Warum schon Kinder Vorurteile haben

Mädchen sind doof, Jungs denken nur an Fußball. Ein Psychologe erklärt, wie Eltern mit den Vorurteilen ihrer Kinder umgehen sollen
von Barbara Weichs, aktualisiert am 08.09.2015

Menschen in Schubladen stecken? Das tun Kinder bereits ab vier Jahren

iStock/photoclicks

Herr Professor Beelmann, wie kommt es, dass schon Vierjährige Vorurteile haben?

Die Basis für Vorurteile ist bei ­allen Menschen angelegt. Denn um die Welt zu begreifen, sor­tieren wir sie, in Farben zum Beispiel oder Formen. Aber wir kategorisieren auch Menschen nach bestimmten Merkmalen in soziale Gruppen. Sie gehören zum Beispiel einer Nation an oder auch einem Fußballverein. Mit vier, fünf Jahren beginnen Kinder damit. Ihre erste Kategorie ist in der Regel das Geschlecht, denn das bekommen sie vom Umfeld permanent wiederholt: Du bist ein ­Junge, du bist ein Mädchen. Das ist auch gar nichts Schlechtes, im Gegenteil: Es zeigt, dass das Kind verstanden hat, dass sich Mädchen und Jungen unterscheiden. Mit den Vorurteilsstrukturen, die wir aus dem Erwachsenenalter kennen, hat das jedoch nichts zu tun.


Prof. Andreas Beelmann leitet die Abteilung für Forschungs­synthese, Intervention und Evaluation an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena

W&B/Privat

Was genau ist denn ein Vorurteil?

Man spricht von Vorurteilen, wenn es um negative Einstellun­gen, Gefühle, aber auch Verhalten gegenüber Mitgliedern bestimmter sozialer Gruppen geht. Ein ­Individuum wird nur auf Basis der Gruppenzugehörigkeit be­wertet und nicht über ­die persönliche Erfahrung. ­Ein ­typisches Vorurteil ist die Aussage: "Ausländer sind kriminell." Das heißt: Alle oder die meisten sind so, ohne dass ich mit allen persönliche Erfahrungen h­abe. Habe ich zu einer einzelnen Person auf Basis einer individuellen Erfahrung eine negative Einstellung, ist das vielleicht unangemessen, aber kein Vorurteil.

Gibt es typische Vor­urteile, die Kinder haben?

Jungen oder Mädchen sind doof. Das kennt man bei allen Kindern in einem gewissen Alter. Ansons­ten hängt es immer vom Umfeld ab, wie es die sozialen Gruppen einführt und bewertet. Herrscht eher ein offenes ­Klima mit Kontakten zwischen den ­Gruppen, dann werden Vorurteile nicht sehr ausgeprägt sein. Ist das ­Klima konfliktreich, wie etwa im ­Nahen Osten, wo Kinder mit lebens­bedrohlichen Konflikten ­zwischen Palästinensern und Israelis groß werden, entwickeln sich ganz andere Vorurteilsstrukturen.

Welche Rolle spielen Eltern bei der Vorurteilsentwicklung ihrer Kinder?

Eine sehr wichtige. Soziale Katego­rien und ihre Bewertung werden im Elternhaus vorge­geben. Zwar können sich Kinder im Laufe ihrer Entwicklung durchaus davon lösen. Besser ist aber, wenn diese Bewertungen von Anfang an differenziert statt negativ sind. Das bedeutet nicht, dass man ­alles schön und gut finden muss. Es gibt durchaus Verhalten von Menschen, das man nicht akzep­tieren muss. Ich sollte das nur nicht mit der ge­samten sozialen Gruppe verbinden, ­also im Sinne von "die sind alle so" oder gar "wir sind besser".

Was ist denn die ­Gefahr von Vorurteilen?

Vorurteile können sich ver­festigen, sodass ich mit den Menschen ­einer sozialen Gruppe, zum ­Beispiel Migranten oder Muslimen, nicht mehr in Kontakt treten ­möchte. Es besteht dann die Gefahr, dass ich Vertretern dieser Gruppe in entsprechenden Situationen negativ begegne oder sie angreife – mit Worten oder sogar körperlich. Man diskriminiert sie und ist intolerant.

Wie lässt sich das verhindern?

Indem man Kindern viel­fältige soziale Erfahrungen mit ­allen möglichen anderen Kindern bietet. Dann besteht nur ein mini­males Risiko, dass sie massive Vorurteile entwickeln, wie unsere Forschungen zeigen. ­Eltern sollten deshalb dafür sorgen, dass es Raum für vielfältige soziale ­Erfahrungen gibt. In vielen Familien passiert das in der Regel auch.

Was können Eltern tun, wenn ein direkter Kontakt, etwa zu Kindern anderer Ethnien, nicht möglich ist?

Sie können ihre Kinder zum Beispiel auf andere Kulturen aufmerksam machen. Das ergibt sich oft einfach im Alltag, das kann aber auch über Bücher oder im Urlaub passieren. Wichtig ist außerdem, Kindern moralische Standards zu ver­mitteln, wie etwa die Frage nach Gerech­tigkeit. Neuere Studien ­zeigen, dass diese Kinder viel ­geringere Vorurteile zeigen als andere.

Sie haben ein Präventions­programm für Grundschulkinder entwickelt, das Vorurteile abbauen und Toleranz fördern soll. Braucht das jedes Kind?

Nein, das ist wie bei anderen Präventionsmaßnahmen auch. Nur: Wie wollen Sie vorher wissen, wer es nötig hat? Etwa fünf bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen zeigen eine starke Vorurteilsentwicklung, die zu Extremismus führen kann. Das heißt aber auch: 90 Prozent ent­wickeln derartige Einstellungsmuster nicht. Mit ­unserem Präventionskonzept möchten wir alle ­Kinder erreichen. Das verhindert auch ­eine Stigmatisierung, weil man sich nicht einzelne herausgreift. Soziale Erfahrungen zu machen ist ja nicht nur im Hinblick auf Vorurteile gut, sondern auch für andere Bereiche, zum Beispiel zur Gewaltprävention.

Wirkt das Programm?

Ja, das zeigt unsere Langzeitstudie: Die beteiligten ­Kinder, die nun 15 Jahre alt sind, sind anderen Ethnien gegenüber ­positiver einge­stellt als ­­eine Vergleichsgruppe. Und darum ging es schwerpunktmäßig.



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