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Wie Kinder gut und böse unterscheiden lernen

Schon Dreijährige haben ein feines Gespür für Moral. Doch wie lernen die Kleinen, welches Verhalten richtig oder falsch ist?


Was moralisch richtiges Verhalten ist, müssen Kinder erst lernen

Neulich in der Krabbelgruppe: Eines der vier Monate alten Babys musste furchtbar weinen. Es dauerte nicht lange, und schon stimmten einige Kleine mit ein. Zufall? Keineswegs. „Babys reagieren instinktiv und lassen sich von ihrer Umgebung anstecken“, erklärt Prof. Dr. Monika Keller, die am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin über die Moralentwicklung bei Kindern forscht. Und so lächeln sie auch zurück, wenn Mama oder Papa sie anlächeln.

Mit Moral haben diese Verhaltensweisen noch nichts zu tun. Sie zeigen jedoch, dass schon die ganz Kleinen zu Mitgefühl fähig sind. „Wir scheinen genetisch mit der Kompetenz ausgestattet zu sein, mit anderen zu empfinden“, sagt Keller. Und das ist eine wichtige Voraussetzung für moralisches Verhalten. Schließlich wirken soziale Fähigkeiten wie beispielsweise das Helfen, Teilen und Trösten daran mit, Moral aufzubauen.


Entwicklung beim Kind: Mitfühlen wird zum Helfen

Dass Kinder diese Fähigkeiten teilweise schon sehr früh zeigen, können Eltern selbst bei ihrem Nachwuchs beobachten, zum Beispiel wenn die Zweijährige der Mutter ihren Teddy anbietet, weil diese traurig ist.

Bereits bei 18 Monate alten Babys führt das Mitfühlen zum Helfen. Das zeigen Studien des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Bei einem Versuch beobachteten die Kleinen einen unbekannten Erwachsenen, dem es nicht gelang, einen Schrank zu öffnen, weil er keine Hand frei hatte. Die Winzlinge liefen oder krabbelten herbei und versuchten behilflich zu sein, ohne dass sie dazu aufgefordert wurden.

Mit drei Jahren entsteht Verständnis für Moral

Mit zunehmendem Alter differenzieren Kinder dann jedoch, wiesen die Wissenschaftler aus Leipzig nach: Dreijährige halfen einem Erwachsenen nicht, wenn sie zuvor beobachtet hatten, dass dieser einer anderen Person geschadet hatte oder sogar nur versucht hatte, jemandem zu schaden. „Unsere Studien belegen: Kinder haben nicht nur ein Gespür für das moralische Verhalten anderer, sondern auch für die Absichten, die einem solchen Verhalten zugrunde liegen“, sagt Dr. Amrisha Vaish vom Leipziger Forscherteam.

Damit verdeutlichen die Untersuchungen auch, dass Kinder in diesem Alter etwas Entscheidendes entwickelt haben: ein Verständnis dafür, was man darf und was nicht. „Sie wissen, es gibt Regeln, an die man sich hält“, sagt Monika Keller. In den Augen der Wissenschaftlerin liegt der Beginn dieses Lernprozesses schon im Babyalter, beispielsweise, wenn Eltern dem Sprössling mit einem „Nein!“ verbieten, die Bücher aus dem Regal zu räumen. Da Regeln, Gebote und Verbote Kinder in ihrem Alltag begleiten, verinnerlichen sie diese auch. Dreijährige können davon dann ableiten, was die Begriffe gut und böse bedeuten – und ordnen diesen Inhalte zu: Stehlen und Lügen etwa sind böse.

Moralisches Handeln müssen Kinder erst lernen

Typisch für das Vorschulalter: Kinder haben oft Probleme damit, ihr moralisches Wissen in praktisches Handeln umzusetzen. So wissen sie zum Beispiel, dass es falsch ist, ein anderes Kind von der Schaukel zu schubsen. Gleichzeitig freuen sie sich aber, wenn die Schaukel dadurch frei wird und sie jetzt die Gelegenheit zum Schaukeln haben. „Kinder in dem Alter sind noch nicht in der Lage, mehrere Aspekte einer Situation gleichzeitig präsent zu haben“, erklärt Keller. Sie nehmen das wahr, was sie in dem Moment am meisten interessiert.

Erst wenn sie in die Grundschule gehen, gelingt es ihnen besser, ihren moralischen Vorstellungen die entsprechenden Taten folgen zu lassen. Auch weil sie im Laufe der Jahre Erfahrungen gesammelt haben – im Umgang mit ihren Eltern, Freunden oder Erzieherinnen. Sie erleben tagtäglich, wie diese miteinander umgehen, wann sie sich unterstützen oder auch streiten. Und daran orientieren sie sich, wenn sie ihre moralischen Vorstellungen aufbauen.

Eltern sind wichtige Vorbilder

Für Eltern bedeutet das, dass sie ihren Kleinen nicht nur Regeln beibringen sollten. „Ganz wichtig ist, das Einfühlen und Mitfühlen der Kinder zu fördern“, sagt Keller. Dazu gehört, den Kleinen zu erklären, warum sie etwas nicht dürfen, und das an Gefühle zu binden. Den Zweijährigen beispielsweise aufzufordern sich vorzustellen, wie weh es tut, wenn man ein Bauklötzchen  auf den Kopf geschlagen bekommt. „So gelingt es, Kinder moralisch zu sensibilisieren“, sagt Keller.

Und noch etwas müssen sich Eltern bewusst machen: Sie sind Vorbild. Wer sich etwa am Telefon verleugnen lässt, obwohl er zu Hause ist, signalisiert, dass Lügen nicht unbedingt falsch ist.

Unsere Expertinnen:


Prof. Dr. Monika Keller ist Entwicklungspsychologin. Sie forscht am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin


Dr. Amrisha Vaish ist Diplom-Psychologin. Sie forscht am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig




Bildnachweis: W&B/Forster und Martin, W&B/Privat

Barbara Weichs / Baby und Familie; aktualisiert am 14.05.2013, erstellt am 19.05.2011
Bildnachweis: W&B/Forster und Martin, W&B/Privat

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