Wie finden wir den richtigen Erziehungsstil?

Einfach ist das nicht: Kinder sollen Regeln lernen – und gleichzeitig zu freien, glücklichen Menschen heranwachsen. Wie das geht und wie Eltern herausfinden, welche Werte ihnen dabei wichtig sind

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 14.09.2016

Zunge herausstrecken ist nicht nett. Aber wie reagieren? Eltern haben da heute unterschiedliche Ansichten

W&B/Forster und Martin

Es klingt wundervoll, was der Mannheimer Kinderarzt und Autor Dr. Herbert Renz-Pols­ter in seinen Büchern und in Interviews postuliert: Eltern sollten sich wieder auf ihre innere Stimme besinnen, auf ihre wahre Kompetenz. Fast möchte man rufen: Glaubt an euch selbst! Glaubt an euren gesunden Menschenverstand, an die Tatsache, dass niemand das Kind so gut kennt wie ihr selbst! Und ­alles wird gut!


Wenn es nur so leicht wäre! "Noch nie haben sich Eltern so angestrengt, wenn es um die Erziehung ihrer Kinder geht", weiß Prof. Urs Fuhrer, Entwicklungs- und Pädagogischer Psychologe vom Institut für Psychologie der Otto-­von-Guericke-Universität in Magdeburg. "Sie waren aber auch noch nie so überinformiert und verunsichert wie heute." Und das empfinden Väter und Mütter als nervenaufreibend.


Gesellschaftlich verbindliche Erziehungsziele sind passé

Wie kommen Eltern aus der Überforderungsspirale? Wie kehrt die Lust an der Erziehung zurück? Und wie lernen sie, auf sich und ihre eigene Stimme zu hören? Die Zeiten, zu denen gesellschaftlich verbindliche Erziehungsziele galten und Kinder zu gehorsamen kleinen Menschen herangezogen wurden, notfalls mit Gewalt, sind glücklicherweise vorbei. Dafür fehlt es Eltern oft an Orientierung. Ist es kreativ, wenn Kleinkinder im Café mit der ­Latte Macchiato von Mama matschen? Gilt es als ein erster Ausdruck von Selbstbestimmtheit, wenn sich ein Kleinkind die gesamte Wurst auf den Teller häuft – oder soll man Einhalt gebieten? Muss man einschreiten, wenn zwei Minis sich in der Sandkiste um den Bagger prügeln – oder gilt das schon wieder als überbehütende Bevormundung?


Prof. Dr. Urs Fuhrer leitet den Lehrstuhl für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

W&B/Privat

Kinder brauchen Orientierung – in kniffligen Erziehungssituationen fordern sie dies sogar von den Eltern ein. Um die Richtung vorzugeben, sagt Diplom-Psychologe Ulrich Gerth, Leiter des Beratungs- und Jugendhilfe-Zentrum St. Nikolaus in Mainz, brauchen Eltern einen inneren Kompass, "ein eigenes Gefühl dafür, was für sie in Ordnung ist und was nicht. Jeder hat diese Stimme." Nur leider flüstert sie reichlich leise und heiser vor sich hin, weil die Aussagen darüber, was für Kleine gut und richtig ist, in den letzten Jahren deutlich schwankten. Mal lobten Pädagogen lässige Antiautorität, dann wieder wurde der Ruf nach mehr Strenge und Disziplin laut. Mal sollten sich Kinder in Waldorfeinrichtungen oder Elterninitiativen ­allmählich selbst entdecken – mal ­trieben ehrgeizige Tigermütter ­ihren Nachwuchs medienwirksam zu musikalischen und intellektuellen Höhenflügen an, bevor vermeintliche Entwicklungsfenster zuklappten. Autor Herbert Renz-Polster erkennt ein "Viereck der Angst", in dem heute vermutlich die meis­ten Eltern herum­irren: "die Angst vor dem Verwöhnen, die Angst vor den Tyrannen, die Angst, nicht perfekt zu sein, die Angst, Kinder zu wenig zu fördern".

Ideal: Autoritativer Erziehungsstil

"Am bes­ten gedeihen Kinder mittels eines autoritativen Erziehungsstils" (­siehe unten), sagt Professor Fuhrer. Der natürlich ist Auslegungssache, kann liberaler oder strenger daherkommen. "Eltern müssen ­ihre eigene Linie finden, und dabei bedarf es Klarheit, Konsequenz und Standfestigkeit", sagt Fuhrer. Es geht aber auch darum, "Kinder bedingungslos zu lieben, ihr Selbstvertrauen zu fördern". Und es geht darum, die eigenen erwachsenen Interessen im Auge zu behalten. "Kindern tut es nicht gut, ständig im Zentrum der Familie zu stehen", sagt er. Niemand möchte dressierte Kinder, denen jeder Funken an Kreativität, an eigenem Willen verloren gegangen ist. Aber auch niemand möchte überverwöhnte Prinzen und Prinzessinnen. Eine Gratwanderung. Höchste Zeit, ein paar Fragen an sich zu stellen.

1. Was ist uns wichtig? Worauf legen wir in der Familie wirklich Wert? Wenn Eltern das wissen, sind sie schon einen großen Schritt weiter. Väter und Mütter finden das heraus, indem sie sich mit anderen Eltern austauschen – und mit dem Partner: "Eine großartige Ressource", findet Fuhrer. Solche Werte können lauten: "Wir sind eine Familie, die teilt" oder "Wir sind eine Familie, die respektvoll miteinander umgeht und aufeinander Rücksicht nimmt". Sich solche Sätze immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und darüber nachzudenken kann helfen, die innere Kompassnadel zu justieren.

