Wenn Kinder Angst vor Tieren haben

Angst vor großen Hunden – die hat fast jedes Kind. Aber manches reagiert sogar bei niedlichen Tieren wie Kaninchen panisch. Wie Eltern gegensteuern können

von Nadja Katzenberger, aktualisiert am 01.03.2016

Hilfe! Nicht alle Kinder finden Kätzchen süß

W&B/Gianna Piloni

Eine Welt ohne Tiere wäre Lisa (4) am liebs­ten. Dann müsste sie sich nicht an ihre ­Mama klammern, wenn ihnen im Park ein Hund entgegenkommt. Und sie könnte wieder ihre beste Freundin Anna besuchen. Seit diese ein Zwerg­­kaninchen hat, bleibt Lisa lieber weg. Da können die Großen noch so oft beteuern, das Kaninchen sei harmlos. Lisa will nicht in seiner Nähe sein. "­­Lisa hat panisch geschrien, als Anna das Kaninchen aus dem Käfig geholt hat", erzählt Lisas Mutter. Sie ist ratlos. Angst vor großen Hunden – das ist okay. Aber warum fürchtet sich Lisa auch vor niedlichen Tieren? Und was hilft ihr, diese Angst abzubauen?

"Erst einmal sollte man sich keine Sorgen machen. Im Vorschulalter sind solche Ängste ganz normal", sagt Dr. Victor Kacic, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum Aschaffenburg. Erst wenn sich die Tierphobie im Grundschulalter verfestige, der Leidensdruck wachse, es immer häufiger zu ­Panik, Vermeidungsverhalten und sozialen Problemen komme, sei eine Therapie sinnvoll.


Angst vor Tieren oft familiär bedingt

Etwa zehn Prozent der Kinder leiden unter Ängs­ten, oft ist eine Tierphobie familiär bedingt. ­Eltern können ihre eigene Furcht vor Hunden auf das Kind übertragen. "Wir behandeln deshalb die Familie immer mit. Der ängstliche Elternteil muss lernen, als Modell zu fungieren", erklärt Kacic. Angst ist beeinflussbar, das haben Studien gezeigt. Abhängig davon, welche und wie viele ­Informationen Kinder über ein Tier bekommen, verstärkt oder verringert sich ihre Angst. Hinzu kommt, dass die meisten Kinder wenig über Tiere wissen. Lisa kann auf keinen Erfahrungsschatz zurückgreifen und nicht wissen, dass ihr das Kaninchen nichts tut.

"Der will doch nur spielen" macht ­es schlimmer

In der magischen Phase zwischen drei und fünf Jahren entwickeln Kinder außerdem ­besondere Ängste. Plötzlich lauern Monster unterm Bett, der Nachbars-Dackel verwandelt sich in einen bösen Wolf. Auch ein Zwergkaninchen ruft dann schon mal panische Reaktionen hervor – besonders bei Kindern wie Lisa, die eher schüchtern sind und introvertiert. "Solche Kinder brauchen Routinen, das gibt ihnen Sicherheit. Das Verhalten von Tieren ist für sie aber absolut unvorhersehbar, auch von kleinen Tieren. Das Schnelle, Wuselige macht den Kindern Angst", sagt der Psychotherapeut.

Der Spruch "Der will doch nur spielen" macht ­alles nur noch schlimmer. Besser: "Dem Kind vermitteln, dass Angst eine wichtige Reaktion ist – aber nicht das Leben bestimmen sollte", erklärt Kacic, der ein Konzept für die Therapie von Tierphobie bei Kindern entwickelt hat. Sie lernen, wo Angst gut ist und wo hinderlich – zum Beispiel, wenn man die beste Freundin nicht mehr besuchen kann, weil sie ein Kaninchen hat.

In der Therapie das Tier kennenlernen

Ein wichtiger Teil der Therapie: Informationen. Wer viel über Tiere weiß, wer einschätzen kann, warum ein Hund bellt, fühlt sich sicherer. Der ­nächste Schritt: Bewältigungsstrategien üben. Das kann ein Mut-Spruch sein, den sich das Kind immer wieder vorsagt, oder ein Talisman in der Hosen­tasche. In der Therapie üben die Kleinen auch, tief in den Bauch zu atmen. Typische Angst-Symptome wie Herzrasen oder flacher Atem werden so besser.

Fühlen sich die Kinder mit diesen ­Hilfen ­sicher, werden sie nach und nach mit dem Tier konfrontiert, das sie ängstigt. In den meisten Fällen sind das Hunde, auf sie trifft man im Alltag am häufigsten. Anfangs sehen sich die Kinder Hunde im Fernsehen an, später beobachten sie diese aus der Entfernung. Gegen Ende der Therapie dürfen sie den Hund auch streicheln und füttern, halten es sogar aus, mit geschlossenen Augen dazusitzen, während der Hund ohne Leine durch den Raum läuft. Häufiger Effekt der Behandlung: "Viele Kinder wünschen sich den Hund aus der Therapie als Haustier", sagt Victor Kacic. So weit ist Lisa noch nicht. Aber sie schaut sich häufiger Bücher über Kaninchen an und findet: "Eigentlich sind die ja ganz süß."


So kommen Kind und Tier gut miteinander klar

Hund: Er muss in Ruhe fressen können, darf nicht gestört oder bedrängt werden. Dinge, die er als sein Eigentum ansieht, darf man ihm nicht wegnehmen.

Katze: Am besten erst anschaffen, wenn das Kind mindestens drei Jahre alt ist. Katzen mögen es nicht, wenn man sich ihnen abrupt oder mit hektischen Bewegungen nähert.

Kaninchen: Nicht zu hoch halten und akzeptieren, wenn es sich bewegen will – die Kuscheleinheit dann lieber verschieben.

Meerschweinchen: Sie ­können vor Angst erstarren, wenn man sie auf den Arm nimmt. Nur wenn das Tier auf dem Arm auch fressen möchte, ist es wirklich entspannt.



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Bildnachweis: W&B/Gianna Piloni
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