Wie Kinder warten lernen

Warum man warten soll, erschließt sich Kindern anfangs nicht – sie müssen es erst lernen. Können sie es, kommen sie aber später leichter und erfolgreicher durchs Leben

von Beatrice Sobeck, aktualisiert am 21.10.2016

Warten ist oft schwer – aber es lohnt sich

Getty Images/Angela Auclair/Moment

Ahnen Sie, wie sehr es dem kleinen Jungen auf dem Foto in den Fingern kribbelt? Am liebsten möchte er sich ein Stück Torte stibitzen. Macht er aber nicht. Eine Hand hält die andere fest. Vielleicht zappelt er mit den Beinen. Wahrscheinlich schaut er gleich weg.

Selbstkontrolle nennen Psycho­logen diese Fähigkeit. Der ­Junge weiß, wenn er jetzt wartet, bis der Tisch gedeckt ist und alle anderen auch Platz genommen haben, bekommt er ein Stück Torte. "Die Vorfreude auf den Kuchen motiviert ihn, die Wartezeit auszuhalten", erklärt die Entwicklungspsycho­login Prof. Birgit Elsner von der Universität Potsdam.

Wer warten kann, ist oft erfolgreicher

Eine Fähigkeit, die sinnvoll ist. Denn Experten wissen heute, wer sich kontrollieren kann, meis­tert sehr wahrscheinlich auch das Leben erfolgreich. Das belegen Langzeitstudien, die sich auf den sogenannten Marshmallow-Test be­ziehen. Kinder wurden vor die Wahl gestellt: Sie konnten ein Stück Mäusespeck sofort essen oder liegen lassen und eine Weile warten, bis der Erwachsene wiederkam. Schafften sie das, gab es zur Belohnung ein zweites Stück Schaumzucker.

Das Experiment führte der New Yorker Psychologe Walter Mischel in den 1960er-Jahren mit mehr als 500 Kindern im Alter zwischen vier und sechs Jahren durch. Manche konnten sich beherrschen und rührten das Marshmallow nicht an, andere verzichteten auf die Belohnung und futterten den Mäusespeck sofort. Jahre später – die Kinder waren längst erwachsen – wollte Mischel wissen, was aus ­ihnen geworden war. Er stellte fest, dass diejenigen, die als Kind lange hatten warten können, entschlossener und erfolgreicher waren. Zudem gingen sie besser mit Rückschlägen um, sie wurden auch als sozial kompetenter beurteilt und waren weniger suchtgefährdet als die damals ungeduldigeren Kinder.


So lange warten Kinder

Sie wollen mal testen, wie lange Ihr Kind auf eine Belohnung warten kann? Im berühmten Marshmallow-Test (siehe oben) hielten die geduldigsten Kinder 15 Minuten durch. Psychologen haben entsprechend des Alters folgende Durchschnittswerte erfasst:

Alter des Kindes  
Wartezeit
ca. 18 Monate ca. 30 Sekunden
ca. 2 1/2 Jahre ca. 2 Minuten
3–5 Jahre ca. 15 Minuten

 


Bevor Sie jetzt aber in Panik ausbrechen, weil Ihr Kind die Ungeduld in Person ist, dürfen Sie entspannen. Denn die gute Nachricht lautet: Warten kann man lernen. Zum Teil jedenfalls. Denn wie schwer das jemandem fällt, ist auch eine Frage der Gene. Aber je eher das Training beginnt, desto besser funktioniert das mit der Selbstbeherrschung.

1. Übungseinheit: Babys wollen Sicherheit

Stellen Sie sich vor, Sie stehen unter der Dusche. Das ­Baby schläft neben­an im Bettchen. Damit Sie ein Ohr im Kinderzimmer haben, stehen die Türen offen. Plötzlich quietscht und quengelt das Kleine. Was machen Sie? Sofort aus der Dusche springen und pitschnass zum Baby laufen? Oder hören Sie genau hin, was Ihr Baby "sagt", und antworten mit Sätzen wie "Die ­Mami duscht", "Ja bist du schon wach? Ich bin da. Mami kommt". Sie duschen zügig zu Ende, trocknen sich ab und gehen dann zum Baby.

Was passiert hier? "Auch wenn die Mutter nicht sofort zum ­Baby läuft, spricht sie mit ihm und sig­nalisiert: Ich bin nah bei dir, ich kann dich hören. Alles ist gut", erklärt Elsner. Die Kleinen verstehen zwar die Worte nicht, aber an der Stimmlage und der Satzmelodie erkennen sie, Mama ist ent­spannt und alles ist in Ordnung. Wenn das Kind nicht panisch schreit, ­etwa weil es krank ist oder Schmerzen hat, ist es okay, erst zu Ende zu duschen und dann zum Baby zu gehen. Elsner: "So geben Eltern ­ihrem Kind die Möglichkeit, sich selbst zu regulieren. Es lernt schon in den ers­ten Lebensmonaten, auf Mama ist Verlass. Wenn Mama mit mir plaudert, kommt sie bald zu mir."

