiler Medien wie Tablets gilt: erst ab drei Jahren und die Kinder nicht alleine damit lassen. Mit zehn Minuten beginnen und die Zeit langsam steigern, Fünfjährige sollen nicht länger als ­eine halbe Stunde damit verbringen. Eltern müssen den Kleinen außer­dem klarmachen, dass sie nicht selbstständig herumklicken oder etwas herunterladen dürfen. Wichtig auch hier: altersgerechte Spiele und Apps auswählen.

Informationen dazu, aber auch zu Sicherheitseinstellungen und Communitys sowie Such­maschinen für Kinder finden ­Eltern zum Beispiel unter www.schau-hin.info, einem ­Angebot des Bundesfamilienminis­teriums, das unter anderem in Koopera­tion mit den beiden öffentlich-rechtlichen Sendern Das Erste und ZDF erstellt wird.



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