Was tun, wenn Kinder sich streiten?

Wenn Kinder sich zanken, sind Eltern oft unsicher, wie sie reagieren sollen. So gehen sie konstruktiv mit kleinen Kampfhähnen um

von Julia Jung, aktualisiert am 13.10.2015

Klassische Situation: Zwei Kinder wollen dasselbe haben

Getty Images/PhotoAlto Agency

Ein Nachmittag im Sommer, ein Spielplatz, ein Sandkas­ten, eine Schaufel. Und zwei Kinder. Im Kopf von so mancher Mutter und so manchem Vater schrillt jetzt ein Alarmglöckchen: Das gibt Streit! Und tatsächlich ­dauert es meist nicht lange, und ­beide Kinder ziehen an der Schaufel. Vorbei ist die Harmonie, wütendes Geschrei klingt bis zu den Schaukeln, und zwei große Menschen reden auf zwei kleine ein. Worte und Sätze wie "Sei doch vernünftig", "Abwechseln" oder "Der Linus ­hatte die Schaufel zuerst" fallen.

Streit ist für Kinder wichtig

Eine Szene, die Millionen Mal am Tag passiert. Und die sich – so unangenehm es oft ist – nicht verhindern lässt. Im Gegenteil: Der Schaufel-Disput ist für Kleinkinder sogar wichtig. "Die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, lernen Kinder nur in Situationen wie diesen", sagt Dr. Claudia Wölfer, Psychologische Psychotherapeutin aus Heidelberg. Allerdings ist es für Eltern sicherlich schwer, mitten im Geschrei und Tränenvergießen einen pädagogischen Nutzen zu sehen.


Einmischen oder nicht?

Es ist ja schon schwierig, sich für oder gegen das Einmischen zu entscheiden, wenn der Nachwuchs wieder im Zweikampf steckt. Während Erwachsene zwei kleine Personen im gemeinsamen Streit sehen, ist die Sache aus Kinderperspektive eine ganz ­andere: "Das Kind sieht nur, dass es das ­­eine Spielzeug haben will. Und das andere Kind ist ein Hindernis auf dem Weg dorthin", erklärt Wölfer.

Die beiden kleinen Hindernisse können noch nicht so weit vorausschauen, dass ihr Handeln dem anderen missfällt. Sie wollen einfach nur die Schaufel. Und zwar jetzt! Dass ­diese dem ­einen offiziell gehört und dem anderen nicht, in solchen Kategorien denken Kleinkinder noch nicht.

Teilen erfordert Verständnis von Besitz

Die Sache mit dem Besitz ist aus Kindersicht eine ganz neue Errungenschaft. Gerade erst haben sie das "Meins" gelernt und wenden es fleißig an. Dann plötzlich kommt ein anderes Kind, greift nach der geliebten ­Schaufel, und man soll auch noch teilen, wenn es nach den Erwachsenen geht? "Es ist notwendig, dass Kinder ­ihre ­eigenen Grenzen verteidigen dürfen. Nur so lernen sie, auch die Grenzen anderer zu res­pektieren", erklärt Wölfer. Antwortet ein Kind auf die ­Frage, ob das andere die Schaufel haben darf, mit "Nein", sollte es nicht überredet werden. Erst wenn Kinder dieses Konzept verinner­licht haben, können sie auch Ausnahmen verstehen, ihr Spielzeug ­­also auch mal abgeben. Bis dahin ist es aber ein langer Weg. Gut, wenn Eltern ihr Kind ­dabei unterstützen und ihm auch bestätigen, dass das Spielzeug seins ist. 

Plan B anbieten

Zurück in den Sandkasten: Wortreiche Erklärungen und Umstimmungsversuche sind wenig sinnvoll. "Dem Kleinen in solchen Situationen Einsicht vermitteln zu wollen, ist eine Überforderung. Im Gegenteil, es ist frus­triert und bekommt noch nicht mal Mitgefühl von der Mutter", so Wölfer. Was also tun? Einschreiten ist erlaubt, aber weniger theo­­retisch und mehr praktisch. Zum Beispiel mit einer Alternative: Das schönste Förmchen schnappen, vorführen, wie toll man damit schaufeln kann, und anbieten. "Oft lassen die Kleinen sich ­darauf ein", sagt Wölfer und erklärt: "Kleine Kinder haben in frustrierenden Situationen keinen Plan B. Wenn sie jedoch eine Alterna­tive angeboten bekommen, ist das der erste Schritt in diese Richtung." Der Plan B, eine Alternative zu dem, was eigentlich gewünscht ist, nun aber nicht geht – Erwachsene handeln ständig so, Kompromisse gehören zum Alltag der Großen. Für Kleinkinder ist das noch eine fremde Welt.

Einfache Regeln einführen

Umso wichtiger ist es, ihnen zu helfen, es zu erlernen. "Das ist für Kinder schwierig und braucht zahlreiche Wiederholungen", so die Psychologin. Immer gut: trös­ten und die Gefühle des Kindes anerkennen. Das macht es ihm außer­dem leichter, die Alternative anzunehmen.

Den nächsten Schritt in Richtung Konfliktlösungs-Kompeten­zen kann man gehen, wenn das Kind versteht, dass das andere Kind ebenfalls die Schaufel möchte, es sich also schon in andere Menschen hineinversetzen kann. Drei Jahre sind sie da in der Regel alt. "Jetzt können Eltern ganz einfache Regeln einführen", erklärt Wölfer. Abwechseln oder Spielsachen tauschen etwa. Dabei ist es wichtig, dass die Einheiten sehr klein und für das Kind gut erfassbar sind. Zum Beispiel: "Noch drei Mal schaukeln, dann ist der andere Junge dran. Komm, wir zählen gemeinsam." Frieden im Sandkasten wird es übrigens auch bei größeren ­Kindern nicht immer geben. Aber die haben dann hoffentlich einen Plan B.



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