Wie schnell Eltern zum weinenden Kind gehen sollten, hängt auch davon ab, aus welchem Grund es weint. Hunger, Windel voll, Bauchweh oder Lange­­weile – wer ein Gespür dafür entwickelt, was das Baby gerade braucht, kann auch einschätzen, ob es ein paar Minuten warten kann. Im zweiten Schritt ist es wichtig, das richtige Maß zu finden. Genügt ­eine Berührung – etwa Handauflegen oder ein wenig streicheln – ein leises Flüs­tern oder Singen? "Auch diese kleinen Reaktionen zeigen dem ­Baby, Mama und Papa helfen mir. Diese Sicherheit beeinflusst ebenfalls, wie gut Kinder lernen, sich selbst zu beruhigen", erklärt die Entwicklungspsychologin.

Aus Angst, etwas falsch zu machen, tun Eltern oft zu viel. Ihr Rat: "Vertrauen Sie auf ­Ihren Ins­tinkt." Es gibt keine allgemein­gültige Lösung für alle Babys. Jedes Kind ist anders und hat sein eigenes Temperament. Manche Kinder lassen sich trösten, wenn sie nur ­Mamas Stimme hören, andere brauchen eine Streicheleinheit, und wieder andere beruhigen sich nur auf Mamas Arm. 

2. Übungseinheit: Krabbelkinder brauchen Grenzen

Die Kleinen werden ­mobiler und wollen – je nach Forscherdrang – überall ran, hoch, rein oder drüber. Die Nein-Phase beginnt, und Eltern müssen ganz schön oft kleine Wutzwerge ertragen. Treppe hochkrabbeln? Nein! Vase anfassen? Nein! Die Steckdose untersuchen? Nein! Die Anforderungen im Alltag steigen. "Die Fähigkeit der Kinder, sich selbst zu regulieren, aber auch", sagt Elsner. Und das bedeutet, dass sie nun auch lernen können, k­leine Frustrationen auszuhalten. Denn nichts anderes geschieht beim Warten. Wer nun lernt, Frust zu akzeptieren und seine Energie auf ­eine andere Sache zu lenken, kommt der Selbstkontrolle einen ­­riesigen Schritt näher. Und wie können ­Eltern das beeinflussen? "Indem sie Alternativen anbieten, statt nur Nein zu sagen", sagt die Expertin. So könnte die Aufmerksamkeit auf ein Spielzeug gelenkt werden.

Eventuell wird das Kind immer wieder versuchen, in Richtung Treppe zu krabbeln. "Jetzt kommt es darauf an, dass Mama und Papa durchhalten. Soll die Treppe tabu bleiben, dann darf das Kleine auch nicht beim zehnten Versuch unter lautem Protestgeschrei hoch. Bleiben Sie in der Sache konsequent", so die Psychologin. Und: Loben Sie positives Verhalten. Etwa, wenn das Zähneputzen reibungslos geklappt hat. "Ein ‚Toll hast du das gemacht‘ gibt dem Kind Bestätigung."

3. Übungseinheit: Dreijährige verstehen Zusammenhänge

Je jünger das Kind ist, desto klarer sollten Eltern agieren. Einfache An­sagen und immer wiederkehrende Handlungen geben dem Kind ein Gefühl für Regeln und bieten ihm einen verlässlichen Rahmen. Ab dem dritten Lebensjahr verstehen Kinder immer besser komplexe Zusammenhänge.

Ein Beispiel: Die Familie isst gemeinsam Abendbrot, das Kind ist fertig und will aufstehen. Sie finden aber, Ihr Dreijähriger kann nun schon ein Weilchen sitzen bleiben, weil es schön ist, wenn ­alle zusammen den Tag Revue passieren lassen. "Das können Eltern dem Kind erklären und es dann natürlich in das Gespräch mit ein­binden", sagt Elsner. Vielleicht gelingt das anfangs nur für ein paar Minuten, aber wenn der Ablauf ­jeden Abend gleich ist, wird das Kind lernen, während der Mahlzeit am Tisch sitzen zu bleiben. Das Gespräch über den Tag lenkt ab und verkürzt die Wartezeit. Und wenn Mama und Papa danach noch eine Runde Lego mitspielen, ist das doch ein schöner Ansporn, das Sitzenbleiben auszuhalten.



Lesen Sie auch:

Bockiges kind

Wie Kinder Frustrationstoleranz entwickeln »

Klingt hart, aber: Im Leben scheint nicht immer die Sonne. Lernen Kinder früh, mit Frust umzugehen, schützt sie das ein Leben lang »

Mutter mit Kleinkind auf dem Schoß am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

Teilen Sie sich die Elternzeit mit Ihrem Partner?

Finden sie es okay, Babybilder in Sozialen Medien zu posten?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages