Ob Reaktorunfall in Japan, Hungersnot in Afrika oder Bombenanschläge in Afghanistan – Kinder bekommen es mit, wenn in der Welt Katastrophen passieren. Und das nicht erst, wenn sie zur Schule gehen und Schlagzeilen selbst lesen können. „80 Prozent der Fünf- bis Sechsjährigen wussten beispielsweise über die Ereignisse von Japan Bescheid“, sagt Dr. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Bildungs- und Jugendfernsehen (IZI) in München. Zwei Wochen nachdem im März 2011 Erdbeben und Tsunami die Ostküste Japans erschüttert hatten, hat die Wissenschaftlerin eine Studie veranlasst, für die in verschiedenen Ländern Fünf- bis 13-Jährige zu der Katastrophe interviewt wurden. „Es hat uns sehr überrascht, dass Kinder so früh die Ereignisse wahrnehmen und teilweise mehr darüber wussten als ihre Erzieherinnen und Eltern.“
Maya Götz leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen in München
Die Wissenschaftlerin, selbst Mutter von zwei Töchtern, und ihre Mitarbeiter ließen die Kinder für die Studie auch malen, was in Japan passiert war. Während die Jüngeren vor allem die Folgen der Zerstörung durch Erdbeben und Flutwelle zu Papier brachten, stand bei den Älteren die Nuklearkatastrophe in Fukushima im Vordergrund. Alle Zeichnungen haben jedoch eines gemeinsam: Sie zeigten Dinge, die die Kinder verwirren. Dass zum Beispiel Häuser von einer Welle mitgerissen werden. Oder dass Autos auf Hausdächern liegen.
„Wenn Kinder Katastrophen wahrnehmen, haben sie zunächst nicht viele Emotionen, denn die Ereignisse sind weit entfernt von ihrer Lebenswirklichkeit“, erklärt Maya Götz. Die Zahl, dass Tausende Menschen ums Leben gekommen sind, ist für sie abstrakt. Wenn hingegen das eigene Meerschweinchen stirbt, ist das für sie sehr berührend. Bei Kindern bleiben viel mehr die Eindrücke hängen, die sie nicht einordnen können. „Alles, was ihre Welt bisher ausgemacht hat, wird von den überwältigenden Bildern durchbrochen. Sie wissen ja eigentlich, dass ein Ozean nicht über Häuser schwappt oder dass ein Auto nur auf der Straße fährt“, sagt die Expertin. Doch genau das Gegenteil davon ist nun passiert.
Um diese sogenannte kognitive Dissonanz, also das Nicht-Einordnen-Können, aufzufangen, müssen Eltern ihrem Nachwuchs möglichst schnell Informationen über die Ereignisse liefern. Am besten sollten sie zunächst mit einfachen Worten und ohne große Emotionen das Geschehen erklären. Dass beispielsweise bei einem Tsunami eine Welle so viel Kraft hat, dass sie Sachen hochheben kann und diese dann dort bleiben, wo sie hingetragen wurden. „Durch neutrale Erklärungen bekommen Kinder automatisch Abstand zu den überwältigenden Bildern. Je jünger Kinder sind, umso wichtiger ist das“, erklärt Maya Götz. Die Pädagogin weiß jedoch auch, dass das für Erwachsene nicht immer einfach ist. Weil Ereignisse manchmal so komplex sind, dass man selbst Schwierigkeiten hat, sie nachzuvollziehen.