2. Wie viele Grenzen wollen wir setzen? Der erste Grundsatz dabei, so Fuhrer: "So viele Regeln wie nötig, so wenige wie möglich. Eltern, die den gesamten Alltag der Kinder regeln wollen, stoßen schnell auf Widerstand", weiß der Erziehungspsychologe. Regeln müssen klar und eindeutig sein, knapp und präzise formuliert werden: "Sei nicht zu spät daheim" zum Beispiel ist viel zu schwammig. Lieber: "Ich möchte, dass du um halb vier zu Hause bist." Der dänische Familientherapeut Jesper Juul ist der Meinung, dass Eltern vor allem ein Wort häufiger verwenden sollen: "Nein." Punkt.

3. Was sind meine Grenzen? Viele Eltern verlieren sie häufig aus dem Blick – weil sie im Familientrubel verlernen, auf sich selbst zu achten. Kinder suchen und testen aber Grenzen aus. Jesper Juul plädiert deshalb dafür, dazu zu stehen, wenn Kinder die persönliche Demarkationslinie überschreiten.­ "Ich möchte jetzt kein Rollenspiel spielen"; "Ich will nicht, dass du mich zwickst, Schluss damit", "Ich brauche jetzt kurz meine Ruhe und will nicht vorlesen". Solche Grenzen sind legitim, und sie zeigen: Respekt und Rücksichtnahme beziehen sich nicht nur auf die Kleinen, sondern auf alle.

Den Blickwinkel auch mal ändern

Das Schöne dabei: "Kinder sind sehr verzeihend", sagt Fuhrer. Auch wenn Eltern manchmal über das Ziel hinausschießen, tut das der Zuneigung langfristig keinen Abbruch. Pädagogen wissen aber auch: Alle Kinder wollen kooperieren – weil sie geliebt werden möchten. In neun von zehn Fällen, behauptet Erziehungsexperte Jesper Juul, "entscheiden sich die Kleinen für Kooperation". Allerdings wird der gute Wille von uns häufig nicht wahrgenommen, weil wir eher auf die Situationen fokussieren, in denen sich die Kinder vermeintlich widersetzen.

Der Grund? Ganz einfach: In solchen Momenten geraten Eltern selbst an die Grenze. Wie entlastend, das zu wissen. Ändern wir also den Blickwinkel auf uns selbst und unsere Kinder. Sie brauchen keine Erwachsenen, die ihnen zeigen, wie man sich möglichst brav und angepasst verhält. Aber sie benötigen Menschen, die ihnen helfen, auf ihren inneren Kompass im Zusammenspiel mit anderen zu achten. Sie brauchen also ein Umfeld von Respekt, Freundlichkeit, Liebe und Nähe.


Welcher Elterntyp sind Sie?

Streng, liberal, partnerschaftlich? Im Wesentlichen unterscheiden Forscher heute drei Erziehungsstile, oft mischen Eltern sie auch. Wo erkennen Sie sich am ehesten, was sind die Stärken Ihrer Erziehung – und wo lauern die Gefahren?

  • Autoritativer Erziehungsstil: Zwischen Eltern und Kindern herrscht eine offene Kommunikation. Alle dürfen ihre Meinung sagen und hören dem anderen zu. Die Eltern gehen feinfühlig auf ihre Kinder ein. Sie unterstützen ihre Selbstständigkeit und ­beachten ­ihre Rechte, haben aber auch ihre eigenen, erwachsenen Bedürfnisse im Auge. Bei Entscheidungen werden Kinder eingebunden, gleichzeitig erwarten die Eltern, dass sich ihr Nachwuchs altersentsprechend verhält. Es gibt klare Familienregeln, an die sich ­alle halten müssen. In der Forschung gilt er als ­optimal. Aber Vorsicht! Seien Sie nicht zu streng zu sich und Ihren Kindern. Es ist normal, auch mal Fehler zu machen. Und: Regeln müssen an das Alter, das Wissen und den Entwicklungsstand der Kinder angepasst werden. Ein Zwölfjähriger muss nicht um sieben ins Bett!
  • Autoritärer Erziehungsstil: Gemacht wird, was die Eltern sagen. Die Regeln sind klar und streng, die Kinder dürfen zwar ihre Meinung ­sagen, aber was geschieht, bestimmen die Erwachsenen. Autoritäre Erziehung vermittelt den Kindern einerseits viel Sicherheit. Aber es fehlt gelegentlich an Herz und an wirklichem Verständnis dafür, was kleine Kinderseelen brauchen. Zahlreiche Studien zeigen, dass sehr autoritär erzogene Kinder später selbst zu Aggressionen neigen, ein geringeres Selbstwertgefühl haben. Tipp an die Eltern: häufiger ganz bewusst auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen, mental ab und zu die Position der Kinder einnnehmen.
  • Laissez-faire-Erziehungsstil: Die Kinder sollen möglichst frei und ohne Zwänge aufwachsen. Sie werden wenig kontrolliert, es gibt kaum Anforderungen an sie. Der Vorteil: "Die Eltern handeln meist stark kindzentriert und sensibel", sagt Fuhrer. Der Nachteil: Die Kleinen lernen wenig Regeln, haben so wenig Anhaltspunkte dafür, wie sie sich in sozialen Situationen, etwa in der Schule, benehmen sollen.


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