Warum Kinder nicht ins Bett gehen wollen

Für viele Eltern ist der Abend die schwierigste Zeit des Tages: Die Kinder sollen ins Bett – und wollen einfach nicht. Oder können nicht einschlafen. Was dann hilft

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 18.03.2016

Wenn Kinder nicht schlafen wollen oder können, ist das für alle Seiten zermürbend

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Das Kind sagt: "Ich bin eben kein Schnellschläfer, ­Mama!" Und wälzt sich im Bett, ruft nach einer Streicheleinheit vom Papa, dreht sich hin und her, will unbedingt noch vom Streit auf dem Schulhof erzählen. Der schöne Plan, dass es am nächsten Morgen gut erholt aufsteht – kurz vor 21 Uhr ist er ausgeträumt. Und ­irgendwann sagt man nur noch: "Jetzt schlaf endlich ein!" und fragt sich, warum das Kind nicht in den Schlummer findet.

Viele Grundschüler schlafen schlecht ein

Prof. Angelika Schlarb kennt das. Die Psychologin von der Universität Bielefeld forscht seit vielen Jahren über den Kinderschlaf. "Etwa 14 Prozent der Grundschüler haben Einschlaf-Probleme", erzählt sie. Während Durchschlafen in dieser Altersgruppe fast kein Thema mehr sei, hätten viele Eltern Schwierigkeiten, ihr Kind ins Bett zu kriegen.


Prof. Dr. Angelika Schlarb ist Psychologin an der Universität Bielefeld und forscht seit vielen Jahren zum Thema Kinderschlaf

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Das kann verschiedene ­Gründe haben: "Je älter Kinder werden, umso mehr Sorgen und Gedanken machen sie sich", erklärt Schlarb. Negative Gefühle und Diskus­sionen des Tages nehmen sie oft mit ins Bett, vor allem wenn zuvor keine Zeit für Gespräche war.

"Häufig sind es auch verhaltensbedingte Einschlafstörungen", sagt Dr. Claus ­­Doerfel, Kinderarzt und Leiter der Schlaf­ambulanz des Universitätsklinikums Jena. Die Kinder haben etwa nicht gelernt, ­alleine einzuschlafen, weil Mama oder Papa jeden Abend neben ­ihnen liegen und sie in den Schlaf begleiten. Oder sie reagieren auf jedes Ablenkungsmanöver der Kleinen ("Ich habe Durst", "Ich muss Pipi", "Ich bin gar nicht müde"), und der Einschlafzeitpunkt verschiebt sich immer weiter.


Dr. Claus Doerfel ist Kinder- und Jugendarzt und leitet das Schlaflabor im Universitätsklinikum Jena

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Falsche oder unregelmäßige Bettgehzeiten und eine schlechte Schlaf-Umgebung behindern das Schlummern ebenso (siehe Kasten unten). "Mehr als 20 bis 30 Minuten sollte ein Kind zum Einschlafen nicht brauchen", sagt Schlarb.

Ausreichend Schlaf ist wichtig

Der abendliche Marathon zehrt nicht nur an den Nerven der ­Eltern. Er kann auch Folgen für das Kind haben, wenn er zur ­Regel wird und der Nachwuchs deshalb zu wenig schläft. "Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Erholung und das Lernen", erklärt Doerfel. Im Schnitt brauchen Siebenjährige gut zehn Stunden Schlaf, aber die Abweichungen sind groß: Manche Kinder sind nach neun Stunden erholt, andere brauchen 14 Stunden. Und: "Auch bei Kindern kann der Chronotyp schon ausgeprägt sein", sagt Schlarb. Während kleine Lerchen also früh morgens fit sind, erleben Eulen abends ihr Hoch. Ob ein Kind genug schläft, erkennt man daran, wie gut es morgens aufsteht: Muss man es mehrfach wecken? Kommt es schnell in die Gänge?

Gerade kleine Eulen tun sich mit  dem Einschlafen oft schwer. Dennoch sollten auch sie rechtzeitig schlummern. Denn der Unterricht beginnt für alle Kinder gleich früh. Schlafmangel führt dazu, dass das Kind tagsüber unausgeglichen, reizbar, unkonzentriert ist. "Die Kinder klagen weniger über Tagesmüdigkeit, viel häufiger zeigen sie ein hyperaktives Verhalten", sagt Doerfel. Etwa zehn Prozent der kleinen ADHS-Patienten litten eigentlich an Schlafmangel, vermutet Schlarb. Sie hibbeln tagsüber herum, weil sie sich so wach halten.

Bewegung am Nachmittag macht müde

Damit das Einschlafen gelingt, raten beide Experten zu einem bewegteren Nachmittag. "Bewegen sich Kinder tagsüber zu wenig, sind sie abends nicht müde genug", sagt Doerfel. Ideal sei es, vor den Hausaufgaben und dem Lernen bewusst Bewegungszeit einzuplanen. Denn vor dem Einschlafen sollte es ruhig werden.

