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Trotzphase: Wie gehen Eltern damit um?

Wenn Kinder ihren eigenen Willen entdecken, kann das für Eltern ganz schön anstrengend sein. Wie Sie Trotzanfälle begleiten


„Ich will aber!!!“ – das hören Eltern von Kindern in der Trotzphase häufig

Emotions-Tsunami. So nennt Rieke Patwardhan, Diplom-Psychologin in Hamburg, das was einem Kind bei einem Trotzanfall widerfährt. „Es wird überwältigt von Wut und Verzweiflung. Gefühlen also, die es so noch nicht kennt und mit denen es deshalb auch nicht umgehen kann“, erklärt die Familienberaterin. Es fühlt sich hilflos und ausgeliefert. Denn die wenigsten Kleinen haben da schon die Fähigkeit, ihre Emotionen zu regulieren und Kompromisse einzugehen. Während der Trotzphase lernen Kinder aber genau das.


Trotzphase: Kind entdeckt eigenen Willen

Die Verwandlung vom entzückenden Nachwuchs zum trotzenden Wutzwerg passiert meist in der Mitte des zweiten Lebensjahres. Der Grund: Kinder werden in dem Alter zunehmend aktiver. Sie vergrößern ihren Radius. Und ­­damit provozieren sie ­zwangsläufig auch verstärkt ­einschränkende Reak­­tionen ihrer Eltern. Denn die wollen ihre Kleinen schützen, weil sie sich ansonsten zum Beispiel verletzen würden. Dazu kommt, dass die Kleinen zunehmend ihren eige­nen Willen entdecken. „Dies sind Meilensteine in der Entwicklung“, erklärt Professorin Ulrike Petermann, Kinderpsychologin von der Universität Bremen. „Sie führen aber dazu, dass das Erziehungsverhalten der Eltern mit den Bedürfnissen des Kindes in Konflikt gerät.“ Der Frust, nicht das machen zu dürfen, was es ­möchte, fördert beim Nachwuchs die Wut zutage. Eine anstrengende Zeit – für die Kleinen und für ­ihre ­Eltern!

Verbote überschaubar halten

Sollte man also lieber auf Verbote verzichten, um dem Kleinen Frust­­erlebnisse und sich Wutanfälle zu ersparen? Nein. Aber ­Eltern sollten sich überlegen, welche Verbote wirklich notwendig sind. „Halten Sie den Anteil der Verbote überschaubar. Eineinhalb- bis Zweijährige überblicken drei bis fünf Dinge, für Dreijährige können zwei weitere hinzukommen“, rät Ulrike Petermann. Nicht verhandelbar sollte zum Beispiel die Zu-Bett-Gehzeit sein oder dass man eine Straße nur an der Hand der Eltern überquert.

Kinder trotzen unterschiedlich stark und lange

Wie stark ausgeprägt die Phase der Wutanfälle ist und wie lange sie anhält, hängt von drei Faktoren ab:

1. dem Geschlecht – Jungen trotzen stärker als Mädchen.

2. dem Temperament – ein Kind, das schon als Baby eher schwierig war, weil es etwa viel ge­schrien hat, ist anfälliger dafür.

3. den Eltern – und wie sie mit dem Trotz ihres Kleinen umgehen. Denn es gibt durchaus Verhaltensweisen, die Trotzphasen abmildern können.

Wie reagieren Eltern beim Wutanfall am besten?

Doch welche Strategie können Eltern fahren? Lassen sich Wutattacken tatsächlich verringern? „Prävention ist möglich“, sagt ­Ulrike Petermann. „Überlegen Sie sich dafür die drei häufigsten Trotzanlässe und was Sie an den Situationen ändern können.“ Ein Beispiel: Es gibt jeden Abend Ärger, weil der Nachwuchs zu spielen aufhören muss, um ins Bett zu gehen. Anstatt dem Kind zu sagen, dass jetzt sofort Schluss ist, sollte man den Spielstopp etwa zehn Minuten vorher ankündigen und dann fünf Minuten später noch einmal daran erinnern. „So hat das Kind Zeit, sich darauf einzustellen. Das schaffen viele sehr gut“, erklärt die Psychologin. Wichtig dabei: ­solche Ankündigungen konsequent durchhalten.

Trotzanfälle stellen Eltern ­immer wieder vor eine Herausforderung – vor allem wenn sie vor Publikum passieren. Auch wenn vielen der folgende Tipp von Rieke Patwardhan zunächst schwer umsetzbar erscheint: Am wichtigsten ist, selbst ruhig zu bleiben. „Kontrollieren Sie Ihre Emotionen, und reden Sie nicht wütend auf das Kind ein“, rät die Familienberaterin. Das gelingt einem leichter, wenn man sich vorher genau überlegt hat, was man in der Situa­tion erreichen will. „Wiederholen Sie das dann mantra­mäßig, indem Sie es sich in Gedanken immer wieder vorsagen.“ Und für das Kind: ­eine kurze, klare Ansage formulieren wie etwa „Nein, ich ­kaufe dir jetzt keinen Schokoriegel“. Mehr dringt in dem Moment, in dem das ­Kleine bereits schreiend am Boden liegt, sowieso nicht zu dem Wutzwerg durch.

Was tun, wenn man die Nerven verliert?

Dennoch kann es vorkommen, dass einem mal der Gedulds­faden reißt und man seinen Nachwuchs anschreit. Das ist normal. Aber man sollte sich, wenn sich die Wogen geglättet haben, beim Kind entschuldigen. Und wie sieht es mit Ablenkungsversuchen aus, die das Kleine eventuell wieder erden? „So eine Strategie ist durchaus legitim, gerade wenn die Situation dadurch auch für einen selbst ertragbarer wird, sie sollte aber nicht zur Regel werden“, sagt Rieke Patwardhan.

Ist der Spuk vorbei und haben ­alle wieder gute Laune, sollten Eltern die Situation unbedingt noch einmal ansprechen. Ein paar Minuten genügen. „Mensch, da warst du ganz schön wütend“, könnte ein Kommentar sein. Das gibt dem gerade erlebten Gefühl einen Namen. Das Kind lernt so, was mit ihm während einer Wutattacke los ist.
Beruhigend zu wissen: Die Trotzphase wappnet die Kleinen fürs Leben. Und sie hat ein Ende. Mit vier Jahren hören bei den meisten Kindern die Wutanfälle auf. Bis dahin müssen Eltern aber auch auf sich aufpassen. „Wenn es möglich ist, sollte nicht immer nur ­einer den Frust abkriegen“, rät Rieke Patwardhan. Ist etwa abends ein Trotzanfall zu erwarten und sind beide Eltern zu Hause, könnten sie sich abstimmen, wer von beiden noch die stärkeren Nerven hat. „Eltern müssen in dieser Zeit bestmöglich für sich selbst sorgen, damit sie ihr Kind gut durch ­diese Autonomiephase begleiten ­­können.“




Bildnachweis: plainpicture GmbH & Co KG/Jens Wegener

Barbara Weichs / Baby und Familie; aktualisiert am 04.04.2014,
Bildnachweis: plainpicture GmbH & Co KG/Jens Wegener

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