Oder weil sie einen ängstigen und man es kaum schafft, emotionslos davon zu erzählen. „Kinder spüren die Beunruhigung ihrer Eltern“, erklärt die Kinder- und Jugendtherapeutin Dr. Ute Benz aus Berlin. Selbst die Versicherung, dass die Katastrophe weit weg ist und keine Auswirkung auf die Familie haben wird, kann sie dann wenig beruhigen. Eltern sollten sich dies, so der Rat der Berliner Psychologin, immer vor Augen halten. „Wir Erwachsene dürfen unsere Emotionen nicht am Kind abladen und sie als Zuhörer für unsere Nöte benutzen.“ Denn das Kleine wird die Gefühle der Eltern übernehmen. Sagt eine Mutter beispielsweise, dass sie das Geschehen traurig macht, wird auch der Sohn oder die Tochter traurig sein. Besser ist es daher, die Emotion nicht alleine zu formulieren. „Versuchen Sie diese mit einem positiven Gedanken zu verknüpfen“, sagt Maya Götz. Dass einen die Katastrophe traurig macht und man nun nachdenken müsse, ob man etwas tun könne – zum Beispiel für die Opfer der Katastrophe spenden, um Not und Leid zu lindern.
Sobald Kinder mithilfe von Fakten die Welt für sich wieder in Ordnung gebracht haben, erlischt in der Regel auch ihr Interesse an den Ereignissen. Denn eine Katastrophe an sich interessiert Kinder nicht. Sie werden einfach damit konfrontiert und müssen sie verarbeiten. Sensationslust ist ihnen fremd. „Kindern gelingt das viel besser als uns Erwachsenen: eine Sache abschließen und sie ins Unterbewusstsein wandern lassen“, erklärt Maya Götz.
Und doch überlegen gerade ältere Kinder auch, ob die Katastrophe für sie relevant ist und so etwas auch bei uns passieren könnte. Eltern könnten dann zum Beispiel einen Atlas zur Hand nehmen und zeigen, wo auf der Welt Erdbebengebiete sind. Kinder sehen dann sofort, dass wir hier in Deutschland keine Angst vor einer Katastrophe wie in Japan haben müssen. Wer dann noch erzählt, dass in Japan schon Kindergartenkinder lernen, wie man sich bei einem Erdbeben verhält, hilft seinem Nachwuchs, die Welt besser zu verstehen. „Kinder möchten kompetent sein, und dem müssen wir nachkommen“, sagt die Expertin.
Wovon Eltern die Finger lassen sollten: mit ihren Kindern Nachrichten für Erwachsene gucken. Denn das überfordert den Nachwuchs. „Dort werden teilweise drastische und überdramatisierte Bilder gezeigt, zum Beispiel von verletzten Kindern. Diese Bilder bleiben dann bei den Kindern hängen, denn die Erklärungen dazu strotzen vor Fremdworten, die sie nicht verstehen“, erklärt Maya Götz. Und genau das wollen Kinder, egal wie alt sie sind, definitiv nicht, wie die Studie gezeigt hat: spektakuläre Bilder, die Leid oder Schreckliches im Detail zeigen. Sie machen ihnen zu sehr Angst. Erst mit zehn Jahren können Kinder einigermaßen damit umgehen. Für die Kleinen im Vorschulalter eignen sich selbst die täglichen Kindernachrichten, die im Vorabendprogramm gezeigt werden, noch nicht. Sie richten sich an Kinder ab acht Jahren.
„Für Vorschulkinder gibt es in Deutschland keine Nachrichtensendung. Sie sind einfach sehr leicht zu ängstigen. Das unterschätzen wir oft“, gibt Götz zu bedenken. Sie rät Eltern deshalb, auch ihr eigenes Fernsehverhalten zu überdenken. Was viele nicht wissen: Schon Einjährige bekommen Bilder mit, wenn sie sich in einem Raum mit einem laufenden Fernseher aufhalten. Auch wenn sie diese nicht wirklich verstehen, so spüren sie doch die Stimmungen. Nachrichten sollten Eltern daher erst anschauen, wenn die Kleinen im Bett sind. Und falls der Nachwuchs plötzlich hereinplatzt, weil er nicht schlafen kann? Dann gilt es, den Fernseher sofort auszuschalten und mit dem Kind über das zu reden, was es gerade gesehen hat.
Barbara Weichs / Baby und Familie;
26.01.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, Corbis/Michael Prince, ROMEO GACAD/AFP/Getty Images
Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z>, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit