Trotzphase: Wie gehen Eltern damit um?

Wenn Kinder ihren eigenen Willen entdecken, kann das für Eltern anstrengend sein. Wie sie heikle Situationen meistern

von Julia Jung und Marian Schäfer / Baby und Familie; aktualisiert am 13.04.2015

plainpicture GmbH & Co KG/Jens Wegener

„Ich will aber!!!“ – das hören Eltern von Kindern in der Trotzphase häufig

Egal ob im Supermarkt oder zu Hause: Das schreiende Kind treibt einem die Schweißperlen auf die Stirn, und schnell macht sich Verzweiflung breit: Was ist nur los? Wie kann ich meinem kleinen Wutzwerg helfen? Wie ­schaffe ich es, nicht selbst gleich die Nerven zu verlieren?

„Die Trotzphase kann hart sein. Aber Eltern haben die Aufgabe, ihr Kind da durch zu begleiten“, sagt Anja ­Briese­meis­ter, systemische Familientherapeutin in Darmstadt. Sie betont, dass es kein Patentrezept gibt, mit dem sich Trotzanfälle vermeiden lassen. Wer aber sein Kind genau beobachtet, Liebe nicht als Belohnung verteilt und in schwierigen Phasen kreativ werden kann, hilft dem Nachwuchs, später einmal eigenständig und selbst­bewusst ins Leben zu gehen.



Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll ist Diplom-Psychologin und Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München

Trotzphase: Kinder sind schnell überfordert

Die meisten Trotzanfälle passieren, weil das Kind überfordert ist. Und zwar in ganz unterschiedlicher Art und Weise: zu viele Reize im Supermarkt, eine ­­Hose, die sich partout nicht anziehen lassen will, zu wenig Zuwendung in einem stressigen Eltern-Kind-Moment oder zu viele Erwachsenen-Worte, die ein Kleinkind nicht verstehen kann. „Ein Kind ist dann schnell von seinen eigenen Emo­tionen überrollt. Es kann nicht mehr anders handeln, als zu ­­schreien und zu weinen“, erklärt Doris Heueck-Mauß, Diplom-Psychologin.

Die Kleinen können sich auch selbst überfordern. „Sagt das Kind ständig Nein oder weigert sich, etwas zu tun, ist das lediglich der Ausdruck seines Autonomie-Bedürfnisses“, erklärt Professorin Fabienne ­Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Wird dieses Bedürfnis nicht erfüllt, muss dem Ärger Luft gemacht werden.

Generell ist die Frustrations­toleranz bei den Kleinen noch nicht stark ausgeprägt. Kommen Müdigkeit oder Stress dazu, sinkt sie noch weiter. „Auch Phasen der Veränderung, zum Beispiel die Krippen-Eingewöhnung oder ein neues Geschwisterkind, machen Kindern manchmal schwer zu schaffen und lassen sie auf sonst normale Probleme viel heftiger ­reagieren“, so Heueck-Mauß. Umso wichtiger, dass Eltern ihren Kindern beistehen und ihnen helfen zu lernen, mit ihren Emotio­nen besser klarzukommen.



Anja Briesemeister ist systemische Familientherapeutin und Diplom-Pädagogin in Darmstadt

Ruhig bleiben und nicht schimpfen

Aber wie reagieren, wenn ein kleines Wesen sich da schreiend auf dem Boden wälzt? „In dieser Situation hilft eigentlich nur abwarten“, so Heueck-Mauß. „Jetzt auf das Kind einzureden, kann alles noch schlimmer machen.“ Denn der Eindruck, dass das Kind nicht ansprechbar ist, stimmt. Deshalb heißt es für die Erwachsenen jetzt, auch wenn es manchmal schwerfällt: Ruhe bewahren und warten.

Manche Kinder gehen von sich aus ein paar Schritte weg oder aus dem Raum. Diesen Abstand brauchen sie dann, und man sollte sie lassen. Trotzdem müssen Eltern signalisieren: Ich bin für dich da. „Sobald das Kind die schlimmsten Minuten überstanden hat, sollten ­Eltern ihm anbieten, es in den Arm zu nehmen und zu trösten“, rät Heueck-Mauß.

Alle drei Expertinnen betonen, dass kein Kind mit Absicht in ­diese Situationen gerät. Deshalb bitte niemals schimpfen oder drohen. Nicht während eines Trotzanfalls und nicht danach. „Ein Kind ist durch diese Situationen häufig sehr verunsichert. Deshalb müssen die Großen ihm dann Halt geben und es nicht noch mit hartem Ton verängstigen“, sagt Briesemeis­­ter, die regelmäßig Eltern berät und Elternkurse gibt.

Situation verändern und kreativ werden

Doch gerade in der Öffentlichkeit fehlen für solche Maßnahmen oft Zeit und Nerven. „Zur Not muss man das Kind einfach packen und sich mit ihm zum Beispiel ins ­Auto auf die Rückbank setzen“, rät Becker-­Stoll. Raus aus der Situation, das gilt nicht nur räumlich. „Eine Mutter hat mir mal erzählt, dass sie immer anfing zu singen, wenn ihre Kinder wieder trotzten. Die waren daraufhin so überrumpelt, dass sie sich ganz schnell wieder fangen konnten“, erzählt Becker-­Stoll.