"Ein häufiges Problem sind die aktiv spielenden Väter nach Feierabend", ergänzt er. Wenn sie mit ihren Kindern Wett­rennen oder Saltos veranstalten, führe das dazu, dass die "aufgedreht werden, obwohl bereits die abendliche Routine beginnen sollte", so Doerfel. Genauso aufwühlend sei die zu lange Beschäftigung mit elektronischen Medien. "Zwischen Fernsehen und Einschlafen sollte eine längere Pause liegen", rät Schlarb. Schulkinder sollten mindestens ­eine Stunde abschalten.

Rituale helfen beim Einschlafen

Auch großen Kindern tut noch ein festes Zu-Bett-geh-Ritual mit einer Geschichte, einem Lied oder einer Kuschelrunde gut. "Vielen hilft es, die Ereignisse des Tages gemeinsam durchzugehen und zu besprechen", sagt Doerfel. Bei kleinen Grüblern rät Expertin Schlarb, dies schon am späten Nachmittag zu machen. "Auch wenn ein Kind ernste Sorgen oder Fragen hat, sollte man das unabhängig vom Schlafengehen bereden. Sonst lernt das Kind, dass das Bett der Ort ist, wo man Sorgen bespricht", erklärt Schlarb. Belastungen und Streit in der Familie führen ebenfalls dazu, dass Kinder nicht zur Ruhe kommen. "Wichtig ist, dass die Eltern Geborgenheit und Sicherheit vermitteln", so die Schlafforscherin.

Oft ist das zu-Bett-gehen ein Machtkampf

Manchmal ist das Einschlafproblem Teil eines Machtkampfes, und das Kind will seine Grenzen austesten. In dem Fall raten ­beide Experten zu Konsequenz, festen Schlafenszeiten und Geduld. Häufig ist die Einschlafsituation für ­Eltern und Kind dann schon länger negativ besetzt, und Ermahnungen wie "Schlaf endlich ein!" sind die Regel. "Die funktionieren nicht und können es auch gar nicht", sagt Schlarb. "Durch Druck kommt kein Schlaf. Einschlafen funktioniert nur, wenn das Kind loslassen kann." Entspannungsübungen helfen hier mehr.

Wann ist es eine Schlafstörung?

Gelingt das Einschlafen trotzdem nicht oder braucht das Kind immer eine bestimmte Person oder ein bestimmtes Objekt, sprechen Psychologen von einer Schlafstörung. Schlarb ­empfiehlt Eltern, zunächst ein Schlafprotokoll zu führen.

Auf keinen Fall könne man erwarten, dass das Kind sein Verhalten von einem Tag auf den anderen ändere. Wenn es zum Beispiel gelernt hat, dass Mama oder Papa neben ihm einschlafen, dauere es einige Zeit, bis es das ­alleine schafft. "Man muss sein Ziel in Etappen angehen", erklärt Schlarb. Also sich erst einmal neben das Bett setzen, dann an die Tür, später für ein paar Minuten verschwinden. Klappt das nicht, können ­Eltern sich an Experten wenden.

Bei Bedarf hilft ein Schlaftraining

Auch für Schulkinder gibt es ambulante oder stationäre Schlaftrainingsprogramme (eine Liste der Schlafambulanzen findet man unter www.dgsm.de). In der Klinik wird zunächst untersucht, ob organische Ursachen hinter den Problemen stecken. Dies ist allerdings sehr selten der Fall. Häufiger nehmen die Kinder und ihre Eltern an einer Art Verhaltenstraining teil. In der Therapie erhalten die Eltern konkrete Tipps, und das Kind lernt Strategien, die es zu Hause anwenden kann. Schlarb hat altersentsprechende Programme dazu entwickelt, sowohl für Klein- als auch für Schulkinder. "Ich benutze suggestive Geschichten, mit denen die Kinder auf Fantasie­reise gehen", erzählt sie. Wenn etwa der Delfin immer tiefer und tiefer in das Meer tauche, wirke das suggestiv und beruhigend. Wenn der Körper entspannt ist und der Kopf auch, kann das Kind in den Schlaf gleiten. Von ganz allein.


Ein gutes Schlafklima

Damit es mit dem Einschlafen klappt, sollte die Umgebung stimmen. Folgende Faktoren helfen Schulkindern:

  • niedriger Geräuschpegel oder sogar komplette Stille
  • abgedunkelte Räume, maximal ein kleines Nachtlicht oder der offene Türspalt
  • angenehme kühle Schlaftemperaturen im Zimmer
  • elektronische Medien (Fernsehen, Handy, Tablet usw.) lange vor dem Zubettgehen ausschalten und draußen lassen
  • Das Bett sollte nur mit dem Schlafen in Verbindung gebracht werden. Spielen, Fernsehen, Musik hören findet besser an einem anderen Ort statt


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