Wenn das Kind selbstständiger wird

Warum fällt es gerade uns Müttern so schwer, unseren Kindern mehr Selbstständigkeit zuzutrauen? Ein Essay über die Kunst des Loslassens

von Barbara Weichs, aktualisiert am 26.01.2016

Eltern tun sich oft schwer, wenn ihr Kind selbstständiger wird

Julia Nimke

Vor Kurzem verabschiedete sich meine Tochter für eine Woche ins Zeltlager. Sieben lange­ Tage­ und keine Möglichkeit, sie anzurufen und nachzufragen, wie es ihr geht. "Wenn Sie nichts von uns hören, geht es Ihrem Kind gut", hatten uns die Betreuer gesagt. Tja, dachte ich, das sagt sich so leicht, aber werdet ihr wirklich ein Auge darauf ­haben, ob sie genug schläft? Ob sie sich warm genug anzieht, wenn es draußen kalt ist? Sie bei Dauer­regen in ihre Gummistiefel schlüpft? Vor allem aber trieb mich die Frage um: Schafft meine Tochter das alles alleine, ohne meine Unterstützung? Sie ist zehn Jahre alt. Ich musste sie schon oft loslassen, hatte viel Gelegenheit, mich darin zu üben. Zum Beispiel, als ich sie mit fünf Monaten das erste Mal in die Obhut der Oma gab. Oder als sie begann, Laufrad zu fahren und mir das Herz fast stehen blieb, als sie losdüste. Trotzdem ist es immer wieder eine Herausforderung.


Vätern fällt Loslassen oft leichter

Gleiches beobachte ich bei anderen Müttern. Für Väter hingegen scheint das Ganze kein so großes Problem zu sein. Mein Mann zum Beispiel konnte meine Sorgen wegen des Ferienlagers nicht nachvollziehen. Und Michaela Dörffling, Diplom-Psychologin und Familylab-Seminarleiterin in München, hat dafür auch eine Erkärung: "Frauen sind mehr davon betroffen, weil sich die Rollenmodelle noch nicht komplett verändert haben", sagt sie. "Mütter übernehmen immer noch häufig die Erziehungsarbeit." Ihre Bindung zu den Kindern ist dadurch nicht unbedingt enger, aber oft emotionaler als die der Väter.

Den Fürsorge-Modus abschalten

Anfangs fordert das Baby hundert Prozent Für­sorge und Schutz ein. Gleichzeitig keimt in uns die Angst, dass diesem hilflosen Wesen etwas passieren könnte. Eine Angst, die es uns so schwer macht, die Kleinen ihren Weg gehen zu lassen. Dabei sind Kinder nur eine begrenzte Zeit hilflos und abhängig. Sie werden älter, entwickeln Kompetenzen – und haben einen großen Drang zur Autonomie. Sie entfernen sich stetig von uns, wollen Dinge selbst machen. "Das ist der normale Lauf der Entwicklung", sagt Expertin Dörffling. Wir Eltern tragen zwar die Verantwortung, geben diese aber immer mehr an unsere Kinder ab. Dafür scheinen wir aber irgendwie blind zu sein. "Wir haben verlernt, aus dem Fürsorge-Modus umzuschalten ins Loslassen", sagt Michaela Dörffling.

Der Grund? Wir sehen überall Gefahren, und oft wird suggeriert, dass alles kontrolliert und ge­steuert werden muss. Wir vertrauen nicht mehr, sondern zweifeln – an den Kompetenzen unseres Kindes oder der Betreuer im Zeltlager. "Loslassen funktioniert aber nur mit Vertrauen", erklärt die Psychologin. Loslassen bedeutet auch nicht: einfach laufen lassen. Es geht darum, dass die Kleinen Dinge zunehmend selbst machen, wir sie aber dabei nicht alleine lassen. "Wir sind für die Kinder immer wichtig, egal wie groß die Entfernung zu ihnen ist", sagt Michaela Dörffling. Die Natur hat es eigentlich gut eingerichtet: Kinder entfernen sich von uns zunächst nur in kleinen Schritten. So werden wir ans Loslassen herangeführt und verlieren bei größeren Schritten nicht den Mut.

Ständiges Beschützen schwächt das Selbstvertrauen

Wir tun unseren Kindern keinen Gefallen, wenn wir ständig um sie kreisen. Wird ein Kind nicht losgelassen, entwickelt es weniger Selbstständigkeit. ­­Eigentlich kennen die Kleinen ihre Bedürfnisse sehr gut. Dürfen sie diesen nicht nachkommen, misstrauen sie irgendwann ihrem Gefühl. Sie denken, dass sie nichts können und ihre Eltern immer recht haben. Selbstvertrauen? Fehlanzeige! "Ein Kind kann letztlich nicht entdecken, wer es ist", sagt die Psychologin. Und was, wenn es mal ins Stolpern gerät? Kein Problem, solange wir als sicherer Hafen zur Verfügung stehen und beim Aufstehen helfen. "Fehler zu machen ist wichtig. Nur daraus lernt ein Kind."

Auch uns selbst tut das Festhalten nicht gut. Der Auszug der Kleinen mag zwar sehr weit weg erscheinen, aber er kommt. Wer dann nicht loslassen kann, läuft Gefahr, eine sogenannte­ Empty-Nest-Depression zu entwickeln. "Wer sich hingegen Schritt für Schritt darin übt, verspürt zwar Wehmut, verhindert aber das große Loch", sagt ­Dörffling. Sie rät, sich darüber zu freuen, wenn Kinder mehr können und man selbst weniger Verantwortung tragen muss. Auch ich erfahre das gerade: Mit jedem Stück Selbstständigkeit meiner Tochter (und meines jüngeren Sohnes) bekomme ich ein bisschen Freiheit zurück.

Sich selbst im Blick behalten

Mütter sollten sich deshalb nicht im Muttersein verlieren, sondern sich selbst – und auch ­ihre Partnerschaft – im Blick behalten. Das hilft auch dem Kind: Spürt es, dass die Mama (oder der ­Papa) nichts Eigenes hat, sucht es instinktiv Nähe, wird unselbstständig und fordert beständige Für­sorge ein. Aber was, wenn man sich einfach schwer tut mit dem Loslassen? Es dem Kind gegenüber ansprechen, sagt Michaela Dörffling. "Das Eingeständnis, dass man momentan noch nicht so weit ist, entlas­tet das Kind. Es merkt so, dass es nicht an ihm liegt." 

Nach dem Zeltlager hielt ich meine Tochter im Arm und fragte sie, wie es war. "Ganz gut", antwortete sie, "ich weiß aber nicht, ob ich noch mal mitfahre. Das ständige Spät-ins-Bett-Gehen vertrage ich nicht so gut." Stolz dachte ich: "Meine Große!"



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Bildnachweis: Julia Nimke
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