So sollten alle Eltern etwas kreativ werden und schauen, was ihnen in den schlimmen Minuten helfen kann. Die Zweijährige weigert sich bei Minusgraden, Strumpfhosen zu tragen? Klar, sie hat gerade gelernt, wie sie sich Socken selbst anzieht. Wie wäre es mit Woll-Leggings oder langen Unterhosen ohne Füße? Das Kind kann sich die Socken anziehen und hilft anschließend bei der Hose – alle sind glücklich.



Doris Heueck-Mauß ist Diplom-Psychologin mit eigener Praxis in München

In der Trotzphase mehr Zeit einplanen

Zweijährige können Zeit noch nicht einschätzen wie Erwachsene. Also können sie auch mit fehlender Zeit wenig anfangen. Vor allem am Morgen: ­­Alle müssen aus dem Haus; wenn das Kind sich nicht anziehen lassen will und es auch nicht alleine schafft, kann es eng werden. Die Lösung: schon früher mit dem Anziehen beginnen, ­Hilfe immer wieder anbieten, aber nicht aufzwingen.

Und vorausplanen. „Es befriedigt gleichzeitig das Autonomie-Bedürfnis und nimmt den morgendlichen Stress, wenn Mama oder ­Papa und Kind sich schon am Abend vorher zusammen vor den Schrank stellen und die Kleidung für den nächsten Tag aussuchen“, rät Becker-Stoll. Auch möglich: Kompromisse finden. Lackschühchen im Winter sind ­keine ­gute Idee. Aber als Ausnahme-Hausschuhe im Kindergarten bestimmt mal machbar.

Schön, wenn nach der ­Kita nicht schon der nächste Termin wartet. Denn gerade ­Übergänge, wie die Abhol-Zeit am Nachmittag, sind für Kinder häufig anstrengend, sie sind müde und gleichzeitig aufgedreht. Dann lieber in aller Ruhe nach und nach Jacke, Schuhe und Mütze anziehen und zwischendrin reden und kuscheln. Es sollte auch noch Zeit für ein paar Laufrunden durch die Kita-Garderobe bleiben, dann ist dem ­nächsten Trotzanfall schon viel Wind ­genommen.


Wenn Kinder im Wutanfall treten und hauen

Hier gibt es keine Kompromisse, sondern ausschließlich ­klare Worte. Wenn der Wutzwerg auf die Eltern einhaut oder tritt, muss sofort deutlich gemacht werden, dass das nicht geht. „Kinder können in diesem Alter ­ihre Affekte noch nicht regulieren“, erklärt Briesemeister. „Das heißt, dass das Zweijährige in diesem Moment nicht sofort mit dem Hauen aufhören kann.“ Deshalb: Hand vorsichtig festhalten, in die Augen schauen und nach dem Anfall noch einmal deutlich sagen, dass niemals gehauen oder getreten wird und dass das wehtut.

Wenn Eltern die Nerven verlieren

Passiert jedem. „Wenn man das Gefühl hat, gleich zu explodieren: Sorgen Sie dafür, dass das Kind versorgt und sicher ist, gehen Sie aus dem Raum und reagieren sich ab“, rät Familientherapeutin Briesemeister. Psychologin Becker-Stoll betont: „Es ist normal, mal die Nerven zu verlieren. Wichtig ist, sich dafür nicht ständig in die Pfanne zu hauen.“

Ein elterlicher Wutanfall zeigt dem Kind, dass auch die Großen mal schlecht drauf sein können. „Eine gute Eltern-Kind-Beziehung hält das aus“, weiß Briesemeister. Trotzdem fühlt man sich schlecht, wenn die Stimme doch mal lauter wurde oder die Tür ziemlich heftig zuknallte. Dann hilft reden: Anderen Eltern geht es fast immer ähnlich. Und sich darüber auszutauschen entlastest oft sehr.

Trotzanfall vorbeugen: Ablenken und Stress vermeiden

Nach dem Trotzanfall ist vor dem Trotzanfall. Vermeiden lässt er sich nie ganz, aber vielen Problemen kann man vorbeugen – wenn man weiß, wo sie liegen: „Es kann helfen, eine Art Tagebuch zu führen. Dann zeigt sich recht schnell, wie die Situation vor einem Trotz­anfall war“, rät Becker-Stoll. Regel­­mäßige Koller im Supermarkt? „Größere Kinder sind glücklich, wenn sie kleinere Aufgaben bekommen, zum Beispiel die Nudeln zu holen“, so Becker-Stoll.

Kleinere lassen sich im Anfangs-Quengel-Stadium noch gut ablenken, zum Beispiel mit einem aus der Tasche gezauberten Spielzeug oder einer speziellen Bonbondose, die es nur beim Einkaufen gibt. Außerdem ratsam: Stress durch Reizüberflutung für das Kind minimieren. Ein Elternteil bleibt mit dem Kind zu Hause, der andere geht alleine einkaufen.

Zu Hause werden auch ­Kleine schon Feuer und Flamme, wenn sie helfen dürfen. Zum Beispiel nach dem Abspülen die sauberen Töpfe und Plastikdosen in die Schränke räumen. Damit sind gleich mehrere Bedürfnisse befriedigt: Zuwendung durch die gemeinsame Tätigkeit, Autonomie durch die eigene kleine Aufgabe und deren Lösung und die große Freude, wenn alles erledigt und wieder Zeit zum Spielen und ­Kuscheln ist.




Bildnachweis: W&B/Privat, plainpicture GmbH & Co KG/Jens Wegener

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